07. Apr 2008 16:33
Es wirkt wie eine Fehde unter Nachbarn, in seiner Symbolwirkung reicht der Fall der im thüringischen Rudolstadt angefeindeten Pfarrersfamilie weit. Die Netzeitung dokumentiert den Brief einer enttäuschten Rudolstädterin an die Familie.
Sehr geehrte Familie Neuschäfer, als Ihre ehemalige Nachbarin schreibe ich Ihnen heute diesen Brief. Ich bedauere aufrichtig die schlechten Erfahrungen, die Sie mit manchen Menschen hier machen mussten. Aber ich denke, dass es sich dabei um eine Minderzahl an unerfreulichen Zeitgenossen handelt, die es leider überall gibt. Sie haben auf Ihre Art mit uns Rudolstädtern abgerechnet. Eine Abrechnung, die den Graben zwischen Ost- und Westdeutschen weiter erhalten und vertiefen wird.
Wahrscheinlich ist Ihnen in den letzten Jahren nicht verborgen geblieben, dass unsere Gesellschaft hier wenig multikulturell ist - nicht wegen einer Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit, sondern wegen mangelnder Arbeitsplätze, geringen Verdiensten und relativ hoher Lebenshaltungskosten. Das sind Unterschiede zwischen Ost und West, die fast zwanzig Jahre nach der Deutschen Einheit leider eher größer werden. Unsere Jugend und die Cleversten verlassen uns hier. Sie ziehen der Arbeit und dem Geld nach. Hier bleiben vor allem die Alten, die Kranken und die (sozial) Schwächsten zurück. Wir sind seit Jahren eine ausblutende Stadt. Mit den Medienkampagnen - die jüngste haben Sie losgetreten «Ostdeutschland = Ausländerfeindlichkeit = Rechtsradikalismus» etc. wird oben genannter gesellschaftlicher Entwicklung weiter Vorschub geleistet. Das macht uns ungeheuer traurig und wütend. Ich spreche da im Namen vieler Rudolstädter.
Liebe Frau Neuschäfer, als Ihrer ehemaligen Nachbarin sind Sie mir einige Male in unserer Stadt begegnet - eine sympathische dunkelhäutige Frau mit Kinderwagen und mehreren kleinen Kindern. Einige Male habe ich Ihnen zuzulächeln versucht, aber ich glaube zu dieser Zeit waren Sie schon beim «Pflastersteine zählen» und gar nicht mehr offen für eine freundliche Begegnung. Von Ihren schlimmen Problemen wusste ich nichts. Abschließend möchte ich Ihnen sagen, dass ich Ihnen für Ihren Neuanfang wieder daheim alles Gute wünsche, Ihnen aber Ihre diffamierende Abrechnung mit uns so nicht verzeihen kann und eine Entschuldigung erwarte.
Sabine Unbehaun