Rebellion in der Provence:
Franc ist neues Zahlungsmittel in Collobrières
05. Mai 16:12
 |  Francs werden in der Bäckerei von Collobrières akzeptiert | Foto: AP |
|
Im Jahre zehn nach Waigel ist ganz Gallien vom Euro besetzt. Ganz Gallien? Nein! Eine winzige Stadt in der Provence leistet Widerstand und bezahlt wieder mit Franc. Für Touristen und Franzosen ist Collobrières seit kurzem ein Kult-Ort.
Ein winziges Dorf in der Provence, zwischen Toulon und Saint-Tropez gelegen, hat sich vom Euro als Zahlungsmittel weitgehend abgewandt. Die gewitzte Bäckerin Nathalie Lepeltier in Collobrières führte vor einem Monat den Franc wieder ein. Seitdem strömt die alte Nationalwährung in Massen in die Kassen von Händlern und Wirten. Die Gallier feiern Nathalie Lepeltier als «Madame Asterix».
Malerische Häuser in Pastellfarben säumen den von einer uralten Steinbrücke überspannten Real Collobrier. 25 Restaurants, Friseure, Confiserien und Souvenirläden liegen an der schmalen Hauptstraße und am Dorfplatz des 1400-Seelen-Nestes. Madame Lepeltier verdient ihre Brötchen mit der Bäckerei «Le pain de jadis» (Das Brot aus alter Zeit). Zugleich ist sie Präsidentin des örtlichen Wirtschaftsverbandes.
 |  Nathalie Lepeltier in ihrer Bäckerei | Foto: AP |
|
In einer Fernsehreportage erfuhr die 39-Jährige vor einiger Zeit von einem Dorf, dass im vergangenen Jahr mit dem Franc experimentierte. «Ich dachte, das können wir noch besser», erzählt sie. Sie erkundigte sich bei der Handelskammer und der Banque de France. «Tatsächlich braucht man gar keine Genehmigung, um den Franc wieder einzuführen. Ich musste nur meine Kollegen überzeugen mitzumachen.» Das war das geringste Problem, zumal die Banque de France Tipps gab, wie man gefälschte Scheine von echten unterscheiden kann. Münzen werden nicht akzeptiert. Die Nationalbank lieferte auch die Sortierschubladen, um die Billetts später in die Einheitswährung zurückzutauschen.
Zunächst als Aprilscherz aufgefasst
Im westfranzösischen Le Blanc wanderten 2007 in knapp zehn Monaten 300.000 Francs über die Ladentheken, umgerechnet 45.000 Euro. In Collobrières ist man auf bestem Wege, das Ergebnis zu übertrumpfen. Der erste Tag lief allerdings schlecht. «Es war der 1. April, alle haben an einen Aprilscherz geglaubt», sagt Lepeltier.Dann verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. In den ersten 20 Tagen nahmen die Händler schon 40.000 Francs ein. Das meiste zusätzlich zum laufenden Euro-Geschäft. «Die Kunden leisten sich mit ihrem alten Geld ganz andere Sachen: Geschenke, Blumen, eine aufwendige Frisur, ein schönes Abendessen», sagt Lepeltier. Zudem wird das Wechselgeld in Form von Naturalien rausgegeben, einem zusätzlichen Croissant oder Maiglöckchen.
Kunden haben Francs gehortet
«Ich hätte niemals gedacht, dass die Menschen so viele Francs unter ihren Matratzen versteckt haben», berichtet Marie-Laure Cayol von der Confiserie «Azurénne». «Viele erzählen, sie hätten die Scheine aufbewahrt, weil sie dem Euro nicht trauten.» Cayol ist, wie alle in Collobrières, hoch zufrieden über die famose Idee. «Ich habe schon 5.000 Francs verdient, und es kommen immer mehr Kunden.» Aus der ganzen Region, selbst aus Paris, machen Touristen oder Durchreisende Station in Collobrières und leeren dort ihre francsgefüllten Taschen. Das Geschäft mit Souvenirs und Maronenmus, der Spezialität des Dorfes, brummt wie selten zuvor.Von einer Revolte gegen den Euro will Bäckerin Lepeltier aber nicht sprechen. «Klar fühle ich mich ein bisschen wie Asterix, der gegen die Römer kämpfte. Schließlich ist mit dem Euro alles teurer geworden», sagt sie. «Und viele müssen zur Zeit den Gürtel enger schnallen. Mit den vergessenen Francs können sich die Menschen ein Extra leisten.»
2012 ist endgültig Schluss
Den Händlern von Collobrières gehe es um das zusätzliche Geschäft und um den Spaß. «Es ist ein großes Vergnügen, die vergessenen Scheine wieder in den Händen zu halten», sagt Lepeltier. Und ihr verschlafenes Dorf ist auf bestem Wege, nationale Berühmtheit zu erlangen. Am Wochenende veranstaltete die Gemeinde eine Messe, zu der Händler aus der ganzen Region strömten und ihre Waren gegen Francs feilboten. «Collobrières ist aus allen Nähten geplatzt», sagt die Konditormeisterin Cayol. Dutzende Dörfer aus dem ganzen Land haben sich schon bei der örtlichen Wirtschaftskammer erkundigt und wollen dem Beispiel folgen. Ihnen bleibt noch Zeit bis 2012, wenn die Gültigkeit der Nationalwährungen endgültig ausläuft. In Collobrières werden die Scheine der alten Zeit noch bis zum Dezember angenommen.
(Von Tobias Schmidt, ap)