Schnell und prägnant:
Die NZ-Hauptstadt-Analyse (I)
23. Jun 2008 10:46
 |  Wo sich alle finden: Jerusalem
| Foto: dpa |
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Jakarta, Panama-Stadt, Jerusalem, Tokio… Wofür stehen diese Städte und was hält die jeweilige Bevölkerung von ihnen? Wohin sich zu reisen lohnt und wohin nicht, zeigt die
Netzeitung in einer naturgemäß subjektiven und unrepräsentativen Blitz-Analyse (Teil I).
Welches Image hat die Hauptstadt in ihrem Land, wie cool ist sie, muss man sie besucht haben? Was fällt uns zuerst ein, wenn wir ihren Namen hören, welcher Film gehört zu ihr, welche Figur passt zu ihr? Netzeitungs-Redakteure schildern Erlebnisse und Eindrücke.
 |  In Jerusalem | Foto: dpa |
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Jerusalem, Israel – Wo sich alle finden
Was man in Israel so redet, wird seiner Hauptstadt nicht gerecht. Das Land sei dreigeteilt, sagt man: In Tel Aviv werde gelebt, in Haifa gearbeitet, und in Jerusalem gebetet. Wer so redet, hat das Postkarten-Jerusalem im Sinn: die Altstadt mit den Synagogen, Moscheen, Kirchen. Und er hat Mea Schearim im Sinn: das Viertel der orthodoxen Juden, wo am Schabbat nichts los ist, wo es mehr Thoraschulen gibt als im Berliner Familien- und Szeneviertel Prenzlauer Berg Kindertagesstätten.
Doch Jerusalem ist definitiv cool und stylish. Zu achtzig Prozent trifft das auf das jüdische Westjerusalem zu: Im russischen Quartier und anderen Ecken sind grandiose Clubs, die, stünden sie, sagen wir: in Manhattan, auch überlaufen wären. Und auf das arabische Ostjerusalem trifft die behauptete Coolness zu zwanzig Prozent zu: Die Bar des American Colony Hotels lohnt immer. West-plus-Ost bedeutet also 80+20, macht also hundert Prozent Coolnessfaktor.«Leshana haba'ah be'Yerushalayim» wünschen sich Juden zum Sedermahl, «nächstes Jahr in Jerusalem!» Deswegen muss man noch lange nicht nach Jerusalem müssen. Aber wenn man schon mal da ist. Also irgendwie muss man doch.
Nein, eine mit Jerusalem vergleichbare Figur gibt es nicht: keine Dame und kein Herr, keine Hippie und kein orthodoxer Jude, kein zu Ostern ein Kreuz durch die Altstadt schleppender Christ und kein auf Jerusalem als seine Hauptstadt pochender Palästinenser. Nein, Jerusalem ist eine Stadt, vielleicht auch zwei Städte. Aber mehr nicht.Bestimmt gibt es auch Jerusalem-Filme, ich kenne nur keinen, oder habe sie verdrängt. Ich kenne bloß Fernsehdokumentationen von alt gewordenen Korrespondenten, die dann «Mein Jerusalem», «Du, Jerusalem» oder «Schalom, Jerusalem» heißen. Ich kann also keinen Film empfehlen.
Jerusalem war nicht immer Israels Hauptstadt, in den ersten Jahren war dies Tel Aviv, und dass sich der Hauptstadtstatus durchsetzte, hat nicht nur etwas mit der internationalen Politik zu tun. Tel Aviv steht, trotz aller Vorzüge der angeblich Heiligen Stadt für ein anderes, offeneres, cooleres Israel. Aber Jerusalem ist die Stadt, in der sich alle finden: die Hauptstadt von drei Weltreligionen, die Stadt von Juden und Palästinensern, und nicht zuletzt die Stadt, von der es zu den Bergen im Norden zwei Autostunden und zum Strand eine Autostunde dauert. (Martin Krauß)
 |  Olympia-Fackellauf im April in Jakarta | Foto: dpa |
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Jakarta, Indonesien – 14.000 Inseln unter einem Hut:
Im Lande gilt sie Indonesien als die Stadt, in der vieles begonnen und wenig fertig wird. Überall stehen Bauruinen. Außerdem erinnert vieles an die Kolonialzeit. Holland zog sich ja erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Viele Indonesier auf den 14.000 anderen Inseln mögen Jakarta deshalb nicht besonders.
