Scharfe Angriffe:
Seehofer wirft Nahrungsindustrie Erpressung vor
19. Apr 2008 15:59, ergänzt 20. Apr 2008 13:30
 |  Deutsche Bauern könnten mehr produzieren, so Seehofer | Foto: dpa |
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Den Konzernen gehe es nur um die Gewinnmaximierung. Außerdem verlangt der Landwirtschaftsminister wegen der explodierenden Lebensmittelpreise eine Wende in der Agrarpolitik.
Bundesverbraucherminister Horst Seehofer hat die Nahrungs- und Futtermittelindustrie wegen der weltweiten Ernährungskrise kritisiert. «Die großen Konzerne und Finanzanleger beherrschen die Szene und denen muss man in die Parade fahren», sagte Seehofer in einem Interview der Zeitung «Bild am Sonntag». Er fügte hinzu: «Denen geht es in erster Linie doch um eine Gewinnmaximierung und nicht um die Versorgung der Menschen.»
Es könne nicht sein, dass in den USA im wesentlichen nur noch ein Konzern Saatgut anbiete. «Die Landwirte dort werden doch erpresst und die Entwicklungsländer auch», sagte Seehofer, der auch Landwirtschaftsminister ist. «Wir brauchen hier keine industrielle, sondern eine bäuerliche Landwirtschaft», unterstrich er. Prognosen zufolge könnten die Preise für Futtermittel wegen einer Knappheit um 600 Prozent steigen. «Dahinter steht das Interesse der Konzerne, ihren genveränderten Sojamais zu verkaufen», so der Minister.Außerdem sollen die Bauern nach dem Willen Seehofers wieder weitaus mehr produzieren. «Wir brauchen eine Renaissance der Landwirtschaft, einen Ausbau der Agrarproduktion in Deutschland, der gesamten EU und vor allem in den Entwicklungsländern», sagte Seehofer der Zeitung. Hintergrund ist die jüngste Preisexplosion bei Lebensmitteln: Die Grundversorgung mit Nahrung müsse im eigenen Land und mit «existenzfähigen Betrieben» gewährleistet werden, sagte der CSU-Politiker. Ansonsten mache sich Deutschland von Importen abhängig.
Der Agrarminister lehnt eine Industrialisierung der deutschen Landwirtschaft aber ab. «Wir sollten in der Agrarpolitik diesem Trend zur Industrialisierung, zu immer größeren Einheiten, wo immer es geht, die Stirn bieten», sagte Seehofer. In der EU seien 3,8 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzflächen stillgelegt worden, um Überschüsse bei Milch, Butter, Wein und Fleisch zu bekämpfen. «Diese Flächen müssen möglichst rasch wieder genutzt werden. Wir müssen wieder erkennen, dass Agrarwirtschaft eine Frage von nationalem Interesse in jedem Land ist und kein Randthema», sagte der Minister. Dem entgegnete der agrarpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Hans-Michael Goldmann, die EU-Agrarminister hätten bereits im Herbst beschlossen, die 3,8 Millionen Hektar bereits für die Ernte 2008 wieder zu nutzen.
«Weitere Preissprünge verhindern»
Als Kernproblem nannte Seehofer das Wachstum der Weltbevölkerung um jährlich 80 Millionen Menschen. Laut Welternährungsorganisation müsse der Bedarf an Lebensmitteln bis 2030 um 60 Prozent steigen. «Daraus folgt: Wir müssen weltweit mehr Nahrungsmittel produzieren, um weitere Preissprünge zu verhindern», sagte er. «Lebensmittel kommen nicht aus dem Kochtopf, sie müssen im Stall und auf dem Acker produziert werden.» Der CSU-Politiker empfahl den Verbrauchern, von ihrer Macht Gebrauch zu machen. «Qualität hat einerseits ihren Preis, andererseits haben wir gerade in Deutschland ein großes Angebot mit breiter Preisspanne. Dem Verbraucher kann man nur raten, die Preise deshalb genau zu vergleichen.» Er gehe davon aus, dass sich das Preisniveau bei den Lebensmitteln in absehbarer Zeit «wieder einpendeln» werde. Zu Panik bestehe kein Anlass. «Bei Schweinefleisch beispielsweise sind die Preise unter Druck. Und selbst bei Milchprodukten bröckeln sie wieder.»
Seehofer warnt vor Subventions-Kürzungen
Das Bundesfinanzministerium fordert einem «Spiegel»-Bericht zufolge wegen der Preissteigerungen den Abbau von EU-Agrarsubventionen. Die Direktzahlungen hätten nun ihre Legitimation «vollständig verloren», schreibt das Nachrichtenmagazin und beruft sich auf ein Papier von Ministeriumsbeamten. Deshalb sei zu prüfen, «wie und in welchem Zeitrahmen das EU-Budget durch Kürzung der Agrarsubventionen reformiert werden kann». Das Finanzministerium konnte dies nicht bestätigen. Seehofer warnte vor einer Kürzung: «Es nützt nichts, die Starken zu schwächen.» (AP/dpa/epd)