02.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Bullerbü-Hütte am See
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Keine Termine, keine E-Mails, kein Verkehrslärm: Das ist Luxus für die Seele. Luxus im klassischen Sinne bekommt man nicht in den Hütten mitten in Finnland, dafür aber selbst gesammelte Preiselbeeren und selbst geangelten Fisch.
Der letzte Außenposten mit Supermarkt heißt Viitasaari, ein Dorf in Mittel-Finnland. Hier wird noch einmal ein Großeinkauf getätigt, dann geht es auf die letzten 38 Kilometer in Richtung Einsamkeit: Erst noch auf der Europastraße, dann auf einer schmalen Landstraße und einer Schotterpiste und schließlich auf einem Feldweg. Nach dem Umkurven einiger Schlaglöcher kommt das Ziel in Sicht: ein Holzhaus, rot mit weißen Fenstern, auf einem sattgrünen Hang mit Birken. Im Hintergrund schimmert blau der See. So oder so ähnlich beginnt für viele Deutsche der Sommerurlaub in Finnland.
Im Ferienhaus fließt die Zeit langsamer - zumindest fühlt es sich so an. Für zwei Wochen bleibt der Alltag ausgeblendet: Keine Termine, weder E-Mails noch Verkehrslärm, keine Nachbarn, keine Nachrichten. Das ist Luxus für die Seele. Luxus im klassischen Sinne bietet die Blockhütte dagegen nicht: Der Herd hat zwei Platten, Kühlschrank und Kaffeemaschine sind die einzigen weiteren Elektrogeräte. Trinkwasser muss mit Eimern aus dem Brunnen gekurbelt und zum Haus geschleppt werden. Das Klo ist ein separater Bretterverschlag von rustikaler Gemütlichkeit: ein Donnerbalken mit Styropor-Toilettenbrille.
Der Urlaubsalltag plätschert dahin wie die Wellen am Seeufer. Ausflüge lohnen kaum, denn die Dörfer und Städte der Umgebung sind arm an Kultur und Sehenswürdigkeiten. Außerdem funktioniert das öffentliche Leben im Hochsommer wochenlang nur im Notbetrieb. Ein Großteil der 5,3 Millionen Finnen sucht ebenfalls den Abstand zum Alltag und flüchtet ins mökki, das Ferienhaus am See. Fast jeder noch so technikverliebte Großstadtfinne ist insgeheim ein Naturbursche.
Mächtige Abdrücke von BärentatzenDer Urlauber macht es also wie die Einheimischen: Er rudert auf dem See, angelt Hechte, Zander oder Barsche, schürt Lagerfeuer und grillt den Fang, oder er erkundet den Wald hinter der Hütte. Alte Bäume gibt es dort aber kaum: Die Forstwirtschaft, in Mittel-Finnland einer der wichtigsten Arbeitgeber, hat fast alle Wälder schon einmal mit ihren Erntemaschinen platt gemacht und neu aufgeforstet. Übrig bleibt nach so einer Aktion eine traurige Kraterlandschaft. Zwischen Kiefern und Wacholderbüschen stromern aber auch Elche und Bären herum. Meister Petz zeigt sich nie, doch mächtige Tatzenabdrücke verraten seine Gegenwart und erhöhen bei Spaziergängen die Spannung.
Auf dem Waldboden reifen Blau-, Preisel- und Moltebeeren, nach Regengüssen schießen Steinpilze, Pfifferlinge und Maronen aus dem Boden. Vor der Hütte hat der Vermieter Dill, Erdbeeren, Zwiebeln, Porree und Minze gepflanzt. Zeit zum Schnippeln und Köcheln gibt es genug, und so wird das Abendmenü mit den frischen Zutaten aus See, Wald und Garten oft zum Tageshöhepunkt: Hechtsuppe mit Milch und Dill, Blaubeerkuchen aus dem Holzbackofen, Erdbeerjoghurt mit Minze.
Sauna als Krönung des TagesKrönung jedes zweiten Ferientages ist das Schwitzbad am Abend. Im Saunahaus wollen zwei Öfen mit Birken- und Kiefernholzscheiten gefüttert werden: Einer wärmt die Saunasteine und die Luft, der andere einen Tank voller Seewasser für die Wäsche. Saunaregeln wie in einem deutschen Fitnessclub darf man in Finnland getrost vergessen - erlaubt ist, was gefällt. Schweiß aufs Holz - na und? Wird alles nachher weggeschrubbt. Und wenn zur Abkühlung auf der Saunabank ein Bier geöffnet wird, stört auch das niemanden. Die einzige Saunaregel, mit der die Finnen es streng nehmen, ist die Geschlechtertrennung: Außer im engsten Familienkreis schwitzen Männer und Frauen separat.
Die Sommernächte im Norden sind manchmal so lau, dass man noch lange auf dem Holzsteg sitzt und zusieht, wie die Sonne die wenigen Wolken pink, orange und karminrot färbt und dann, begleitet vom Tanz der Mücken, gegen Mitternacht hinter dem Waldsaum verschwindet.
Finnische Melancholie im TanzlokalDort am Ufer tanzen die Finnen durch die Nächte: In einer Tanzdiele sind die Besucher aufgekratzt, beschwingt und zum Teil auch beschwipst. Eine Sängerin, blondiert und an die 60, singt von Herzschmerz und Küssen im Mondlicht. Die Tanzfläche ist immer voll, die Schritte sitzen. Jeder Finne auf dem Land muss das Tanzen beherrschen, genauso wie das Fische-Räuchern oder den richtigen Umgang mit der Motorsäge.
Endlose Akkordeon-Tonleitern in Moll, triefende Geigensoli, traurige Texte - kurz vor Torschluss um 2.00 Uhr am Morgen liegt die sprichwörtliche finnische Melancholie in der Luft. Als das Tanzlokal schließt, schlendern etliche Gäste zum Strand, schieben ihre Boote in den See, starten den Außenborder und fahren in ihr Ferienhaus.
Der neue Tag bringt Sonne und Wolken, später Gewitter. Wieder ein Sommermenü, wieder ein Saunaabend - die Uhr tickt langsam, die Tage ähneln sich, und dennoch galoppiert die Zeit am See dahin. Der Abschied fällt schwer. Vom Feldweg geht es auf die Schotterpiste, die Landstraße, die Europastraße. Tanken in Viitasaari, dann zur Fähre, über die Ostsee, zurück in den Alltag. Aber zwei Wochen in Finnlands Natur haben eine Langzeitwirkung: Wenn ein Tag mal wieder hektisch war oder stressig, hilft ein einfaches Rezept: Augen schließen, ans Bullerbü-Haus denken, an den See, die Sauna und die Sonnenuntergänge. (Jan Dube, dpa)