Presseschau zur Bayernwahl:
«Eine beispiellose Demütigung»
28. Sep 2008 19:45
In der Einschätzung des Wahlergebnisses von Bayern ist sich die Inlandspresse einig: Von einem «Höllensturz» der CSU ist die Rede, vom «Ende einer Ära». «Das Debakel ist perfekt», kommentiert der eine, «Da beben die Berge», ein anderer.
Süddeutsche Zeitung: «Höllensturz»
Bei der Landtagswahl hat die Partei ihren Höllensturz erlebt. Es ist vorbei mit der alten Herrlichkeit. Vorbei sind die Zeiten, als die CSU das Land noch wie einen Großgrundbesitz verwalten konnte und Wahlen lediglich dazu dienten, ihre Vorherrschaft zu dokumentieren. Zwar wird die CSU irgendwie weiterregieren: Doch ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit hat sie am Sonntag ein für alle Mal verloren. Eine Ära ist zu Ende gegangen. Die CSU muss sich nun plötzlich mit Freien Wählern und der FDP arrangieren. Eine beispiellose Demütigung.
Frankfurter Rundschau: Fast eine «Revolution»
Da beben die Berge. Das Wahlergebnis gleicht für bayerische Verhältnisse einer Revolution. Günther Beckstein und Erwin Huber werden in die Geschichte eingehen als das Duo, das nicht nur Edmund Stoiber vom Thron, sondern die ganze Partei in die triste Normalität deutscher «Wahlerfolge» stürzte. Das Ende der Identität zwischen Bayern und CSU ist besiegelt.
Alle Parteien aber, die großen vorneweg, sollten lernen: Die Zeit der «Für jeden etwas»-Parolen ist vorbei. Natürlich dürfen sie den Anspruch erheben, das Beste für alle zu wollen. Aber sie werden sagen müssen, wem ihre konkrete Politik am ehesten dient und wer sie bezahlt.
Frankfurter Allgemeine Zeitung: «Waterloo»
Zur Eröffnung des 175. Oktoberfests ist Günther Beckstein gleich zweimal in der Kutsche die Münchner Maximilianstraße hinuntergefahren. So haben es schon bayerische Ministerpräsidenten vor ihm gehalten, doch fiel es bei ihm besonders auf, und das nicht nur der Tracht seiner Frau wegen. Rollt da einer recht ausgiebig der Wiesn entgegen, weil er angesichts miserabler Umfragen nicht weiß, ob es das erste und letzte Mal ist? Einen Sonntag später kam es noch schlimmer als befürchtet.
Die CSU hat ihr schlechtestes Ergebnis seit den fünfziger Jahren erzielt und ihre absolute Mehrheit im Bayerischen Landtag verloren. Der Nimbus der ewigen Regierungspartei ist dahin. Die Zweierspitze Beckstein/Huber hat nur ein Jahr nach der Absetzung Stoibers ihr Waterloo erlebt.
Handelsblatt: «Bedingt fahrtüchtig»
Die zwei Maß Bier am Steuer waren wohl doch zu viel: Die bayerischen Wähler halten Erwin Huber und Günther Beckstein nur für bedingt fahrtüchtig. Das Führungsduo ist deshalb bei der Landtagswahl politisch aus der Kurve geflogen. Ein schwerer Schaden für die CSU, eine Erschütterung für die Union und eine neue Ausgangsbasis für die Bundestagswahl im kommenden Jahr sind die Folgen. Spannend wird es in den nächsten Monaten nicht nur in Bayern, sondern gerade auch in der Bundespolitik. Denn jetzt muss die Union zeigen, ob der Unfall in Bayern sie aus ihrer Lethargie reißt oder ob sie weiter vor sich hindämmert. Sie kann sich nicht mehr darauf verlassen, schwache Ergebnisse im Norden der Republik mit dem Pfund im Süden ausgleichen zu können.