Cool ist Jakarta nicht wirklich. Erstens ist es dort rund um die Uhr schwül-heiß, zweitens kommt man praktisch nirgendwo ohne Auto hin. Und der Verkehr ist mörderisch. Indonesier verbringen dort ihre Freizeit gern in Shopping-Malls, weil die wenigstens klimatisiert sind. Jakarta ist zudem ein riesiger Moloch. Das schränkt den Jugendkompatibilitätsfaktor erheblich ein. Man muss Jakarta nicht zwingend besucht haben.
Beim Gedanken an Jakarta fällt mir zuerst das alte Rathaus aus Kolonialzeiten ein. Da ist im Erdgeschoss ein Kerker zu finden, in dem schwere Eisenkugeln an schweren Eisenketten liegen. Gruselig.
In Indonesien bemüht man sich von Jakarta aus, die Vielfalt des Landes der 14.000 Inseln unter einen Hut zu bekommen. Doch das Land ist grundsätzlich stark regional gesplittet. (Domenika Ahlrichs)
 |  Kunstmarkt in Havanna
| Foto: dpa |
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Havanna, Kuba – eine Stadt voller Musik
Das Image der Stadt im eigenen Land ist vermutlich unangefochten gut. Die Metropole mit ihren über zwei Millionen Einwohnern ist bei Kubanern wie Touristen gleichermaßen beliebt. Die Rap- und Hip-Hop-Szene in Havanna boomt. Künstler wie die (allerdings seit Jahren emigrierten) Musiker von den Orishas sind weltweit bekannt. Die Jugend der Stadt hängt vorzugsweise am Malecon ab, der legendären Uferpromenade. Vorteil: Das kostet nichts und ist trotzdem wunderschön.
Muss man da gewesen sein? Jein. Wer da war, wird es aber sicherlich nie vergessen. Der Mythos Havanna (Teile der Altstadt sind Weltkulturerbe) bröckelt, aber er lebt.
Havanna ist ein Musiker! Seit dem «Buena Vista Social Club» von WimWenders sind die musizierenden alten Herren des Son zu Weltstars geworden. Auch in Havanna erklingt überall und jederzeit Musik – auch, weil viele der zahllosen Kapellen so an die begehrten Dollars der Touristen kommen.
Was einem zuerst einfällt? Fidel Castro! Che Guevara! Hemingway! Zigarren! (Kerstin Rottmann)
 |  Tokio | Foto: dpa |
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Tokio, Japan – der hoch entwickelte Roboter:
Tokio gilt im Gegensatz zum alten und traditionellen Kyoto als Stadt des Fortschritts, der Eile, der Modernität. Es ist total cool, wenn man sich ins Ausgehviertel bewegt. Dort gibt es alles an Amüsement, was man sich nur wünschen kann als Jugendlicher oder junger Erwachsener: Computerspiel-Hallen, Diskos, Cafes, Klamottenläden, Karaoke-Bars etc.. Viele junge Japaner arbeiten bereits hart - und vergnügen sich am Abend umso exzessiver. Für Touristen ist es am besten, einen Japaner persönlich zu kennen, der einen überall hin mitnimmt.
Tokio muss man besucht haben! Schon allein die Masse Mensch, die auf kleinem Raum zusammenlebt und –arbeitet, ist beeindruckend. Beeindruckend ist aber auch das Mix aus Glanz, Glamour und High-Tech-Hochhäusern gleich neben Parks, in denen hunderte Japaner mittags ein Schläfchen halten oder meditierend auf wunderschöne Teichlandschaften schauen.
