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Abseits vom Sündenpfuhl Las Vegas: 

Ein «weißer Kragen» erzählt von Vergangenem

27. Aug 2008 14:37
Der «weiße Kragen» an den Felswänden des Lake Mead
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Wenn einem am Red Rock Canyon der Wüstenwind um die Ohren pfeift, oder am Hoover-Damm der Lake Mead gegen die Felswände schwappt, dann sind Leuchtreklamen und einarmige Banditen vergessen. Fernab von der «Stadt der Sünde» gibt es viel zu entdecken.

Ein lautes Klingeln, und wieder drehen sich die Walzen mit den Dollarzeichen. Ein Mann im karierten Hemd starrt den «einarmigen Banditen» an, nervös zieht er an seiner Zigarette. Einige Meter weiter kreischen junge Frauen in Kleidern mit Spaghettiträgern, eine von ihnen hat gerade im Roulette gewonnen. Aus den Boxen an der Decke dringt die Stimme von Tom Jones, der seiner «Sexbomb» huldigt.

Momentaufnahmen wie diese schnappen Urlauber in Las Vegas jeden Tag auf. Die Metropole im US-Staat Nevada ist zwar längst viel mehr als eine Kasinohochburg, doch Glücksspiel, bunte Lichter und schrille Farben sind weiterhin allgegenwärtig. Nicht jedermann erträgt das rund um die Uhr. Ausgleich und Entspannung sind aber nur einen Tagesausflug entfernt - etwa am Hoover-Damm und im Red Rock Canyon.

Alan Clabeaux macht ein bedeutungsvolles Gesicht. «Jetzt sind wir gerade von 6,6 Millionen Tonnen Beton umgeben», sagt er. «Das ist die größte Menge Beton, die jemals an einem Ort zusammengetragen wurde.» Clabeaux steht mit seinen Begleitern im Sockel des Hoover-Damm, der an der Grenze der Staaten Nevada und Arizona den Lake Mead aufstaut. Auch der ist ein Rekordhalter: Er ist der größte Stausee der USA.

Der Tourismus spielt eine Nebenrolle

Von Las Vegas aus ist der Hoover-Damm schnell erreicht, die Fahrt mit dem Auto dauert weniger als eine Stunde. «Wir profitieren sehr von der Nähe zu Las Vegas», sagt Bob Walsh von der Staudammbehörde. «Vor dem 11. September 2001 hatten wir knapp 1,2 Millionen Besucher im Jahr, inzwischen sind es wieder knapp eine Million.» Nach den Terroranschlägen in New York und Washington waren die Besichtigungen des Damms aus Sicherheitsgründen drei Monate lang ganz ausgesetzt und dann nur eingeschränkt wieder aufgenommen worden. Ins Innere geht es sogar erst wieder seit Dezember 2007, und noch immer bekommen Besucher nicht alles zu sehen, was vor dem 11. September gezeigt wurde. Einen Besuch wert ist der riesige Betonbrocken aber dennoch.

Der Staudamm besteht aus 6,6 Millionen Tonnen Beton
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Gut 221 Meter hoch spannt sich die hellgrau-beige Wand durch die Schlucht. Ganz unten bringt es der Damm auf eine Stärke von gut 201 Metern, nach oben verjüngt er sich auf fast 14 Meter. Über die Krone des Damms verläuft eine stark befahrene Fernstraße, manchmal bilden sich hier lange Staus. Wie lange das noch so bleibt, ist unklar: Von der Staumauer aus gut zu sehen ist die Baustelle einer Brücke, die den US-Highway 93 an anderer Stelle über den Black Canyon leiten wird. Die Eröffnung ist für das Jahr 2010 geplant. «Wir wissen noch nicht, ob es weiterhin Autos auf dem Damm geben wird», sagt Walsh.

Doch auch wenn es angesichts der großen Parkplätze und der vielen Menschen im Besucherzentrum anders aussieht: Der Tourismus spielt im Alltag am Hoover-Damm eine Nebenrolle. Drei Aufgaben hat die Betonwand zu erfüllen: Sie kontrolliert den Pegel des Colorado River, sie bietet ein Wasserreservoir für die Landwirte flussabwärts in Südkalifornien, und sie dient der Stromerzeugung. All das erfahren Besucher bei den Führungen, die täglich von 9 bis etwa 17 Uhr angeboten werden. Die kürzere und günstigere Tour führt zu den riesigen Turbinen am Fuß des Damms und wieder zurück ans Tageslicht, die längere und teurere auch deutlich tiefer in das Bauwerk hinein.

Ein Ausflug in die Vergangenheit

Alan Clabeaux ist anzumerken, wie stolz er auf die Leistung der Ingenieure und Arbeiter ist, die während der Weltwirtschaftskrise von 1931 an hart schuften mussten, um den Damm zu bauen. 96 Menschen kamen auf der Baustelle ums Leben, bis die Mauer im Jahr 1935 fertig war - immerhin 26 Monate eher als eigentlich geplant. «Der Damm kann ein Erdbeben der Stärke 8,6 überstehen», erzählt der Gästeführer. «Gäbe es ein solches Beben hier im Süden von Nevada, dann wäre der Damm vermutlich der sicherste Ort im Südwesten der USA.»

Ein Tunnel im Inneren des Hoover-Damms
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Das Spazieren durch die engen Tunnel im Damm ist manchmal ein Ausflug in die Vergangenheit - die Herausforderungen der Gegenwart haben Besucher dagegen besser von der Mauerkrone aus im Blick. Sie sehen von dort die steilen Felswände, gegen die das Wasser des Lake Mead schwappt. Darüber ist das Gestein gut 30 Meter hoch hell eingefärbt - die obere Kante des «weißen Kragens» markiert das Wasserniveau von 1999, als der Lake Mead zu 97 Prozent gefüllt war.

