Okinawa und Miyako:
Japanerinnen im Dirndl auf Trauminseln
21.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Okinawa ist eine Insel der Kontraste, die sich grob in drei Regionen aufteilen lässt: erstens den dicht besiedelten Süden mit der Hauptstadt Naha, zweitens die von US-Militärbasen geprägte Mitte und drittens den bergigen, grünen Norden, ein riesiger botanischer Garten. Der Süden ist ein geschichtsträchtiges Gebiet: Hier tobte von April bis Juni 1945 die letzte große Landschlacht des Zweiten Weltkriegs, zugleich die erste und heftigste auf japanischem Boden.
In erbitterten Kämpfen zwangen die Amerikaner die japanischen Verteidiger zur Aufgabe. Mehr als 200 000 Menschen starben, darunter fast 100 000 Zivilisten, gut ein Sechstel der Inselbevölkerung. Das unterirdische Hauptquartier der kaiserlich-japanischen Marine auf Okinawa ist ein Museum und kann besichtigt werden: Zu sehen ist ein 450 Meter langes Tunnelsystem mit Original-Möbeln, alter Propaganda («Amerikaner sind keine Menschen») und Granatsplittern im Beton.
Viele Orte in der Nähe der US-Stützpunkte, etwa Kadena und Mihama, sehen längst aus wie amerikanische Städte - mit US-Supermärkten und Fast-Food-Ketten, mit Graffiti, die völlig untypisch für Japan sind, sowie mit Bars, die «Tennessee» oder «Chicago» heißen. Selbst die Sushi-Restaurants bieten hier «Hamburger-Sushi» an - Reisbällchen mit Frikadelle und Ketchup, die in Algenpapier gewickelt und in Sojasoße gedippt werden. Für japanische Urlauber ist dieses Stück Westen in Fernost so spannend, dass es inzwischen zu einer lokalen Touristenattraktion aufgestiegen ist.
Die Urlauberhochburg ist Naha, wo 1945 kein Stein auf dem anderen blieb, was die schlichte Nachkriegs-Architektur erklärt, die der in kriegszerstörten deutschen Städten erstaunlich ähnlich ist. Spannend ist Naha trotzdem, vor allem entlang der Einkaufs- und Restaurantstraße Kokusai-Dori, von der auch der überdachte Markt abzweigt. Hier werden allerlei Souvenirs verkauft, aber auch lokale Spezialitäten wie Sake-Chili-Soße, Rohrzucker-Bonbons und hochprozentiger Reisschnaps namens Awamori.
Shuri-jo war über vier Jahrhunderte das Machtzentrum des Königreichs Ryukyu, das Verbindungen vor allem nach China pflegte. Erst im Jahr 1879 wurde Ryukyu dem japanischen Kaiserreich eingegliedert. Das hat Auswirkungen bis heute: Der lokale Dialekt ist mit dem Chinesischen verwandt, auch die Küche ist stark chinesisch geprägt, was sich in der Vorliebe für Schweinernes niederschlägt: Rippchen, Schweineohren und Haxen zählen zu den lokalen Delikatessen.
Die Kunde von den heldenhaften Japanern machte in Deutschland seinerzeit die Runde, und Kaiser Wilhelm I. war so angetan, dass er ein Denkmal stiftete. Es steht noch heute in Miyakos Hauptstadt Hirara und verkündet auf Chinesisch und Deutsch: «In dankbarer Erinnerung dieses rühmlichen Benehmens haben wir Wilhelm von Gottes Gnaden, Deutscher Kaiser, König von Preußen, die Aufstellung dieses Denkmals zu bleibender Erinnerung angeordnet.»
Die Begeisterung der Deutschen für Miyako kühlte mit den Jahrzehnten ab, erst Schröder brachte das Eiland hierzulande wieder ein wenig in Erinnerung. Hingegen entwickelte sich in umgekehrter Richtung ein enormes Interesse der Einwohner Miyakos für Deutschland: Man setzte ebenfalls Gedenksteine, knüpfte Partnerschaften mit deutschen Gemeinden und eröffnete schließlich dort, wo die deutschen Seeleute 1873 an Land gingen, 1992 das «Deutsche Kulturdorf Ueno».
Dazu gibt es im Schloss eine große Ausstellung über Deutschland, deutsche Geschichte - und Klischees: Die obligatorischen Bierkrüge fehlen genauso wenig wie Schwarzwalduhren und Würste, akkurat als Plastikmodell nachgemacht. Die Geschichte des «Robertson»-Untergangs und die heldenhafte Rettung der Besatzung durch die Japaner nimmt einen großen Teil der informativen, gut gemachten Ausstellung ein.
Rund 40 000 Japaner pro Jahr schauen sich das Museum an, weitere 80 000 besichtigen das «Deutsche Kulturdorf», fotografieren sich vor den Erkern und Türmchen oder dem Baum, den Bundeskanzler Schröder gepflanzt hat. Manche füttern das Gänsepaar, viele trinken deutsches Bier im Restaurant «Landhaus» und statten dem Souvenirgeschäft einen Besuch ab. Von Nussknackern über Weihnachtsschmuck bis zur Diddl-Maus verkauft das Personal - Japanerinnen im Dirndl - jede Menge Kitsch. Aus Deutschland kommt aber nur ein Teil der Ware, viele Produkte sind mit einem «Made in China»-Aufkleber versehen - die Globalisierung macht auch vor deutschem Kulturgut nicht halt. (Thomas Gross, dpa)

