Schnell und prägnant:
Die NZ-Hauptstadt-Analyse (I)
23.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
«Leshana haba'ah be'Yerushalayim» wünschen sich Juden zum Sedermahl, «nächstes Jahr in Jerusalem!» Deswegen muss man noch lange nicht nach Jerusalem müssen. Aber wenn man schon mal da ist. Also irgendwie muss man doch.
Bestimmt gibt es auch Jerusalem-Filme, ich kenne nur keinen, oder habe sie verdrängt. Ich kenne bloß Fernsehdokumentationen von alt gewordenen Korrespondenten, die dann «Mein Jerusalem», «Du, Jerusalem» oder «Schalom, Jerusalem» heißen. Ich kann also keinen Film empfehlen.
Jerusalem war nicht immer Israels Hauptstadt, in den ersten Jahren war dies Tel Aviv, und dass sich der Hauptstadtstatus durchsetzte, hat nicht nur etwas mit der internationalen Politik zu tun. Tel Aviv steht, trotz aller Vorzüge der angeblich Heiligen Stadt für ein anderes, offeneres, cooleres Israel. Aber Jerusalem ist die Stadt, in der sich alle finden: die Hauptstadt von drei Weltreligionen, die Stadt von Juden und Palästinensern, und nicht zuletzt die Stadt, von der es zu den Bergen im Norden zwei Autostunden und zum Strand eine Autostunde dauert. (Martin Krauß)
Cool ist Jakarta nicht wirklich. Erstens ist es dort rund um die Uhr schwül-heiß, zweitens kommt man praktisch nirgendwo ohne Auto hin. Und der Verkehr ist mörderisch. Indonesier verbringen dort ihre Freizeit gern in Shopping-Malls, weil die wenigstens klimatisiert sind. Jakarta ist zudem ein riesiger Moloch. Das schränkt den Jugendkompatibilitätsfaktor erheblich ein. Man muss Jakarta nicht zwingend besucht haben.
Beim Gedanken an Jakarta fällt mir zuerst das alte Rathaus aus Kolonialzeiten ein. Da ist im Erdgeschoss ein Kerker zu finden, in dem schwere Eisenkugeln an schweren Eisenketten liegen. Gruselig.
In Indonesien bemüht man sich von Jakarta aus, die Vielfalt des Landes der 14.000 Inseln unter einen Hut zu bekommen. Doch das Land ist grundsätzlich stark regional gesplittet. (Domenika Ahlrichs)
Die Rap- und Hip-Hop-Szene in Havanna boomt. Künstler wie die (allerdings seit Jahren emigrierten) Musiker von den Orishas sind weltweit bekannt. Die Jugend der Stadt hängt vorzugsweise am Malecon ab, der legendären Uferpromenade. Vorteil: Das kostet nichts und ist trotzdem wunderschön.
Muss man da gewesen sein? Jein. Wer da war, wird es aber sicherlich nie vergessen. Der Mythos Havanna (Teile der Altstadt sind Weltkulturerbe) bröckelt, aber er lebt.
Havanna ist ein Musiker! Seit dem «Buena Vista Social Club» von WimWenders sind die musizierenden alten Herren des Son zu Weltstars geworden. Auch in Havanna erklingt überall und jederzeit Musik auch, weil viele der zahllosen Kapellen so an die begehrten Dollars der Touristen kommen.
Was einem zuerst einfällt? Fidel Castro! Che Guevara! Hemingway! Zigarren! (Kerstin Rottmann)
Tokio muss man besucht haben! Schon allein die Masse Mensch, die auf kleinem Raum zusammenlebt und arbeitet, ist beeindruckend. Beeindruckend ist aber auch das Mix aus Glanz, Glamour und High-Tech-Hochhäusern gleich neben Parks, in denen hunderte Japaner mittags ein Schläfchen halten oder meditierend auf wunderschöne Teichlandschaften schauen.
Tokio ist wie ein hoch entwickelter Roboter, der in bunten Menschenkleidern umhertanzt, ansonsten aber in jeder Hinsicht perfekt funktioniert und immer wieder ge-updatet werden kann.
Bei Tokio denkt man zuerst an die - selbst leidvoll als Tourist erfahrenen - völlig überfüllten U-Bahnen. Die meisten Menschen in Tokio verbringen zwei Stunden oder mehr täglich darin. Die Armen!
Welcher Film zu dieser Stadt gehört? «Lost in Translation».
Japan ist ziemlich zentralistisch. Auf Tokio konzentriert sich alles. Drumherum ist schnell Provinz zu spüren. (Domenika Ahlrichs)
Cool ist Panama-Stadt nur für jene, die Geld haben und sich eine Klimaanlage leisten können. Für alle anderen ist die Mischung aus Smog und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit schwer erträglich. Man sollte sie trotzdem mal besucht haben, sie liegt am Pazifik, aber zur Karibik und zum Atlantik sind's auch nur ein paar Kilometer. Dank des Kanals ist sie Welthandelsmetropole und gigantische Hafenstadt. Unter den panamaischen Städten konkurrenzlos sammelt sie alle, die anderswo im Land nicht klarkommen.
Diese Hauptstadt ist bildlich gesprochen eine Brücke: zwischen zwei Meeren, zwischen Nord- und Südamerika, aber auch zwischen arm und reich. Und wie jede Brücke ist sie wacklig, man ist froh, sie irgendwann verlassen zu können und wieder richtig festen Boden unter die Füße zu bekommen. (Maik Söhler)
London ist wohl zweifelsohne die coolste Stadt in ganz Europa. Wenn es Trends gibt, dann gehen sie von der Insel aus. Natürlich ist die Mode in Paris oder Rom hübscher, aber was in ist, kommt aus London. Europa-Premieren finden hier statt und Promis, die was auf sich halten, werden hier von der Polizei wenigstens verwarnt. Ich bin kein großer Freund von Höhe, aber das London Eye, das bekannte Riesenrad an der Themse, kann man fast immer sehen und es bietet bei schönem Wetter den besten Überblick über die Stadt. Viel Schrilles und Ungewöhnliches macht London aufregend. Den Rest von England kann man sich schenken es sei denn, man mag Landschaften, aber London ist ein «must».
An welche Figur mich London erinnert? Ich muss immer an den reichen, aristokratischen Onkel denken, der nicht so viel Geld hat, wie er vorgibt.
Welcher Film zu dieser Stadt gehört? «Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück» für Mädchen und «Match Point» für Jungs.
Die Briten mögen London, da aber jede Region für sich zählt, sie sind sehr stolz auf ihren jeweiligen Herkunftsort und ihren Dialekt. London ist wichtig für das Land, aber nicht unbedingt für die Menschen. (Alexandra Meyer)