Seitdem geht es bergab, «im Moment ist der See nur zu 49 Prozent gefüllt», erläutert Bob Walsh. Zwar habe es auch in den 50er und 60er Jahren schon Zeiten mit sehr wenig Niederschlag in den Bergen Nevadas gegeben, «doch was wir nun brauchen, sind mehrere Winter in Folge mit überdurchschnittlich viel Schnee, um das Reservoir wieder zu füllen». Ansonsten bekommen Kaliforniens Landwirte irgendwann große Probleme.

662 Milliarden Liter Wasser pro Jahr

Wasser in der Wüste - nicht nur am Hoover-Damm mit seiner kargen, felsigen Umgebung ist das ein großes Thema. Auch im Erlebniszentrum Springs Preserve gehört der Umgang mit dem kostbaren Nass zu den Schwerpunkten der Ausstellung. Die im Mai 2007 eröffnete Anlage ist eine Mischung aus interaktivem Museum und Bildungsstätte, die ihren Besuchern ein nachhaltiges, umweltfreundliches Leben ans Herz legen möchte. Sie liegt im Stadtgebiet von Las Vegas, ein Besuch kann für Gäste der Kasinohotels aber trotzdem ein Tagesausflug sein - denn in der Springs Preserve gibt es eine Menge zu entdecken.

Die Stadt der Sünde:
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«Hier auf dem Gelände war früher die einzige Quelle im ganzen Tal. Deshalb wurde Las Vegas auch genau hier gegründet», erzählt Kendall Christian, der das «Desert Living Center» in der Anlage leitet. Seit den 50er Jahren sprudelt zwar kein Wasser mehr aus dem Boden, aber vier bis acht Meter darunter fließt es immer noch und wird für die Nutzung in Häusern und Hotels hochgepumpt. In der Ausstellung erfahren Besucher, dass der Wasserverbrauch in Las Vegas in den 40er Jahren bei 2,65 Milliarden Liter jährlich lag - heute sind es gut 662 Milliarden Liter. «Den Verbrauch pro Person haben wir schon senken können, aber die Stadt wächst halt sehr schnell», sagt Christian.

«Seid vorsichtig mit der Erde» - diese Botschaft sollen Besucher der Springs Preserve nach Hause mitnehmen. Es gibt viele praktische Tipps, etwa dazu, wie natürliche Baumaterialien dabei helfen, Häuser kühl- und dadurch den Strombedarf der Klimaanlagen geringzuhalten. Auch der Gründungsgeschichte von Las Vegas kommen Touristen hier auf die Spur. Nachgestellt ist etwa eine Landauktion im Jahr 1905, als eine Eisenbahngesellschaft Parzellen für 500 Dollar verkaufte, die heute Millionen wert sind. Zum Museumskomplex gehören außerdem gut 2,4 Kilometer Wanderwege durch eine Sandhügel-Landschaft, die den Besuchern die Tier- und Pflanzenwelt der Wüste Nevadas nahebringen.

Über staubigen Wüstenboden hinauf auf die bunten Sandsteinfelsen

Wer dabei Lust auf mehr bekommt, muss die Stadt von der Springs Preserve aus nur in Richtung Westen verlassen. Der Highway 159 führt zunächst mehrspurig aus Las Vegas heraus, doch sobald die letzten Häuser im Rückspiegel erscheinen, verjüngt er sich auf eine Fahrbahn pro Richtung, und der Verkehr nimmt schlagartig ab. Das Ziel dieses Tagesausflugs ist das Naturschutzgebiet Red Rock Canyon mit seinen vielen Wanderwegen. Erschlossen werden sie durch eine fast 21 Kilometer lange Ringstraße, an deren Beginn die Autofahrer 5 Dollar (3,40 Euro) Maut zahlen müssen. An mehreren Parkplätzen zweigen dann Pfade von der Straße ab. Sie führen über staubigen Wüstenboden, durch manches ausgetrocknete Bachbett und hinauf auf die bunten Sandsteinfelsen.

Vor allem für Hobbyfotografen interessant sind die «Calico Hills» gleich am Beginn der Route, deren rote Färbung immer intensiver zu werden scheint, je länger der Nachmittag dauert. Populär sind auch die Wanderwege in den «Ice Box Canyon» hinein sowie zum «Lost Creek». Dort sorgt in den Wintermonaten ein leicht erreichbarer Wasserfall für etwa Abkühlung, der im Sommer aber bestenfalls tröpfelt.

Stille im Red Rock Canyon
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Rund eine Million Menschen besuchen das Schutzgebiet jedes Jahr. Wie am Hoover-Damm wären es wohl auch am Red Rock Canyon deutlich weniger, wenn nicht Las Vegas so nahe läge. Zu spüren ist der Besucherandrang aber kaum: Auf den Parkplätzen stehen zwar fast immer einige Autos, doch auf den Pfaden kann es passieren, dass Wanderer nur alle halbe Stunde jemandem begegnen. Da lässt sich dann in Ruhe der Rucksack ablegen, während der Blick zu den Hochhäusern von Las Vegas schweift, die in gut 20 Kilometer Entfernung zu erkennen sind. Nur der warme Wüstenwind pfeift einem hier oben am Berg um die Ohren, sonst ist es still - während da unten in den Hotels bestimmt schon wieder Tom Jones aus der Kasinodecke plärrt und vor den «einarmigen Banditen» ein Spieler in einem karierten Hemd nervös an seiner Zigarette zieht. (Christian Röwekamp, dpa)
 
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