Bei den Pferdefängern von Dülmen
15.04.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Ein leichtes Grollen ist zu hören, das schnell lauter wird. «Sie kommen!», rufen einige Zuschauer begeistert, und da bebt auch schon die Erde leicht unter den Hufen der galoppierenden Herde. In einer riesigen Staubwolke stürmen rund 300 Pferde mit weit ausholenden Schritten in die hufeisenförmige Arena. Aufgeregt wiehern die Stuten und ihre Fohlen durcheinander. Der Höhepunkt des alljährlichen Wildpferdefangs in Dülmen im Münsterland hat begonnen.
Immer am letzten Samstag im Mai, diesmal also am 27. Mai, werden in Dülmen wilde Pferde eingefangen. Schon seit dem 14. Jahrhundert sind sie im Merfelder Bruch beheimatet. Vor 150 Jahren schufen die Herzöge von Croy dieses mittlerweile 350 Hektar große Reservat. Dort sind die Wildpferde weitgehend sich selbst überlassen. Nur einmal im Jahr kommt die Herde mit Menschen in Berührung: An jenem Samstag Ende Mai, wenn die so genannten Jährlingshengste herausgefangen werden.
Langsam treffen jetzt auch die Fänger ein. Die 20 Männer, die aus der Umgebung stammen, tragen eine blaue Jeanshose, ein blau-weiß gestreiftes Hemd und ein rotes Halstuch - die Arbeitskleidung hat Tradition. Besonders wichtig ist gutes Schuhwerk. Josef Schnermann ist seit 20 Jahren dabei und mit seinen 40 Jahren einer der Ältesten. Angst habe er keine, aber nervös sei er, gibt er zu. In Dülmen fangen die Männer die Pferde ohne Lasso, mit bloßen Händen. «Es ist eine Ehre», sagt Schnermann über die Aufgabe, die ihn gleich erwartet.
Die Sonne knallt auf die Arena, Tribünendächer gibt es keine. Mit Schirmen und Hüten schützen sich die Zuschauer vor den Sonnenstrahlen. Oft sind die Plätze schon Monate vorher ausverkauft. Im sandigen Rund hat derweil ein buntes Schauprogramm begonnen. Um 15.00 Uhr folgt dann der lang erwartete Höhepunkt: In einer riesigen Staubwolke galoppieren die rund 300 Tiere in die Arena und dort mehrmals im Kreis. Langsam werden sie ruhiger, fallen in Trab und Schritt, bleiben schließlich stehen und fangen sogar an zu grasen.
Mit gezieltem Blick erkennen sie, ob sich einjährige Hengste unter den Tieren befinden. «Meist versuchen wir, am Anfang nur Stuten zu fangen», erklärt Josef Schnermann. Diese treiben die Fänger in den so genannten Stutenstall. Zwei, drei Mal trennen die Männer so eine große Gruppe von der Herde ab, bis endlich der erste Junghengst gefunden ist. Dann geht alles ganz schnell: Zwei Fänger hängen sich an den Hals des Wildlings, der mit aller Kraft zu fliehen versucht.
Kraftvoll stemmt Josef Schnermann die Beine in den Boden, nur langsam bekommt er das Tier unter Kontrolle. Lautes Klatschen des Publikums feuert den Fänger an. Obwohl die Tiere nur ein Stockmaß von 1,20 bis 1,30 Meter besitzen, haben es die Dülmener in sich. Mit aller Kraft bringt Schnermann den Junghengst schließlich zu Fall. Er legt sich auf den Körper und drückt das Tier nach unten. Nun stürmen die Halfterträger herbei und legen dem Wildling das Seil an.
Den Fängern rinnt der Schweiß die Gesichter entlang. Immer mehr Junghengste drängen sich in den abgetrennten Pferchen auf der anderen Seite der Arena. Dort wartet Richard Paschert auf sie. Der Schlosser aus Dülmen verpasst den Wildlingen das Brandzeichen des Herzog von Croy: Eine Krone und zwei sich kreuzende «C» brennt er ins Fell, das er vorher mit der Schere bearbeitet hat. Neugierige Zuschauer versuchen, über die Holzgitter hinweg die Pferde zu streicheln.
Nach gut anderthalb Stunden sind alle Junghengste von der Herde getrennt. Das Herausfangen ist nötig, um Inzucht und erbitterte Rangkämpfe zu verhindern. Die Tiere werden direkt im Anschluss in der Arena meistbietend versteigert. Unter Führung von Forstinspektorin Rövekamp stellen sich die Fänger noch einmal vor dem Herzog von Croy auf und geben die offizielle Abschlussmeldung. Dann werden die Gitter der Stutenställe geöffnet, und im wilden Galopp verlassen die Tiere die Arena - bis zum nächsten Jahr. Nur eine Staubwolke bleibt zurück. (dpa)