Tokio ist wie ein hoch entwickelter Roboter, der in bunten Menschenkleidern umhertanzt, ansonsten aber in jeder Hinsicht perfekt funktioniert und immer wieder ge-updatet werden kann.
Bei Tokio denkt man zuerst an die - selbst leidvoll als Tourist erfahrenen - völlig überfüllten U-Bahnen. Die meisten Menschen in Tokio verbringen zwei Stunden oder mehr täglich darin. Die Armen!
Welcher Film zu dieser Stadt gehört? «Lost in Translation».
Japan ist ziemlich zentralistisch. Auf Tokio konzentriert sich alles. Drumherum ist schnell Provinz zu spüren. (Domenika Ahlrichs)
 |  Weltbekannte Schiffspassage: Der Panamakanal | Foto: AP |
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Panama-Stadt, Panama – die unter Smog verborgene Brücke
Panama-Stadt ist in Panama verhasst und geliebt zugleich. Gehasst, weil kaum eine andere Stadt den fast ein Jahrhundert währenden Einfluss der USA so sehr widerspiegelt wie die Hauptstadt. Geliebt, weil kaum eine andere Stadt wirtschaftlich von eben diesem Einfluss so sehr profitiert hat wie die am Panama-Kanal gelegene Metropole.Cool ist Panama-Stadt nur für jene, die Geld haben und sich eine Klimaanlage leisten können. Für alle anderen ist die Mischung aus Smog und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit schwer erträglich. Man sollte sie trotzdem mal besucht haben, sie liegt am Pazifik, aber zur Karibik und zum Atlantik sind's auch nur ein paar Kilometer. Dank des Kanals ist sie Welthandelsmetropole und gigantische Hafenstadt. Unter den panamaischen Städten konkurrenzlos sammelt sie alle, die anderswo im Land nicht klarkommen.
Diese Hauptstadt ist – bildlich gesprochen – eine Brücke: zwischen zwei Meeren, zwischen Nord- und Südamerika, aber auch zwischen arm und reich. Und wie jede Brücke ist sie wacklig, man ist froh, sie irgendwann verlassen zu können und wieder richtig festen Boden unter die Füße zu bekommen. (Maik Söhler)
 |  Protest gegen das Alkoholverbot: Sauftour in der Underground | Foto: dpa |
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London, Großbritannien – der aristokratische Onkel
Jeder, der was erleben will, geht mal nach London. Dort fallen Entscheidungen, die weit über das Land hinaus Wirkung zeigen. Dennoch kann man sagen, dass die einzelne Region, aus der man kommt, meist wichtiger ist als die Hauptstadt.London ist wohl zweifelsohne die coolste Stadt in ganz Europa. Wenn es Trends gibt, dann gehen sie von der Insel aus. Natürlich ist die Mode in Paris oder Rom hübscher, aber was in ist, kommt aus London. Europa-Premieren finden hier statt und Promis, die was auf sich halten, werden hier von der Polizei wenigstens verwarnt. Ich bin kein großer Freund von Höhe, aber das London Eye, das bekannte Riesenrad an der Themse, kann man fast immer sehen und es bietet bei schönem Wetter den besten Überblick über die Stadt. Viel Schrilles und Ungewöhnliches macht London aufregend. Den Rest von England kann man sich schenken – es sei denn, man mag Landschaften, aber London ist ein «must».
An welche Figur mich London erinnert? Ich muss immer an den reichen, aristokratischen Onkel denken, der nicht so viel Geld hat, wie er vorgibt.
Welcher Film zu dieser Stadt gehört? «Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück» – für Mädchen und «Match Point» – für Jungs.
Die Briten mögen London, da aber jede Region für sich zählt, sie sind sehr stolz auf ihren jeweiligen Herkunftsort und ihren Dialekt. London ist wichtig für das Land, aber nicht unbedingt für die Menschen. (Alexandra Meyer)