Berliner «Kanzler-U-Bahn»:
Toter Tunnel auf dem Präsentierteller
21. Jul 2008 11:58
 |  Geister-Bahnhof der U55: Station "Bundestag" | Foto: dpa |
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Erst sollte die neue Berliner U-Bahn-Linie U55 zur WM startklar sein und zum Reichstag rollen. Dann wurde die Eröffnung auf Mitte 2007 verschoben, dann auf Herbst 2008 und nun auf Mitte 2009. Kritiker sprechen von «Wahnsinn».
Im Berliner U-Bahnhof Bundestag gibt es alles, nur keinen Eingang. Die Zugänge zum Geisterbahnhof mitten im Regierungsviertel sind seit Jahren verriegelt. Zuletzt waren sie im Juni geöffnet, um geneigtes Opernpublikum einzulassen. Im Untergrund gab Regisseur Christoph Hagel eine moderne Fassung der Zauberflöte.
Mozart in der U-Bahn, Kulturfreunde reizte dieser ungewöhnliche Ort. Für die Verkehrspolitik der Hauptstadt ist das eher ein trauriges Signal. Zwölf Jahre nach Baubeginn rollt die «Kanzler-U-Bahn» noch immer nicht zwischen Hauptbahnhof, Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor. Sie ist zu einer unendlichen Geschichte geworden, wie ein teurer Schildbürgerstreich in der Hauptstadt.
Die Hoffnung schwand schnell
Ende Juli ist es vier Jahre her, dass die Baugrube für den Bahnhof Brandenburger Tor eingerichtet wurde. Das galt immerhin als Hoffnungssignal für den baldigen Start eines Mini-Shuttles unter dem Regierungsviertel, offizieller Name U55, Spitzname «Kanzler-U-Bahn». Die Hoffnung schwand schnell. Unter anderem verzögerten Grundwasser-Einbrüche den Bahnhofsneubau, der ursprünglich auf 28 Millionen Euro angelegt war. Inzwischen stehen Baukosten-Nachforderungen der Firma Hochtief in Höhe von 22 Millionen Euro im Raum – kein gutes Omen. Dass am Pariser Platz überhaupt noch gebuddelt wird, nennt der kritische Berliner Fahrgastverband IGEB inzwischen eine «reine Imagesache». Der Vorsitzende Christfried Tschepe glaubt, dass der U-Bahnbau an weniger prominenter Stelle längst eingestellt worden wäre. Tote Tunnel als stumme Zeugen von Fehlplanungen der Vergangenheit sind im Berliner U-Bahn-Netz keine Seltenheit.
Der Bund verdonnerte Berlin weiterzugraben
Doch im Regierungsviertel liegen Geisterbahnhöfe auf dem Präsentierteller. Für Bundestagsabgeordnete ist es wenig reizvoll, Besuchergruppen aus dem Wahlkreis auf Dauer an einem Steuergelder-Millionengrab vorbeilaufen zu lassen. Es war der Bund, der Berlin 2002 zwang, die U-Bahn-Arbeiten fortzusetzen. Die Hauptstadt hatte sie zu dieser Zeit aus Geldnot gestoppt. Weitergraben – oder 170 Millionen Euro Bundesgelder als Strafe zurückzahlen, lautete die scharfe Ansage des Bundes. Die hoch verschuldete Hauptstadt ließ zähneknirschend weiterarbeiten und kündigte das U-Bahn-Shuttle zur Fußballweltmeisterschaft 2006 an.
Daraus ist nichts geworden. Die Eröffnung der Strecke wurde erst auf Mitte 2007 verschoben, dann auf Herbst 2008. Inzwischen gehen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) von einer Eröffnung im Sommer 2009 aus – falls der Senat die 1,8 Kilometer lange Stummellinie dann überhaupt bestellt. Die BVG hält den Betrieb des Teilstücks für unwirtschaftlich. Und Christfried Tschepe glaubt, dass Touristen sich das Regierungsviertel ohnehin viel lieber über Tage und zu Fuß anschauen.
Baustelle ohne Ende
Der Spitzname «Kanzler-U-Bahn» hat den Bau der 220 Millionen Euro teuren Tunnel und Stationen von Anfang an aufs Korn genommen. Welcher Kanzler würde wohl mit der U-Bahn zur Arbeit fahren? Die Idee gehörte zur Hauptstadteuphorie der Nachwendezeit. Geplant war auch kein Mini-Shuttle, sondern eine Verlängerung der U-Bahnlinie 5. Sie führt aus dem tiefsten Ostberlin zum Alexanderplatz. Bis 2017 soll sie bis zum Brandenburger Tor verlängert werden und dort an das heute fast fertige Teilstück anschließen. Ab 2010 muss die U-Bahn-Trasse dafür unter dem Boulevard Unter den Linden gegraben werden, mit Stationen an der Friedrichstraße und an der Museumsinsel. Dort muss die Baustelle mit einem weiteren Großprojekt, dem Bau des Humboldt-Forums auf der Fläche des ehemaligen Stadtschlosses, koordiniert werden. Berlins historische Mitte ist somit auf Jahre wieder ein riesengroßer Buddelkasten.
Kosten explodieren
Für Kritiker hat das fehlende U-Bahn-Zwischenstück Unter den Linden wenig Charme. Auf dieser Strecke rolle die S-Bahn fast parallel, dazu führen Busse den Boulevard ab, argumentieren sie. Für Freunde der U-Bahn gab es jüngst schlechte Nachrichten. Die geplanten eleganten U-Bahnhöfe von Star-Architekten soll es nicht geben – zu teuer. Am Touristen-Highlight Museumsinsel wird der Untergrund in Zukunft dann wohl eher nach Berliner Durchschnitt aussehen. Die gesamten Baukosten für die neue U-Bahn belaufen sich nach Schätzungen bereits heute auf 664 Millionen Euro. Mehr als 550 Millionen Euro kommen dabei aus der Bundesschatulle. Der Fahrgastverband befürchtet bis 2017 neue Kostenexplosionen. Die Gegner der Kanzler-U-Bahn halten sie für Wahnsinn. Für die bereits fertigen Tunnel haben sie deshalb nur einen Vorschlag: Pilzzucht. (Ulrike von Leszczynski, dpa)