26.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Lustige Spielleute bei der "Landshuter Hochzeit" 2005
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Alle vier Jahre wird in der niederbayerischen Stadt die pompöse Party von 1475 nachgespielt, als Herzog Georg eine polnische Königstochter zum Altar führte. Zur «Landshuter Hochzeit» kommen sogar aus Übersee viele Gäste.
Kein Paar würde sich heute eine solche Hochzeit wünschen arrangiert und mit politischem Kalkül: «Ein Nutz für Christenheit und Reich» sollte die schillernde Heirat von Landshuts Herzog Georg dem Reichen mit der polnischen Königstocher Hedwig im 15. Jahrhundert sein, so steht es in den Geschichtsbüchern. Von Liebe war nicht die Rede. Dieser Mangel tat den Feierlichkeiten damals keinen Abbruch und tut es heute erst recht nicht. Wenn sich Landshut vom 27. Juni bis 19. Juli mit aufwändigen Tanz- und Musikdarbietungen, Ritterturnieren, Lagerleben und Umzügen in eine mittelalterliche Bühne verwandelt, wird an eines der pompösesten Feste des europäischen Hochadels im ausgehenden Mittelalter erinnert: die Landshuter Hochzeit von 1475.
Bereits ein Jahr zuvor begannen die Verhandlungen um die adelige Eheschließung, die den europäischen Einfluss der Wittelsbacher durch die Verbindung mit der polnischen Königsdynastie weiter festigen sollte. Der Klerus leistete dazu seinen Beitrag: Im Auftrag von Georgs Vater, Herzog Ludwig dem Reichen, wurden der Propst von Altötting und der Bischof von Regensburg, ausgestattet mit reichlich Geschenken, nach Polen geschickt, um dort die Hochzeit zu vereinbaren. Mit dieser Verbindung sollte die Position des christlichen Abendlandes insbesondere im Kampf gegen die Osmanen gestärkt werden.
Das Paar brauchte einen DolmetscherEine christliche Ehevorbereitung gab es nicht: Georg kannte seine Braut nicht einmal persönlich, sondern nach den historischen Quellen nur von einem Bild, das zuvor von Polen nach Niederbayern geschickt worden war. Gesehen hat er sie erst, nachdem sie mit Gefolge in Landshut eingezogen war. Auch dann konnte das Paar nicht miteinander sprechen, sondern musste aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse über Dolmetscher kommunizieren.
Von der Trauung selbst ist folgendes überliefert: Die Braut wurde unter Paukenschlägen und Trompetenklängen von deutschen und polnischen Fürsten zur Martinskirche geleitet. Nachdem sie von Hofdamen in der Seitenkapelle umgekleidet worden war, führte sie Kaiser Friedrich III. durch ein Spalier ranghöchster Festgäste zum Hochaltar. Nach der Zeremonie stimmten Chor und Organist des Erzbischofs das «Te Deum laudamus» an, steht in den Chroniken und es heißt weiter: «und da man sie hinausführte, da hing sie das Angesicht nieder, und das Schläfentuch hing ihr vor die Augen, und sie weinte sehr...»
Eine halbe Million Besucher kommenZu dem größten europäischen Historienspiel mit mehr als 2400 Mitwirkenden werden mehr als eine halbe Million Gäste auch aus China, Australien und Kanada in Landshut erwartet. Prominente Vertreter von Politik, Wirtschaft und Kirche, darunter der bayerische evangelische Landesbischof Johannes Friedrich, der Münchner katholische Erzbischof Reinhard Marx sowie der Regensburger evangelische Regionalbischof Hans-Martin Weiss, wollen die Festveranstaltungen besuchen, die nur alle vier Jahre stattfinden. Geistliche Konzerte sollen Einblick in die Musik zur Zeit der Landshuter Hochzeit geben.
In den nächsten drei Wochen wird die gotische Stadt eintauchen in eine möglichst originalgetreue mittelalterliche Szenerie: Gaukler und Musikanten ziehen durch die Straßen, Moriskentänzer zeigen im Rathausprunksaal ihr akrobatisches Können, Fahnenschwinger treten in der Burg Trausnitz auf, adelige Reiter stechen mit Lanzen, und Zigeuner campieren im Lager. Das Landshuter Hochzeitspaar wird vergnügt mitfeiern.
Student und Schülerin als DarstellerStadtwachen und Fahnenwerfer, Ritter und Fürsten, Komödianten und Musikanten, Ratsherren und Bürger, Edelfräulein, Bettelleut' und Bewacher des Brautgut-Wagens defilieren an den Zuschauern vorbei, die Stadt hallt wider von dem historisch überlieferten Ruf «Himmel Landshut tausend Landshut!». Mittendrin der Bräutigam, der von dem 21-jährigen Studenten Johannes Gamel gespielt wird. Er reitet neben einem vergoldeten Prachtwagen einher, der von acht Schimmeln gezogen wird und aus dem die Prinzessin - die 17-jährige Schülerin Lisa Dräxlmaier - den Hochzeitsgästen zulächelt.
«Es ist das größte Historienfest Europas», sagt Ernst Pöschl, Vorsitzender der «Förderer». Stolz verweist er darauf, dass alle Rollen des Historienspiels mit normalen Bürgern besetzt seien. Auch bei den Ritterturnieren treten keine Stuntmen auf, sondern Landshuter, die viele Stunden geübt haben, bevor sie aufeinander losstürmen in 40 Kilogramm schweren Rüstungen und mit Lanzen. Diese sind freilich nicht mehr eisenbewehrt, sondern aus Balsaholz, das leicht splittert und höchstens blaue Flecken gibt.
Piercings und Handys sind tabuAlle Kostüme und über 10.000 Requisiten sind so getreu wie möglich hergestellt worden, von den spätgotischen Schnabelschuhen über die zweifarbigen Strumpfhosen der Männer oder die bunten Kleider der Marketenderinnen bis hin zu den Spitzhüten der Falkner und dem Zaumzeug der Reiter sind Eheringe und Handys, Piercings und Armbanduhren sind für die kostümierten Akteure tabu. Die Ampeln in der Stadt werden mit Sackleinen verhüllt. Als den Fürsten-Darstellern vor Jahren einmal Kartoffeln kredenzt wurden, gab es unter den Hochzeitern einen veritablen Aufruhr: Schließlich war Amerika 1475 noch nicht entdeckt, die Speisekarte wurde korrigiert.
Aber weder die Hochzeiter von 1475 mussten darben noch die heutigen Spieler. Der Brautvater, Herzog Ludwig der Reiche, hielt die 10.000 Hochzeitsgäste damals acht Tage lang frei. Zwei Chronisten hatten so unzählige Details überliefert, dass das Fest heute facettenreich nachgespielt werden kann. Bis auf den Humpen genau notierten sie, was alles in die Mägen der Hochzeitsgäste wanderte: 194.345 Eier, 323 Ochsen, 684 Sauen und 1537 Lämmer wurden verspeist und mit 5616 Fässern Wein und Bier hinuntergespült. Auch dieser Teil des historischen Geschehens wird in Landshut gerne nachgelebt. (epd/AP)