Presseschau zum Weltfinanzgipfel: 

netzeitung.deViel Symbolik, wenig Verbindliches

 Herausgeber: netzeitung.de

Angela Merkel und George Bush beim Weltfinanzgipfel in Washington (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Angela Merkel und George Bush beim Weltfinanzgipfel in Washington
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Eine historische Runde, aber nur symbolische Beschlüsse: Der Weltfinanzgipfel in Washington bekommt von den Kommentatoren nur mittelmäßige Noten. Jetzt müsse vor allem der beschlossene Fahrplan eingehalten werden. «Münchner Merkur»: Nur Symbolcharakter Auch wenn die Ergebnisse des Weltfinanzgipfels über den Erwartungen liegen - die Einigung der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen auf strengere Finanzregeln ist nur auf den ersten Blick eine Sensation. Beim zweiten Blick muss man leider feststellen, dass eine ganze Reihe von Beschlüssen lediglich symbolischen Charakter hat. Verbindliche Vorgaben für die Finanzindustrie fehlen. Ganz zu schweigen von spürbaren Sanktionen, die jedoch notwendig wären, um Auswüchse des Finanzmarktes wirksam einzudämmen. Ein Gewerbe, das vom täglichen Poker mit Milliarden lebt, wird sich von politischen Formeln kaum beeindrucken lassen. «Badische Neueste Nachrichten»: Totenglocke für die G8

«Münchner Merkur»: Nur Symbolcharakter
Auch wenn die Ergebnisse des Weltfinanzgipfels über den Erwartungen liegen – die Einigung der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen auf strengere Finanzregeln ist nur auf den ersten Blick eine Sensation. Beim zweiten Blick muss man leider feststellen, dass eine ganze Reihe von Beschlüssen lediglich symbolischen Charakter hat. Verbindliche Vorgaben für die Finanzindustrie fehlen. Ganz zu schweigen von spürbaren Sanktionen, die jedoch notwendig wären, um Auswüchse des Finanzmarktes wirksam einzudämmen. Ein Gewerbe, das vom täglichen Poker mit Milliarden lebt, wird sich von politischen Formeln kaum beeindrucken lassen.
«Badische Neueste Nachrichten»: Totenglocke für die G8
Dennoch, was Washington erlebte, war nichts weniger als eine historische Zäsur. Nicht wegen der vagen Substanz, gewiss nicht, wohl aber wegen der Runde, die im Architekturmuseum der Stadt tagte. Aufstrebende Staaten wie China und Indien, Brasilien und Indonesien sind keine Zaungäste mehr. Die G20 lösen die G8 als Nabel der Weltwirtschaftspolitik ab. Am Potomac hat man dem exklusiven Club der gestrigen Welt die Totenglocke geläutet. Um Jahre zu spät, aber letztendlich doch, haben die alten Privilegierten die veränderte Realität politisch akzeptiert.
«Stuttgarter Zeitung»: Fahrplan muss eingehalten werden
Gemessen an den großen Erwartungen ist das Ergebnis des Weltfinanzgipfels in Washington enttäuschend. Die Teilnehmer haben zwar eine umfangreiche Grundsatzerklärung abgegeben, aber keine konkreten Beschlüsse gefasst. Wenn heute an den Finanzmärkten der Handel wieder beginnt, so ist die Welt leider nicht sicherer, als sie es am Freitag gewesen ist. Die Neuausrichtung der Finanzwelt haben die Teilnehmer des G-20-Treffens nicht geschafft. Darüber mag sich Enttäuschung breit machen; schwerer wiegt jedoch das Verdienst, dass die Staats- und Regierungschefs der Versuchung widerstanden haben, komplexe Fragen der Bilanzierung, der Finanzmarktaufsicht und der Ausrichtung von Institutionen im Schnelldurchgang zu beantworten. Wichtiger ist, dass nun ein konkreter Fahrplan beschlossen wurde – der natürlich eingehalten werden muss.
«Nürnberger Nachrichten»: Weitere Gipfel notwendig
Wichtiger wäre es, die G20-Treffen zu institutionalisieren: Solche Runden müssten selbstverständlich sein in einer Welt, in der kein Staat allein die Probleme lösen kann und die auf vielen Feldern keine Antworten auf dramatische Herausforderungen hat: Die Finanzkrise verschiebt das energische Vorgehen gegen den Klimawandel schon wieder nach hinten – und auch die damit ganz eng zusammenhängenden Fragen nach einer nachhaltigen, globalen Energie- und Lebensmittelversorgung. Hier zeigen sich längst die Grenzen unseres bisherigen Wirtschaftens ohne Rücksicht auf Verluste. Nach dem Weltfinanzgipfel braucht es daher weitere Gipfel. Wenn Washington dazu das Signal gesetzt hat, dann verdiente das Treffen das Prädikat historisch.
«Financial Times» (London): Helles Licht im Dunkeln
Das Treffen der Chefs der Regierungen der G20 am Wochenende in Washington war so historisch wie die Krise, um die es geht. Es könnte sich sogar als ein helles Licht in der Dunkelheit erweisen. Während sich in der G20 auch Länder mit geringer Bedeutung befinden, umfasst sie doch alle wichtigen hoch entwickelten und aufstrebenden Nationen. Die Tatsache, dass sich diese Gruppe trifft und zu einer beachtlichen Agenda und einem weiteren Treffen im April verpflichten kann, zeigt eine verspätete Anerkennung der Tatsache, dass sich das wirtschaftliche Gleichgewicht verlagert hat.
«Tages-Anzeiger» (Zürich): Die richtigen Lehren ziehen
Der groß angekündigte Finanzgipfel hat auf den ersten Blick wenig Konkretes gebracht. Überflüssig oder unnütz war er dennoch nicht. Vielmehr markiert das Treffen der 20 führenden Wirtschaftsnationen den Beginn eines extrem schwierigen Unterfangens, das nicht scheitern darf und das deshalb zu Recht an den künftigen, unverbrauchten US-Präsidenten weitergereicht wurde. Das Projekt mit dem Arbeitstitel «Neue Weltfinanzordnung» ist der Versuch, die Kapital- und Kreditmärkte auf eine solidere, nicht mehr menschenverachtende Basis zu stellen, ohne sie abzuwürgen. Es geht darum, aus dem Amoklauf der Finanzakteure der vergangenen Jahre die richtigen Lehren zu ziehen, ohne die Branche als Ganzes zu verteufeln oder sie zu kriminalisieren. (nz/dpa)