22.04.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Neun-Punkte-Plan gegen den Hunger: Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul
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Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul will mithilfe von Experten ein Programm gegen die Ernährungskrise aufstellen. Tenor: «Das Recht auf Nahrung wiegt schwerer als das Recht auf Mobilität.»
Die Bundesregierung will eine Strategie zur Bekämpfung der internationalen Nahrungsmittelkrise erarbeiten. Dazu hat das Kanzleramt eine Expertengruppe eingerichtet, die voraussichtlich bis zur Sommerpause einen Sachstandsbericht vorlegen soll, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg am Montag in Berlin.
Das Entwicklungsministerium stellte einen Neun-Punkte-Plan vor, der in die Beratungen eingebracht werden soll. Er enthält die Forderung nach einem Moratorium für Biosprit. «Das Recht auf Nahrung wiegt schwerer als das Recht auf Mobilität», sagte Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD). Sie will die Erhöhung der Beimischung von Biosprit zu herkömmlichem Benzin so lange aussetzen, bis praxistaugliche Technologien gefunden sind, die effizienter als Agrartreibstoffe seien. Nach Erkenntnissen des Internationalen Forschungsinstituts für Ernährungspolitik in Washington verursachte die Nachfrage nach Biosprit im vergangenen Jahr einen Preisanstieg bei Getreide um 25 Prozent. Der Generaldirektor des Instituts, Joachim von Braun, schloss sich daher der Forderung nach einem Moratorium an.
Braun zufolge stoppten inzwischen mehr als 20 Entwicklungsländer ihre Nahrungsmittelexporte, um die eigene Bevölkerung versorgen zu können. Damit kämen neue Verzerrungen in den Weltmarkt. «Die Entwicklungsländer fügen sich gegenseitig großen Schaden zu.» Braun plädierte für den Einsatz von Gentechnik und Biotechnologie, um die Erträge in der Landwirtschaft zu steigern.
Mehr Forschung im Agrarsektor nötigNeben der Stärkung von Kleinbauern in den Entwicklungsländern dringt das Entwicklungsministerium darauf, die Märkte zu beruhigen und Exportverbote zu verhindern. Ferner müsse die Agrarforschung verstärkt werden. Wieczorek-Zeul sprach sich zudem für den endgültigen Abbau von Agrarexportsubventionen aus.
Die Deutsche Welthungerhilfe forderte eine Agrarwende in den Entwicklungsländern. «Die Lösung liegt nicht darin, dass wir im Norden Überschüsse produzieren und diese dann erneut zu billigen subventionierten Preisen in die Entwicklungsländer schicken», betonte Ingeborg Schäuble, Vorsitzende der Hilfsorganisation.
Die Direktorin des evangelischen Hilfswerks «Brot für die Welt», Cornelia Füllkrug-Weitzel, forderte eine Abkehr von der westlichen Art der Ernährung. «Es können nicht alle so essen wie wir», sagte sie der «Stuttgarter Zeitung». Die Aufzucht von Vieh benötige zu viel Fläche und Getreide. Zugleich warnte sie vor einer «Neiddebatte» im Blick auf die erhöhte Nachfrage nach Lebensmitteln in Asien. Diese dürfe man nicht überschätzen.
Gentechnik keine LösungDagegen warnte der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Hans-Joachim Preuß, vor der Illusion, dass Gentechnik zu einer Produktivitätssteigerung und damit zu höheren Einkünften bei den Bauern führen könnte. Weitaus effektiver wäre es, konventionelle Methoden wie bereits entwickelte Sorten und verbesserte Bewässerungssysteme zu nutzen.
Franz Fischler, der ehemalige Agrarkommissar der Europäischen Union, hält eine Abkehr von der Biosprit-Produktion als Reaktion auf die Lebensmittelkrise für unangemessen. «Man sollte jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten», sagte er im Deutschlandfunk. Als Grund für die stark gestiegenen Preise nannte er unter anderem die Spekulation an den Märkten. Dies erkläre 20 bis 30 Prozent des Preisauftriebs. (nz/dpa)