Gotteshäuser im Norden:
Schätze aus Backstein
07. Sep 2008 10:07
 |  Die Klostermauern von Dobbertin | Foto: dpa |
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Viele der Kirchen und Klöster in Mecklenburg-Vorpommern haben ihren Ursprung im Mittelalter. Heute sind die meisten restauriert und einige haben auch ganz moderne Funktionen, zum Beispiel als Radfahrer- oder Hörspielkirche.
Zum Wasser ist es in Mecklenburg-Vorpommern nie weit. Und fast genauso allgegenwärtig sind die weithin sichtbaren, dunkelroten Backsteintürme. «Das Land besitzt einen ungeheuren Schatz an Dorfkirchen. Selbst Pfarrkirchen haben oft die monumentale Größe von Kathedralen», sagt Prof. Gottfried Kiesow, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, über die Einzigartigkeit mecklenburg-vorpommerscher Baudenkmäler. Für viele von ihnen haben Zisterzienser- oder Benediktinermönche im Mittelalter den Grundstein gelegt, zur Blütezeit der Hansestädte.
«Damals entstanden die meisten Backsteinkirchen: Häuser von atemberaubender Schönheit und wuchtiger Größe», sagt Andreas Flade, Oberkirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs in Schwerin. Backsteinkirchen prägen noch heute das Bild der Landeshauptstadt, aber auch der benachbarten Hansestädte: In Wismar zum Beispiel arbeiten Denkmalpfleger seit 1990 am Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten St.-Georgen-Kirche.
Die größte Stellwagen-Orgel Europas
Inzwischen wird sie wieder für kulturelle und kirchliche Veranstaltungen genutzt. «Sie ist eine lebende Baustelle und galt einst als treuester Nachbau der St.-Marien-Kirche in Lübeck», erklärt Gottfried Kiesow. Auf dem großen Turm wird eine Aussichtsplattform entstehen. «Von dort eröffnet sich ein wunderbarer Blick auf die Wismar-Bucht.» Ausgrabungen zeigen gewaltige Fundament- und Säulenreste. Eine 3D-Animation im Innenraum des Turmes erklärt, wie der gigantische Bau im Mittelalter entstanden sein könnte. In den Außenanlagen können große und kleine Besucher in einer Schaumanufaktur sehen, wie Backsteine im Mittelalter produziert worden sind.
Die drei großen Kirchen in der Hansestadt Stralsund verbindet neben dem roten Backstein noch eines: die Musikalität. «Die Bezeichnung Orgelstadt ist keineswegs übertrieben», sagt Mathias Pech, Kantor von St. Nikolai. Die 1841 von Carl August Buchholz erbaute Orgel gilt nach seinen Angaben mit ihren heute 56 Registern als größte noch erhaltene Orgel ihres Erbauers. Sie wurde 2006 nach dreijähriger Restaurierung eingeweiht. In diesem Herbst wird auch die Orgel der St.-Marien-Kirche wieder in Betrieb genommen. Die Stellwagen-Orgel ist die größte, die in Europa noch existiert, und die einzige große Barockorgel, die in einer norddeutschen Backsteinbasilika erhalten ist.
Hörspielkirche und Radfahrerkirche
Die dritte Stralsunder Kirche, St. Jacobi, wird als Kulturkirche für Konzerte genutzt. Sie ist ein Beispiel dafür, wie in einem Bundesland, in dem nur jeder Fünfte einer christlichen Konfession angehört, Gotteshäuser auch genutzt werden können. «Als Kirchen werden sie nur noch zum Teil benötigt», sagt Andreas Flade. «Doch sie werden noch gebraucht: Als Erinnerung an den Glauben - und sie sind für Urlauber Orte der Einkehr und der Besinnung.» So findet in der St.-Marien-Kirche in Rostock immer mittags eine kurze Andacht statt. Die Landeskirche hat sich dafür entschieden, Kirchen in ihrem Charakter zu erhalten, aber auch nach neuen Nutzungsmöglichkeiten suchen. So entstanden im Bundesland schon eine Kulturkirche in Landow auf Rügen, eine Hörspielkirche an der Müritz oder eine Radfahrerkirche in Ribnitz-Damgarten.
Für Harald Ringstorff, Noch-Ministerpräsident des Landes, gibt es viele Beispiele für modernes Leben in alten Mauern und vielfältige Nutzungsmöglichkeiten: Das Kloster Dobbertin oder das Kloster Zum Heiligen Kreuz in Rostock hält er für gelungene Beispiele: Während im Rostocker Kloster das kulturhistorische Museum der Hansestadt und die einzige Universitätskirche im Osten Deutschlands eine Heimat gefunden haben, hat sich in den Klostermauern von Dobbertin die Diakonie niedergelassen.
Pilgern als Flucht aus Stress und Hektik
Hier gibt es Wohnräume, eine Schule und Werkstätten für behinderte Menschen, aber auch ein öffentliches Kaffee und eine Zweigstelle der Theodor-Fontane-Gesellschaft. Fontane hat in diesem Kloster Anregungen für seinen «Stechlin» gefunden, aber auch seine vertraute Freundin Mathilde von Rohr, Konventualin des Klosters. Heutzutage haben die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern das Kloster als Spielort entdeckt.Zurzeit gibt es Bestrebungen, die 26 Klöster im Land stärker zu vernetzen. Die alten Pilgerwege sind historische Spuren eines einst florierenden Netzwerkes. Viele Deutsche wandern gern im Urlaub. «40 Prozent von ihnen würden auch pilgern», sagt Bernd Fischer, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern. «Pilgern ist eine Flucht aus Stress und Hektik. Unsere Landschaft in Verbindung mit einzigartiger Architektur sind dabei besondere Erlebnisse.» (Katja Müller, dpa)