Waldschlößchenbrücke: 

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Simulation der geplanten Brücke (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Simulation der geplanten Brücke
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Der Kampf um die Waldschlößchenbrücke über die Elbe geht ins dreizehnte Jahr. Verheddert im Paragrafengewirr, müssen Bauleute eine Betonquerung gießen, die keiner wollen kann, meint Tilman Steffen . Außerhalb von Dresden ist das schwer nachzuvollziehen. Mit Videos

Dresden ist bekannt für seine Stadtsilhouette. Sie betörte unzählige Zeichner und Maler, Bernardo Bellotto – bekannt als Canaletto – ist ihr bekanntester Vertreter. Der spätbarocke Pinselführer prägte sich mit seinem «Canaletto-Blick» auf die Sachsen-Residenz ins kollektive Gedächtnis ein: Elbauen im Vordergrund, hinter dem dahin wabernden Strom dann Frauenkirche, Schloss und Kathedrale.

Erst seit wenigen Jahren gibt es sie alle wieder: Aus den Trümmerhaufen des 13. Februar 1945 puzzelten Bauleute die barocken Mauern, Bögen, Simse und schließlich die Kuppeln der weltbekannten Sandsteinkonstrukte zusammen. Das Ensemble inspirierte auch die Unesco, die 2004 dieses Areal mit einem Welterbetitel adelte.

Canaletto reiste einst in der Kutsche. Seit jedoch Karl Benz das Automobil zur Serienreife brachte, ist Mobilität wichtiger geworden als das tägliche Brot und das Dach überm Kopf. Und weil Hunderttausende Dresdner große Umwege in Kauf nehmen müssen, um auf die andere Elbseite zu gelangen, beschloss die Stadt den Bau einer zusätzlichen Traverse. Doch sie schuf zugleich ein ästhetisches Problem: Das von kundigen Architekten sorgsam geplante Betonband wüchse just an jener Stelle in die Elbwiesen hinein, wo Canaletto seinen Skizzenblock auspackte. Die Unesco bekam das mit und droht nun der Stadt den Image fördernden Welterbetitel abzuerkennen. Seither herrscht Brücken-Krieg in Dresden.

Mobilität kontra Ästhetik? Kein Problem: «Tunnel statt Brücke», heißt die Lösung, die beidem gerecht würde. So einfach kann Vernunft sein. Doch im Fall der Waldschlößchen-Brücke ist Vernunft bisher keine relevante Größe. Befürworter und Beharrer kämpfen erbittert gegen Brückengegner und Tunnel-Verfechter.

Die Kontrahenten liefern sich einen Faktenkrieg, ihre Waffen sind Anwälte und Paragrafen. Sie führen Fledermäuse in die Schlacht, sie bringen menschliche Prominenz in Stellung. Bundeskanzlerin Merkel und Parlamentschef Lammert werben lächelnd für eine Brücke, die Gegner rekrutierten Günter Grass. Strategiestäbe der verschiedenen Lager filtern die Archive nach allem, was ihren Interessen nützt. Urteile, Ordnungen, Umfragen, selbst der Einigungsvertrag oder die Welterbekonvention werden analysiert und interpretiert, wie es der jeweiligen Sache dient.

Gezielte Halb- oder Desinformation sind gebräuchliche Kampfmittel im Dresdner Brückenkrieg. Besonders Mutige hängen Großtransparente an Kräne oder sich selbst an Bäume, vermeintlich Mutige zerfetzen Spruchbänder der Gegner heimlich des nachts. Wer keine Zeit hat zum Kämpfen, pappt selbstklebende Ideologie aufs Auto. Der Brücken-Krieg tobt. Bald geht er ins dreizehnte Jahr.

Schade. Brücken sind Symbole des Miteinanders, des Zueinanderkommens. In Dresden trennt die Brücke. Sie trennt vor allem den Verstand von jenem Mechanismus, den die Landesverwaltung 2006 in Gang setzte, als sie den Baubeginn praktisch befahl. Das war einen Monat, nachdem die Unesco das Canaletto-Ensemble auf die Rote Liste setzte. Das war vier Tage, nachdem der dadurch alarmierte Stadtrat sich mehrheitlich gegen den Baustart aussprach. Die Landes-Verwalter hatten ein Bürgervotum zum Dogma erhoben, dessen Basis längst weggebrochen war. Seither ringen die Parteien vor Gericht.

Mittlerweile geht es darum, wie schnell man einen neuen Bürgerentscheid anstreben muss, damit der erste auch formal außer Kraft gesetzt werden kann. Mittlerweile liegen im Rathaus 35.000 Unterschriften von Befürwortern eines Tunnels vor, die einen neuen Urnengang begehren. Die Unterzeichner haben zwar die Stadtverwaltung gegen sich, aber starke Unterstützer an ihrer Seite: die Unesco oder den Weltdenkmalrat Icomos. Und 130 Dresdner Architekten, die in einem Offenen Brief an Stadt, Landesregierung, Wirtschaft und Bund ihre Angst schilderten, für den Verlust des Welterbetitels von ihren Nachfahren verantwortlich gemacht zu werden. Völkerrechtler sind mit dem Fall befasst.

Nun soll der Stadtrat über einen neuen Bürgerentscheid befinden. Unabhängige Fachleute bestätigen: Ein Tunnel ist technologisch und baurechtlich machbar. Und er soll auch nicht teurer sein als die Brücke. Selbst wenn: Der Bund würde eine welterbeverträgliche Lösung finanziell unterstützen. Es gibt also einen Weg, dessen Ziel allen gerecht wird: den Ästheten, den Canaletto-Fans und den durch Umwege geplagten Autofahrern. Damit ist die Lösung nicht einmal nur ein Kompromiss, sie ist mehr.

Wer sich dem Tunnel verschließt, schadet dem Image der Barockstadt an der Elbe mehr, als er ihr nützt. Denn an der Waldschlößchenbrücke, egal ob in der ursprünglichen oder abgespeckten Version, haftet bereits jetzt der Ruch des Übels. Architekturfreunde aus aller Welt werden von der Brühlschen Terrasse aus gen Nordosten weisen und wegen des Schandmals den Kopf schütteln. Es sei denn, Vernunft setzt sich durch. Stadt und Land müssen nur Bereitschaft entwickeln, einen praktikablen Ausweg aus dem Paragrafenlabyrinth zu finden. Noch ist der Schaden reparabel, die bereits gefällten Eichen wachsen nach, wenn auch sehr langsam. Man muss sie nur lassen.

Videos zur Waldschlößchenbrücke:

Quelle: Dresden Fernsehen via Youtube