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Jerusalem-Syndrom: 

Reisekrankheit mit vielen Rätseln

19. Jun 2008 16:55
Besonders viele Kranke wurden in Jerusalem bekannt
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Panikattacken, Schlaflosigkeit und Waschzwang sind die Kennzeichen eines Phänomens, das Jerusalem-Syndrom genannt wird. Der Ursprung ist unbekannt, ein Heilmittel gibt es nicht.

Die Vorfreude wuchs von Stunde zu Stunde. Sören P. wollte verreisen, ausspannen, einfach mal die Seele baumeln lassen. Doch angekommen am Ziel seiner Träume, wollte seine Seele nicht mehr baumeln, Angst und Panik machten sich in ihm breit: Reisen kann zum Auslöser einer schweren seelischen Krise werden.

Der Münsteraner Psychologe Jens Clausen hat sich in seinem Buch «Das Selbst und die Fremde» ausführlich mit den psychischen Risiken des Reisens beschäftigt. Auch seelisch gesunde Menschen wie Sören P. können nach Clausens Erkenntnissen plötzlich erkranken, wenn sie in den Urlaub fahren.

Krank in der Stadt der Erlösung

Die Wissenschaft spricht dann vom sogenannten Jerusalem-Syndrom. In der Heiligen Stadt, wo sich die Sehnsüchte zahlloser Menschen aus drei Religionen nach Erlösung und Erleuchtung bündeln, leiden pro Jahr rund 200 Touristen an der mysteriösen Erkrankung, ergab eine Studie des Kfar-Shaul-Hospitals in Jerusalem.

Die Berichte zeigen, dass die Betroffenen schon kurz nach ihrer Ankunft in der Stadt psychische Auffälligkeiten zeigen. Sie werden von einer unerklärlichen Angst und Nervosität getrieben, leider unter Schlaflosigkeit. Sie ziehen sich zurück, beginnen mit körperlichen Säuberungen, rituellen Waschungen und kleiden sich zuweilen in weißen Gewändern.

Innere Balance kurzzeitig verloren

Doch das Jerusalem-Syndrom ist auch an anderen Orten bekannt. Ob verwirrte japanische Touristen in Paris oder meditierende Europäer in Thailand – Mitarbeiter von Krankenhäusern und Konsulaten können von Reisenden berichten, die sich fernab ihrer vertrauten Umgebung plötzlich verfolgt, vergiftet oder hypnotisiert fühlen.

Das Jerusalem-Syndrom ist keine psychische Erkrankung im klassischen Sinne. Vielmehr sprechen die Mediziner von einem Phänomen, das ihnen noch immer Rätsel aufgibt – zumal viele Betroffene nach einigen kritischen Tagen wieder völlig normal reagieren. Fachleute wie Jens Clausen vermuten, dass sie durch Reisestress und Urlaubssehnsüchte ihre innere Balance verloren haben, dass ihnen in der Auseinandersetzung mit dem realen oder auch nur eingebildeten Reiserisiko die Kontrolle über ihr seelisches Gleichgewicht abhandengekommen ist.

Deutsche bleiben lieber daheim

Allein die deutsche Botschaft im indischen Neu Delhi muss sich nach Clausens Angaben jährlich um rund 50 «geistig verwirrte Personen» kümmern, sie ärztlich betreuen und unter Umständen auch ihre Heimreise organisieren.

Dabei ist der Verlust der seelischen Balance auf Reisen kein neues Phänomen, weder in der Literatur noch im Alltag. Viele Bundesbürger scheinen unbewusst die Risiken des Reisens zu scheuen. Sie erliegen nicht dem Fernweh und verlassen äußerst selten ihren sicheren Hafen. Für sie ist das vertraute Deutschland immer noch das Reiseland Nummer Eins.

Auch als Stendhal-Syndrom bekannt

Auch berühmte Reisende von Friedrich Hölderlin über Johann Wolfgang von Goethe bis zum französischen Schriftsteller Stendhal erzählen von Reiselust und Reisefrust. «Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Großer so nahe zu sein», schrieb Stendhal (1783-1842) über seine Italienreise im Jahre 1817.

Berauscht von der Kunst und den großen Künstlern verließ er die Grabeskirche von Michelangelo, Macchiavelli und Galileo: «Als ich die Kirche verließ, klopfte mir das Herz; man nennt das in Berlin einen Nervenanfall; mein Lebensquell war versiegt, und ich fürchtete umzufallen.» Seine Schilderungen sind als Stendhal-Syndrom in die Kunstgeschichte eingegangen – eine kulturelle Reizüberflutung, die dem Betrachter die Sinne betäubt und ihn verwirrt zurücklässt.

Zwischen Selbstkontrolle und Selbstaufgabe

Jerusalem- oder Stendhal-Syndrom – Psychologe Clausen kann auch nach über 300 Seiten Beschäftigung mit dem Ferien-Phänomen kein Patentrezept für die Reiseapotheke anbieten. Er plädiert dafür, die auf Reisen ausgelösten Verunsicherungen auszuhalten und als Chance für eine Neuorientierung zu begreifen.

Für ihn liegen Reiz und Risiko des Reisens in der Gratwanderung zwischen Selbstkontrolle und Selbstaufgabe. So könne das Reisen in die Fremde auch dazu dienen, sein Inneres zu erkunden, urteilt Clausen: eine Bildungsreise durch die eigene Seele. (Rolf Stegemann, epd).

 
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