Von Sophie Albers «Wollt ihr ins Gefängnis, oder was?», schnauzt Officer Grant durch das vorsichtig heruntergefahrene Seitenfenster. Schweigen im Wagen auf dem Highway 15 irgendwo zwischen Las Vegas und Bakersfield. «No Sir!», sagt die junge Frau am Steuer schließlich und macht große Augen. Das gefällt dem Mann von der Highway Patrol, der wie im Film eine verspiegelte Fliegerbrille trägt und die etwas zu schnell Reisenden mit Blaurotlicht auf den Standstreifen beordert hatte. Nachdem er mit ebenfalls filmreifem Geschrei noch ein bisschen Angst verbreitet hat, darf weiter gefahren werden – sogar auf eine Geldstrafe verzichtet der Officer. Glück für uns, denn das hätte ziemlich teuer werden können.
«Hinter der Grenze kann er uns egal sein», beruhigt Diana, eine 23-jährige Australierin, die eingeschüchterten Mitfahrer und drückt wieder aufs Gas. Die Macht der Highway Patrol ist staatengebunden. Start in San Francisco Angefangen hatte die kleine Amerika-Tour in San Francisco, dem Westküsten-Kleinod, das mit seinem Hippy-Chic, der grandiosen Lage am Pazifik und wunderbar umgesetzter Stadtplanung einen traumhaften Lebensstil verspricht, für den man allerdings, um ihn sich überhaupt leisten zu können, so viel arbeiten müsste, dass man nur wenig davon hätte. Über die Bay Bridge, die viele Erstbesucher für die Golden Gate Bridge halten, da diese sich die meiste Zeit im Nebel versteckt, geht es raus aus der Stadt und über die Berge, die verhindern, dass es in San Francisco jemals so heiß wird wie im Hinterland. Angesetzt sind für die Staatentournee gerade mal drei Tage. Wenn man sich auf der Fahrt nach Vegas Zeit lässt, ist bereits ein Tag um. Doch schon das entspannte Cruisen auf dem Highway sorgt bei allen Beteiligten für «Thelma&Louise»-Gefühle. Johnny Cash und Tahachapi Weil wir keinen Reservereifen dabei haben, beschließen wir, nicht durchs Death Valley zu fahren. Doch auch so zeigt sich Amerikas Westen von seiner rauen Seite. Nachdem man diverse scheinbar nur aus einem riesigen Einkaufszentrum, einer Tankstelle und einer Drive-in-Bank bestehende Städtchen passiert hat und am Tahachapi-Pass Windräder bewundern konnte, die Hügel besetzen wie ein Insektenschwarm, erstreckt sich zu beiden Seiten des Highways plattes Land. Kurz vor der Mojave Wüste taucht erstmals das aus Western bekannte tumble weed auf, Buschballen, die über die Straße taumeln und so gut zum gleißenden Gelbton der Umgebung passen.
