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Gambia: Auf der Suche nach der eigenen Zeit

29. Nov 2005 13:49
Frauen im Gambia
An der Küste mit ihren weißen Stränden bietet Gambia Massentourismus für Charter-Touristen. Doch es gibt auch Regionen, wo der Tourismus eine Art Entwicklungshilfe ist - und der Urlauber fast ein Einheimischer.

Zimmer Nummer 6 liegt, Fliegengitter bewehrt, in einer Rundhütte mit einem karoförmigen Guckloch an der Frontseite – ohne Scheibe natürlich. Zimmer 6, mit Elefantengras bewachsen, ist ein leicht faulig riechender Raum, sein Mobiliar bilden eine kleine Holzkommode und ein hartes Bett, über dem ein löchriges Moskitonetz hängt. Eine Decke gibt es nicht, das Kopfkissen ist klein, und um Mitternacht geht das Licht aus. Dann wird im «Tumani Tenda Ecotourism Camp» am Fluss Gambia der Generator ausgeschaltet. Der Reisende ist endlich in Afrika angekommen.

«Fühlen Sie sich zu Hause und finden Sie Ihre Zeit», hatte Sulayman Sonko, der Camp-Leiter, schon bei der Begrüßung gesagt, und wie man jetzt so da liegt, wach von der Hitze, kreisen die Gedanken um diese Sätze.

Suche nach dem Zuhause-Gefühl

Wie soll man sich zu Hause fühlen ohne Strom und mit wenig Wasser? Und wie soll man «seine Zeit finden», wo es den Nachbarn, den Einheimischen, die 500 Meter weiter in dem Dorf Tumani Tenda leben, noch ungleich schlechter geht. Den Kindern, die mit Kastanien auf blanker Erde spielen. Den Jugendlichen, die Trinkwasser aus den beiden Dorfbrunnen ziehen und dann in sieben Gehöfte tragen müssen. Und erst den Frauen des Dorfes, deren mancher Mann drei hat, und die dennoch alle bis in den späten Abend hinein schuften, an den Zutaten fürs einzige warme Essen arbeiten müssen, die Hühner rupfen, den Mais stampfen, die Bohnen schälen, dabei immer fein gekleidet.

«Finden Sie ihre Zeit», hatte Sulayman gesagt, und erst die Zeit macht klar, welches Privileg er einem dabei gewährte: das Privileg ausreichender Muße inmitten einer Gemeinschaft, die täglich am Überleben arbeitet.

350 Menschen leben in Tumani Tenda, fast die Hälfte sind Kinder. Sie alle bauen Melonen und Tomaten an. Sie hüten Schafe und Ziegen. Sie ernten Austern, um sie dann auf dem Markt in Banjul, der Hauptstadt, zu verkaufen. «Kasumai?», hatte die erste Frau am Dorfeingang gefragt, der hinter riesigen Mangobäumen und einem Weg voller Kuhfladen und Schmeißfliegen liegt.

«Kasumai kep»

«Wie geht es Dir?» Man war kritisch, weil die Frage die Antwort ähnlich wie das englische «How are you?» vorweg nimmt und diese also stets «Kasumai kep!» lautet, «Es geht mir gut». Aber jede andere Reaktion, das ist klar, als sämtliche Lichter erloschen sind, wäre auch verwegen. Zu deutlich hat jeder Schritt, von der einzigen Backstube aus, vorbei an der Moschee, hin zum kargen Grundschulgebäude, offenbart, dass in dieser Welt, rein materiell betrachtet, gut ist, was in Europa Anlass zur Klage wäre: Die Erste-Hilfe-Station, die kaum ausreicht, Schwangere zu versorgen. Der Dorfsportplatz, den hier kniehohes Unkraut bedeckt und dort tiefer Sand. Oder die Rinde des Mahagoni-Baumes, die, so sagt der Wunderheiler des Ortes, das beste gängige Mittel gegen Durchfall sei.

Haus am Gambia River
Aber Tumani Tenda entwickelt sich, und das vergleichsweise gut. Es ist ein reicher Ort im armen Gambia. Nicht nur, weil es hier in der Regel ausreichend regnet und der nahe Fluss, die 1100 Kilometer lange Lebensader des kleinsten Staates Afrikas, Austern und andere Salzwassertiere bereit hält. Vor allem leben seine Bewohner das, was man in Europa als Utopie bezeichnen würde: Gemeinschaft, Basisdemokratie, ein wenig Rousseau à l’Africaine.

Muslimisch geprägter, kommunistisch organisierter Kibbuz

Klaus Betz, der Dorf und Camp für die Auszeichnung mit dem Preis für sozialverantwortlichen Tourismus ToDo! begutachtet hat, erkennt in Tumani Tenda eine Art «muslimisch geprägten, kommunistisch organisierten Kibbuz». Und in der Tat erhebt sich offene Rede und Gegenrede, als am Nachmittag unter dem Ficus im Zentrum über die Gaben der Vergangenheit diskutiert wird. Über die Zeit vor 37 Jahren, als dort, wo heute Tumani Tenda ist, nur Dschungel war. Und über das Wachstum des 300 Hektar großen Dorfes, das sieben Großfamilien anzog, weil das Land nichts kostete und der Glaube gebot, dass integriert wurde, wer kam.

Sulayman Sonko, der Wirtschaftswissenschaften in Dakar und Bordeaux studiert hat, hält wenig von europäischer Sozialtheorie: Rousseau, sagt er, sei ihm ein Begriff. «Aber der gehört nicht hierher.» Vielmehr ließen sich so, wie Tumani Tenda es versuche, die Probleme des Alltags eben am besten bewältigen: Das Dorf bezahlt die Schulhefte der Jugendlichen, auch für die medizinische Versorgung kommt die Gemeinschaft auf.