Financial Times Deutschland: «Ausnahmestatus verloren»
Die gut 43 Prozent der Stimmen bei der Wahl sind für die Christsozialen nicht bloß eine gewaltigere Watsche, als sie selbst befürchten mussten. In einem Land, in dem die absolute Mehrheit der Stimmen für die CSU bislang quasi ein Naturgesetz war, bedeutet der tiefe Absturz weit unter den eigenen Anspruch von 50 Prozent plus x das größtmögliche Desaster. Mit dem Verlust der absoluten Mehrheit hat die CSU ihren Ausnahmestatus in Europa verloren. Doch so verheerend der Wahlausgang für das neue CSU-Spitzenduo Erwin Huber und Günther Beckstein ist - dem Freistaat und seiner politischen Kultur tut das Ergebnis gut, weil es ein wichtiger Schritt Richtung demokratische Normalität ist. Auf Dauer schadet es einer Demokratie, wenn eine Partei sich dank ihres Abonnements auf die alleinige Macht eine Parteimonarchie etablieren kann.
Der Tagesspiegel: «Von der CSU emanzipiert»
Die gute Seite des Wahlergebnisses: Die bayerischen Wähler haben sich zu einem ganz erheblichen Prozentsatz von der CSU emanzipiert, jener Partei, deren tüchtige Politik in vier Jahrzehnten aus dem rückständigen Agrarland einen modernen Vorzeige-Bundesstaat gemacht hat. Diese Wählerinnen und Wähler sind zu anderen bürgerlichen Gruppierungen abgewandert, die wie die CSU im besten Sinne konservativ, also bewahrend sind, sich aber nicht mit all dem Brimborium einer in die Jahre gekommenen Staatspartei aufhübschen müssen. Die Wähler haben reagiert wie erwachsen gewordene Kinder, die den Eltern eine ordentliche Ausbildung verdanken, aber endlich auf eigenen Beinen stehen wollen.
Heilbronner Stimme: «Macht macht überheblich»
Das Debakel ist perfekt: Die CSU hat bei der Landtagswahl in Bayern ihr schlechtestes Ergebnis seit fünf Jahrzehnten eingefahren. Viele Bayern wünschen sich gestandene Führungsfiguren und keine zaudernden Verwalter. Nach einem Stimmenverlust von über 15 Prozent müssen Huber und Beckstein den Weg für einen Neuanfang frei machen. Neben den Personalproblemen ist jedoch eines offensichtlich geworden: Zu viel Macht macht überheblich.
Hamburger Abendblatt: «Sonderweg beendet»
Die Watschen war erwartet worden. Allerdings hat es gestern bei der CSU dann doch noch lauter geklatscht, als sie es selbst befürchtet musste. Die bayerischen Wähler haben ihre Staatspartei zu einer ehemaligen zurechtgestutzt und deren Führungsduo ein Waterloo bereitet. Noch immer ist die CSU die bei weitem stärkste Partei in Bayern und hat ein Ergebnis erzielt, von dem andere nicht einmal zu träumen wagen. Zerknirscht aber müssen die Parteivorderen nun das akzeptieren, was sie vor der Wahl als größtes Unglück für sich und das Land brandmarkten: Die CSU muss die Macht mit einem Partner teilen. Man kann es auch weniger dramatisch sehen: Der bayerische Sonderweg ist beendet und das Land ist in der demokratischen Wirklichkeit der Bundesrepublik angekommen.
Rhein-Neckar-Zeitung: «Alles ist jetzt möglich»
Noch nie in den letzten 46 Jahren hat man in Bayern einen so geprügelten Wahlgewinner gesehen. Die Macht der CSU, die immer aus dem Diktat der absoluten Mehrheit bestand, ist dahin. Die CSU hat zwar die Wahl zwischen zwei kompatiblen Partnern. Aber mit dieser Erdrutsch-Niederlage ist ihr das Rückgrat als Sonderfall der Parteiengeschichte gebrochen worden.Alles ist jetzt möglich, und dass Köpfe rollen sogar unvermeidlich. Denn mit dieser Führung versemmelt sie auch die Bundestagswahl und gefährdet ihren bundespolitischen Anspruch. (dpa)