Zug der Erinnerung: 

netzeitung.deDie Moral kommt aufs Abstellgleis

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Der «Der Zug der Erinnerung» sollte eigentlich an deportierte Kinder erinnern. Nun ist er ein Politikum. Alle reden über Trassengebühren, Halteentgelte und Nazivergleiche. Über Gittel Blumenthal spricht keiner, findet Sven Trojanowski und fragt sich, worum es eigentlich geht.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch ich weiß nicht, wer Gittel Blumenthal ist. Genau so wenig kenne ich Egon Freund, Margot Friedländer, Werner Ihring, Paul Lesser, Nathan Mirzin, Sonja Solländer oder Ori Weitmann. Das einzige, was ich von ihnen weiß, ist, dass sie alle am 13. April Geburtstag hatten.

Doch noch etwas vereint sie: ihre Deportation nach Osten. Denn sie sind 8 von 4512 Kindern und Jugendlichen, die die Nazis aus Berlin in die Konzentrationslager nach Majdanek, Belzech, Sobibor und Auschwitz verschleppten und dort wohl auch ermordeten.

Deshalb möchte ich ihrer gedenken. Hier, jetzt und heute. Zwar digital auf dieser Webseite, aber ehrlich und aufrichtig. Ich gedenke ihrer mit der Würde, die ich im Streit um den «Zug der Erinnerung» derzeit schmerzlich vermisse.

Denn diese wundervolle Idee, gerade den hunderttausenden amorphen, deportierten Kindern und Jugendlichen mit einem rollenden Mahnmal wieder ein Gesicht und damit die eigene Geschichte zurückzugeben wird in der Bundeshauptstadt derzeit zu einer jämmerlichen Blaupause der Historie degradiert.

Es ist ein lächerliches und absurdes Hickhack, das sich die Deutsche Bahn AG seit Monaten mit den Initiatoren und Trägern des Zuges liefert. Es geht um Trassengebühren (3,50 Euro je gefahrenen Schienenkilometer), Halteentgelte für den Zug im Bahnhof (450 Euro pro Tag) und fehlende «Restkapazitäten» auf der Berliner Stadtbahn. Einem Halt der Ausstellung auf dem Berliner Hauptbahnhof stünden sich daraus ergebende mögliche Verspätungen beim ICE 972 und 974 entgegen. Es gehe um «erhebliche Verspätungen im Personenverkehr», und auch eine Verunreinigung der zwischen den Schienen liegenden Schallabsorber könne nicht ausgeschlossen werden. Außerdem trügen die Rußpartikel der Dampflok zur «Umweltgefährdung» bei.

Der Verein dagegen besteht vehement auf historisch wichtige Stellplätze für den Zug und blendet dabei die eisenbahnlogistischen Probleme des Transportmonopolisten völlig aus. Die jüdische Gemeinde Düsseldorf lässt im Eifer der Diskussionen schon mal erklären, man sei überzeugt, dass, wenn Bahnchef Mehrdorn im Dritten Reich «in derselben Position gewesen wäre wie heute», er «mit großer Überzeugung Deportationen angeordnet» hätte. Die Beteiligten reden sich in Rage. Es geht um alles. Es geht um nichts.

Die Debatten verlaufen, als rufe ein jeder seine Meinung in einen leeren Raum hinein. Ich rufe «Deportation», ein anderer antwortet «Schallabsorber». Ich versuche es mit «Gedenken» und bekomme als Antwort nur «Sprinkleranlage» – und verstehe nichts.

Ich bin mir sicher, Kommunikation funktioniert anders. Ich könnte «Ausstellung» rufen und als Antwort «Bahnhof» bekommen. Ich würde «fehlende Restkapazitäten» hören und mit dem Wort «historisch» oder dem Halbsatz «nur ein paar Stunden» antworten.

Den Aufwand, dies zu probieren, wäre es mir Wert. Denn es geht nicht um nichts. Es geht um alles. Es geht um Gittel Blumenthal, Egon Freund, Margot Friedländer, Werner Ihring, Paul Lesser, Nathan Mirzin, Sonja Solländer und Ori Weitmann. Denn sie haben heute Geburtstag.


Für das Web ediert von Sven Trojanowski