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Bei den Pferdefängern von Dülmen

15. Apr 2006 22:58
Wildpferdfang im Münsterland
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Für die 20 Männer ist es eine Ehre: Ohne Lasso, mit bloßen Händen fangen sie die Junghengste aus der Wildpferdherde – eine Tradition im Münsterland, eine Attraktion für Besucher.

Von Nicole Jankowski

Ein leichtes Grollen ist zu hören, das schnell lauter wird. «Sie kommen!», rufen einige Zuschauer begeistert, und da bebt auch schon die Erde leicht unter den Hufen der galoppierenden Herde. In einer riesigen Staubwolke stürmen rund 300 Pferde mit weit ausholenden Schritten in die hufeisenförmige Arena. Aufgeregt wiehern die Stuten und ihre Fohlen durcheinander. Der Höhepunkt des alljährlichen Wildpferdefangs in Dülmen im Münsterland hat begonnen.

Immer am letzten Samstag im Mai, diesmal also am 27. Mai, werden in Dülmen wilde Pferde eingefangen. Schon seit dem 14. Jahrhundert sind sie im Merfelder Bruch beheimatet. Vor 150 Jahren schufen die Herzöge von Croy dieses mittlerweile 350 Hektar große Reservat. Dort sind die Wildpferde weitgehend sich selbst überlassen. Nur einmal im Jahr kommt die Herde mit Menschen in Berührung: An jenem Samstag Ende Mai, wenn die so genannten Jährlingshengste herausgefangen werden.

«Es ist eine Ehre»

Um 10.00 Uhr ist es noch sehr ruhig an der Wildpferdebahn, die ersten Besucher sitzen außerhalb der Arena im Gras und frühstücken. Frösche quaken im See, hohe Bäume spenden Schatten. Um 11.00 Uhr kommt dann Bewegung in die Massen: Es gilt, einen ersten Blick auf die Herde zu erhaschen. Denn die wird jetzt von der Weidefläche hinter einem kleinen Wald auf das eingezäunte Gelände davor getrieben. Aufgeregt stehen Besucher vor dem Stacheldrahtzaun und betrachten die Tiere. Von dem Rummel völlig unbeeindruckt, wälzen sich die Pferde im Staub oder fressen ein bisschen Gras.

Langsam treffen jetzt auch die Fänger ein. Die 20 Männer, die aus der Umgebung stammen, tragen eine blaue Jeanshose, ein blau-weiß gestreiftes Hemd und ein rotes Halstuch - die Arbeitskleidung hat Tradition. Besonders wichtig ist gutes Schuhwerk. Josef Schnermann ist seit 20 Jahren dabei und mit seinen 40 Jahren einer der Ältesten. Angst habe er keine, aber nervös sei er, gibt er zu. In Dülmen fangen die Männer die Pferde ohne Lasso, mit bloßen Händen. «Es ist eine Ehre», sagt Schnermann über die Aufgabe, die ihn gleich erwartet.

Die Sonne knallt auf die Arena, Tribünendächer gibt es keine. Mit Schirmen und Hüten schützen sich die Zuschauer vor den Sonnenstrahlen. Oft sind die Plätze schon Monate vorher ausverkauft. Im sandigen Rund hat derweil ein buntes Schauprogramm begonnen. Um 15.00 Uhr folgt dann der lang erwartete Höhepunkt: In einer riesigen Staubwolke galoppieren die rund 300 Tiere in die Arena und dort mehrmals im Kreis. Langsam werden sie ruhiger, fallen in Trab und Schritt, bleiben schließlich stehen und fangen sogar an zu grasen.

Junghengst auf der Flucht

Unter Leitung von Friederike Rövekamp, der Forstinspektorin des Merfelder Bruchs, postiert sich die Fängergruppe vor dem Herzog von Croy und macht feierlich Meldung über die Zahl der Pferde und der Fänger. Der Herzog gibt den Pferdefang frei, und endlich dürfen die Fänger in Aktion treten. Im Laufschritt nähern sich die Männer der Herde und bilden eine lange Kette. So sondern sie kleine Gruppen von 10 bis 20 Pferden von der Herde ab, während die übrigen Tiere in eine andere Ecke der Arena galoppieren. Johlend und laut rufend treiben die Fänger die aussortierten Tiere in eine der zwei Fangecken.

Mit gezieltem Blick erkennen sie, ob sich einjährige Hengste unter den Tieren befinden. «Meist versuchen wir, am Anfang nur Stuten zu fangen», erklärt Josef Schnermann. Diese treiben die Fänger in den so genannten Stutenstall. Zwei, drei Mal trennen die Männer so eine große Gruppe von der Herde ab, bis endlich der erste Junghengst gefunden ist. Dann geht alles ganz schnell: Zwei Fänger hängen sich an den Hals des Wildlings, der mit aller Kraft zu fliehen versucht.

Kraftvoll stemmt Josef Schnermann die Beine in den Boden, nur langsam bekommt er das Tier unter Kontrolle. Lautes Klatschen des Publikums feuert den Fänger an. Obwohl die Tiere nur ein Stockmaß von 1,20 bis 1,30 Meter besitzen, haben es die Dülmener in sich. Mit aller Kraft bringt Schnermann den Junghengst schließlich zu Fall. Er legt sich auf den Körper und drückt das Tier nach unten. Nun stürmen die Halfterträger herbei und legen dem Wildling das Seil an.

Eine Krone und zwei kreuzende «C»

Noch hat der Fänger nicht über das Tier gesiegt. Bockend und wild zerrend, versucht der Wildling, seine Freiheit wieder zu erlangen. «Am besten ist es jetzt, das Pferd an der langen Leine langsam ermüden zu lassen», sagt Schnermann. Doch das ist leichter gesagt als getan, wenn sich der Junghengst plötzlich in die Sicherheit der Herde flüchtet und den Fänger am Seil hinter sich herzieht.

Den Fängern rinnt der Schweiß die Gesichter entlang. Immer mehr Junghengste drängen sich in den abgetrennten Pferchen auf der anderen Seite der Arena. Dort wartet Richard Paschert auf sie. Der Schlosser aus Dülmen verpasst den Wildlingen das Brandzeichen des Herzog von Croy: Eine Krone und zwei sich kreuzende «C» brennt er ins Fell, das er vorher mit der Schere bearbeitet hat. Neugierige Zuschauer versuchen, über die Holzgitter hinweg die Pferde zu streicheln.

Nach gut anderthalb Stunden sind alle Junghengste von der Herde getrennt. Das Herausfangen ist nötig, um Inzucht und erbitterte Rangkämpfe zu verhindern. Die Tiere werden direkt im Anschluss in der Arena meistbietend versteigert. Unter Führung von Forstinspektorin Rövekamp stellen sich die Fänger noch einmal vor dem Herzog von Croy auf und geben die offizielle Abschlussmeldung. Dann werden die Gitter der Stutenställe geöffnet, und im wilden Galopp verlassen die Tiere die Arena - bis zum nächsten Jahr. Nur eine Staubwolke bleibt zurück. (dpa)

 
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