Immer mehr Kirchen erheben Eintritt
13.03.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Joan Bestard-Comas kann sich noch gut an den aufgebrachten Österreicher erinnern, der vor kurzem bei ihm in der Sakristei stand. Der Mann habe für seinen verstorbenen Vater beten wollen und kein Verständnis dafür gehabt, dass er für den Eintritt in die Kathedrale vier Euro zahlen sollte, erzählt der Domkapitular aus Palma de Mallorca. Urlauber und Geistliche dürften künftig häufiger solche Zusammenstöße haben. Denn nach Einschätzung von Experten wird die Zahl der Kirchenbauten, für die Eintritt erhoben wird, steigen.
Palma de Mallorca ist schon heute bei weitem kein Einzelfall, zum Beispiel auch im Berliner Dom werden Eintrittsgebühren kassiert. «Immer mehr Einrichtungen werden dazu übergehen müssen, Geld zu verlangen», sagt Michael Weber, Städtischer Verkehrsdirektor in Nürnberg. Um die Bauten zu erhalten, sei es notwendig, die zur Kasse zu bitten, die zu ihrer Abnutzung beitragen.
Das Kassieren an der Kirchentür ist alles andere als frei von Problemen, wie der Fall des aufgeregten Österreichers zeigt. «In Rothenburg ob der Tauber kostet der Kircheneintritt schon lange Geld. Wer glaubhaft machen kann, dass er zum Beten kommt, darf aber immer kostenlos rein», sagt Weber.
In der Tat erfüllen Gotteshäuser für viele Besucher mehrere Zwecke gleichzeitig, waren sich die Teilnehmer des ITB-Kirchenforums einig: Oft werden sie als Architekturdenkmäler und Aufbewahrungsorte für Kunstschätze, aber auch als sehr spirituelle Orte wahrgenommen. In der Dresdener Frauenkirche versucht man darauf einzugehen, indem um 12.00 und 18.00 Uhr Andachten mit Orgelmusik gehalten werden, an die sich eine Kirchenführung anschließt. In der Kathedrale von Palma wird dagegen stärker getrennt: Zu den Gottesdiensten am Wochenende sowie werktags von 8.00 bis 10.00 Uhr ist der Eintritt für alle, die beten wollen, kostenlos. Wenn tagsüber die Touristen kommen, wird kassiert.
Für Gruppenreisende ergeben sich dafür oft ganz andere Probleme bei Kirchenbesichtigungen: «Immer häufiger dürfen wir unsere eigenen Reiseführer dort nichts erzählen lassen, weil aus Gründen der Arbeitsplatzsicherung nur lokale Führer zugelassen sind», erläutert Röwekamp. Das gelte in Spanien etwa für die Kathedrale von Burgos und den Zielort des Jakobswegs, Santiago de Compostela.
Um das Problem zu umgehen, erzählen die Führer des Veranstalters jetzt ihr Wissen draußen vor der Kirchentür oder bereits im Bus. In Italien sei aber auch das oft nicht möglich: «Da stehen die lokalen Guides schon an den Stadttoren und warten auf die Busse.» Ein Problem gebe es vor allem dann, wenn ohne Pause nur Daten heruntergebetet werden. Solche Informationen haben sich viele Urlauber bereits selbst erarbeitet. «Wichtiger ist, Zusammenhänge zu erklären», so Röwekamp.
Manchmal müssen es aber gar nicht die großartige Baukunst und der weit ausholende Vortrag sein, der Menschen für eine Kirche einnimmt. «Auch viele kleine Dorfkirchen haben eine besondere Wirkung auf Besucher», hat Michael Weber beobachtet. Auch die Beispiele einer bisweilen naiven Volksfrömmigkeit «rühren viele Menschen heute an». In solchen Gotteshäusern findet der Urlauber das, was er sucht, nicht selten auch ohne Profi-Führer - und noch dazu völlig kostenlos. (dpa/gms)