Arbeit im Öko-Tourismus

Sogar ein Kühlhaus für die bisweilen überzähligen Mangos soll gebaut werden. Und selbst wenn das nicht von Anfang an jedem Einwohner gefiel, schließt das Fortschrittskonzept jene ein, die sich an anderen Orten in Gambia lediglich der warmen Wintersonne wegen aufhalten: Touristen, die einen soliden Nebenverdienst gewährleisten.

Zwölf Einwohner von Tumani Tenda arbeiten im Ecotourism Camp. Etwa 150 Reisende besuchen den Ort jedes Jahr, sagt Sonko, «Rucksackurlauber und Entwicklungsarbeiter, auch Vogelliebhaber». Sie kommen mit dem Boot über den Fluss oder mit dem Buschtaxi von Banjul über Brikamar, die Kreisstadt der Western Division, und sie erleben eine intensivere Begegnung mit den Einheimischen als es ihnen zuvor möglich war.

Gegenentwurf zum Massentourismus

Die Zugereisten dürfen mit sprechen und mit beten an der Bantaba, wie der zentrale Versammlungsplatz heißt. Frauen zeigen den Touristen, wie man Kleider färbt und Austern zubereitet. Die Jugend des Dorfes lädt zum Vergleich der Kontinente auf dem Bolzplatz ein. Und der Medizinmann führt durch den Wald, um über die Grundstoffe der gambischen Volksgesundheit aufzuklären.

Tumani Tenda ist der Gegenentwurf zum Massentourismus an der gambischen Meeresküste: zu den Drei-, Vier- und Fünf-Sterne-Hotelburgen, deren Gäste in Charterfliegern herangebracht werden, um dann meist unter sich – und gelegentlich mit Prostituierten – die Ferien zu verbringen.

Wer dort das Hotel verlässt, trifft auf viele freundliche Menschen. Er trifft jedoch auch auf die «bumsters», lokale Guides, die aus Verzweiflung über den Mangel an anderen Einnahmemöglichkeiten aggressiv ihre Dienste anbieten. Die Angst vor den Straßenjungen aber hält viele Hotelgäste davon ab, sich den Menschen dort zu nähern.

Interessen der Großkonzerne

Die Reiseveranstalter und Hotelkonzerne, vor allem aus Großbritannien und Skandinavien, haben daran auch kein großes Interesse. Jeder Euro, der außerhalb der Hotelmauern ausgegeben wird, fließt schließlich an ihren Konten vorbei. Deshalb bieten sie bevorzugt All-Inclusive-Verköstigung an. Deshalb chauffieren sie die Urlauber zu festen Zeiten in klimatisierten Bussen auf Golfplätze oder zum Albert Market in Banjul, wo sie das obligatorische Souvenir erstehen können – und sogleich wieder zurück.

Und deshalb laden sie wohl auch mit Versprechungen wie folgender zu organisierten Eintages-Ausflügen an den einstigen Sklavenverschiffungsort Juffureh ein: «Das muss man gemacht haben! Eine richtig schöne Bootstour auf dem Fluss Gambia (keine Wellen!) kombiniert mit der Geschichte über die Sklaverei.»

Wichtigste Einnahmequelle

All diese Praktiken, glauben Organisationen wie Gambia Tourism Concern (GTC), stünden der Entwicklung Gambias langfristig entgegen. Zumal der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle nach der Landwirtschaft ist – und die Gambier deren Launen daher ziemlich hilflos ausgesetzt sind: Als sich vor vier Jahren wichtige Reiseunternehmen zurückzogen, seien viele Familien verarmt, sagt GTC-Gründer Adama Bah. Es litten selbst die Händler, die bis dahin, vor den Hoteleinfahrten wartend, die Brosamen des Tourismusgeschäfts abbekommen hatten.

Die staatliche Gambia Tourism Authority (GTA), die im Jahr 2012 eine Million Urlauber in Gambia zählen will, setzt dennoch auf den Bau weiterer großer Hotels mit Hilfe europäischer Investoren. GTC-Mitarbeiter versuchen indes am gegenseitigen Verständnis von Reisenden und Gambiern zu arbeiten: Sie geben ehemaligen «bumsters» Tipps zum richtigen Umgang mit Reisenden.

Sozialverträglicher Tourismus

Sie schulen die Straßenjungen um zu Händlern, die Hefte vertreiben, in denen über ihre Probleme berichtet wird. Sie helfen kleinen Handwerksbetrieben und Hoteliers mit Trainingsprogrammen gegen die Übermacht der Internationalen. Und sie unterstützen Projekte wie Tumani Tenda. Niemand komme schließlich nach Gambia, um ein schlechter Tourist zu sein, sagt Adama Bah zur Begründung. «Aber wir brauchen einen anderen Tourismus. Tumani Tenda bietet ihn.» Sozialverträglichen Tourismus, wie er im Fachjargon heißt.

Dass diese propagierte Verträglichkeit nicht Gleichheit in Armut bedeuten kann, hat Sulayman Sonko gleichwohl lernen müssen: Selbst bescheidene Touristen beschwerten sich – obwohl ansonsten voll des Lobes über das harmonische Dorfleben – im ausliegenden Gästebuch über den spärlichen Komfort des Camps. Fließendes warmes Wasser speist deshalb inzwischen eine Dusche, die sich in einem erhöht liegenden Lehmbau befindet. Selbst die Spülung der angeschlossenen Toilette funktioniert, bisweilen. Zu essen und zu trinken – Fisch, Gemüse, Reis, Coca Cola, mittags und abends –, gibt es mehr als die Einheimischen sich leisten können. Hängematten säumen die Tische. Und selbstverständlich haben auch nur die fünf Camp-Hütten überhaupt elektrisches Licht. (weg.de)

 
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