Im Irgendwo bei Twentynine Palms steht hinter der Kasse ein freundlicher alter Mann und fragt, wo man denn herkomme: «Welcome to America!», ruft er dann fröhlich. Körperlich und seelisch gestärkt geht es zurück ins Auto. Und während man die weltbesten Kekse kaut, ziehen draußen Joshua Trees vorbei. Halbmond über Vegas Die letzten Meilen vor Las Vegas sind in der Dämmerung besonders eindrucksvoll. Vorbei an kleinen Wüstenorten, die scheinbar versucht haben, etwas vom Vegas-Glanz abzuzwacken oder auch am größten Gefängnis der Gegend, das High Desert State Prison 46 Meilen vor Vegas. Um neun Uhr abends hängt ein perfekter Halbmond wie eine zerteilte Zitronenscheibe über dem falschen Eiffelturm gleich neben der falschen Venedig-Lagune am Las Vegas Boulevard. Die Prachtstraße, die alle nur The Strip nennen, ist fast immer verstopft, doch ist das Stop-and-Go eine wunderbare Möglichkeit, dieses Plastik-Wunderland genauer zu betrachten. Atemberaubend ist der Blick zur Einflugschneise des großen Flughafens dieser Stadt in der Wüste. Wie Perlen an einer Kette schweben die Flugzeuge hinab - mit so kurzem Abstand wie auf einem Flugzeugträger. All you can eat Trotz zahlreicher Rentner-Ausflugsgruppen und Horden vergnügungssüchtiger Teenager ist eine Bleibe hier schnell gefunden: Das Angebot reicht von einer schäbigen, aber sehr stimmungsvollen Motelabsteige für 50 Dollar für ein Vier-Bett-Zimmer bis zur Luxus-Suite für mehrere hundert Dollar in einem der Nobelhotels. Die sind allerdings noch immer verhältnismäßig günstig. Schließlich sollen die Gäste ihr Geld nicht an der Rezeption sondern am Spieltisch lassen. Auch Speisen kann man in sehr unterschiedlichem Ambiente: Da gibt es das All-you-can-eat-Buffet für acht Dollar in einer Mall, und nur ein paar Häuser weiter lockt das Fünf-Sterne-Menü eines gefeierten chef de cuisine. Wir haben eine Nacht in der Stadt der geplünderten Kreditkarten. Also nehmen wir das Buffet und beschließen, so viel wie möglich zu sehen, anstatt in einem der kreischend bunt blinkenden Casinos zu versacken - auch wenn die dicken Teppiche im Bellagio oder Ceasar's Palace offenbar genau dafür ausgelegt worden sind. Der Kater nach der Party Am nächsten Morgen folgt der Kater nach der guten Party und der ernüchternde Blick in das Morgengesicht der Partybekanntschaft. Las Vegas sieht bei Tageslicht betrachtet deutlich weniger spektakulär aus. Die große Pyramide zum Beispiel wirkt wie aus Pappe, und man hat das Gefühl, sie würde einstürzen, wenn man nur einmal ordentlich dagegen träte. Der Strip scheint nur noch eine Disney-Version des Sündenbabels. Man verschläft den Tag hier wohl besser und geht erst wieder raus, wenn die Sonne untergeht. Nach einer großen Ladung Pancakes fahren wir schnell weiter. Ziel: Grand Canyon. An der nahen Grenze von Nevada nach Arizona machen wir noch Halt am Hoover Dam, eines der größten Stauwerke der Welt. Ein großes Loch im Boden Anfang der dreißiger Jahre hatte die US-Regierung beschlossen, die Wasserversorgung der trockenen Region durch die Stauung des Colorado River zu gewährleisten. Also wurde dieses unfassbar große Loch in den Felsen gesprengt. Für uns eine gute Vorbereitung auf das andere große Loch im amerikanischen Boden. Von heftigen Sturmböhen, die einen fast über das Geländer des Damms fegen, angetrieben, geht es über den Highway 89 durch Orte wie Ash Fork und Williams zum Grand Canyon Nationalpark. Wir kommen wieder im Dunkeln an, und für kurze Aufregung sorgt das Zusammentreffen mit einer Klapperschlange, die wir leider überfahren haben.
Kaum zu ertragende Proportionen Nach einer etwas unbequemen Nacht freuen wir uns auf Entspannung am Rande eines Naturereignisses. Doch kommt es ganz anders: Uns wird angesichts des Canyon erst einmal schlecht. Wir stehen vor etwas, das aussieht wie ein Gemälde, doch erstrecken sich diese Schluchten und scharfzackigen Plateaus tatsächlich hunderte Kilometer weit ins Land und geben dabei eine wunderbare Studie der Verblauung ab. Dieser Fluss, der vom Ausblickspunkt aussieht wie ein Rinnsaal, ist der mächtige Colorado River, bisweilen 1800 Meter tief. Und natürlich geht es vor unseren Füßen auch gleich mehrere Kilometer steil abwärts. Diese Proportionen sind kaum zu ertragen. Wir picknicken mit dem Rücken zum Canyon. Sechs Millionen Jahre gescheuert und gespült
An Aussichtspunkten wie Hopi House und Yavapai Point kann man aussteigen und sich in Besucherzentren über die Geschichte der Hotels am Canyon informieren und in Touristenshops «echten» Indianer-Schmuck kaufen. Bis der weiße Mann kam, gehörte der Canyon jahrhundertelang den Navajo, den Hopi, den Havasupai, den Paiute und den Hualapai. Laut Experten hat die Natur drei bis sechs Millionen Jahre gebraucht, um den Canyon in den Fels zu schneiden, zu scheuern und zu spülen. Die letzten ihrer Art Vor der Bright Angel Lodge, wo sich einige Touristen einmieten, um am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang zu ihrer Tour in den Canyon aufzubrechen, treffen wir einen netten amerikanischen Studenten, der eine kreisrunde, ziemlich große Antenne in der Luft schwenkt. Zuerst halten wir ihn für jemanden, der sich auf dem Weg zur Area 51 verirrt hat, doch schließlich fragen wir einfach: Er sei Biologe, klärt uns Matt auf. Und er sei auf Kondore spezialisiert. Diese geierartigen Riesenvögel kennen die meisten Menschen nur noch aus Western, denn einen Kondor in freier Wildbahn zu sehen, sei ziemlich selten. Im Canyon fliegen die letzten ihrer Art. Sechs Stück hätten sie mit Peilsendern versehen, und so könne er sie beobachten, sagt der Vogelexperte und schwenkt die Antenne zum Abschied. Auf zur Küste Wir machen uns auf den Weg zurück nach Kalifornien. Eine lange Fahrt liegt vor uns, rund 16 Stunden sind es bis zur Küste. Nach stundenlangem Gasgeben und dem Schrecken, den Officer Grant uns in Nevada eingejagt hat, suchen wir in Kaliforniens Mitte ein Motel für die Nacht. Wir finden auch eins in einem Kaff namens Ludlow, und nach einem Frühstück neben der Zapfsäule geht es am nächsten Morgen weiter Richtung Bakersfield. Wir kreuzen den Highway fünf und auch Nummer 101. In Paso Robles biegen wir ab Richtung Cambria, und dann wird unsere eilige Fahrt reich belohnt: Vor uns liegt der Pazifik, und von nun an geht es gemächlich auf dem Highway 1 gen Norden. Zum Schreien schön Es ist zum Schreien schön: Mal erinnert das Meer an Hawaii, während sich auf der anderen Seite die Highlands auf Steroiden präsentieren. In dem traumhaften Ort Big Sur fahren wir plötzlich durch einen Eukalyptuswald. Als nächstes kollidiert das Azurblau des Himmels mit dem Gelb scheinbar grenzenloser Rapsfelder. Irgendwo dazwischen liegt in den Santa Lucia Mountains das größenwahnsinnige Schloss des Zeitungs-Tycoons William Randolph Hearst, und immer wieder laden wunderschöne Weingüter zur Probe. Wir machen Halt in Monterey, diesem netten biederen Küstenörtchen, wo einst Clint Eastwood Bürgermeister war. Wir erhoffen uns mehr von Santa Cruz, der Stadt der Surfer. In einem kleinen Motel nahe des Strandes ruhen wir uns aus. Am Morgen geht es zum Frühstück ans Meer. Es ist ruhig in Santa Cruz im Mai. Der Vergnügungspark am Strand ist noch geschlossen, der Rhythmus der Stadt gemächlich. Doch wir müssen weiter, denn wir haben schon den vierten Tag. Surfer-Mekka Etwa 28 Meilen vor San Francisco machen wir noch einmal Halt: in Half Moon Bay. Lange war die Stadt für nichts weiter bekannt als Kürbisse. Doch in den Neunzigern wurde die Küste zum Surfer-Mekka. Schließlich liegt hier Mavericks, ein Ort mit Wellen so groß und gefährlich wie sonst nur vor Hawaii. Und dann ist auch schon das Ende unseres Roadtrips zu sehen, die Skyline von San Francisco. Kinderleicht scheint das Einfädeln auf den großzügigen Zubringern, und mit einem Mal ist man wieder in der Stadt, wo wir unser treues Gefährt - übrigens ein weißes Ford Mustang Cabriolet - leider wieder bei der Autovermietung abgeben müssen.
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