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Rudolstadt in Aufruhr: 

Rassismus-Flucht aus Thüringen erregt eine Stadt

07. Apr 2008 16:32
Weltoffen - das Folklorefestival in Rudolstadt
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Im thüringischen Rudolstadt wächst der Ärger über eine Pfarrersfamilie, die sich rassistisch verfolgt sah und ins Rheinland floh. Selbst die Kirchenleitung geht auf Distanz. Tilman Steffen über eine Geschichte der verpassten Chance.

Am Montag bekam Reiner Andreas Neuschäfer Post aus Rudolstadt. Es ist ein Brief, geschrieben voller Verbitterung und Zorn. Die einstige Nachbarin der Pfarrersfamilie in der thüringischen Kleinstadt, die Ärztin Sabine Unbehaun, will sich mit dem Abschied der Neuschäfers aus der Weinbergstraße nicht abfinden. Neuschäfers Frau Miriam war mit den fünf Kindern ins Rheinland gezogen, nach Erkelenz, weil die Familie sich in Rudolstadt rassistisch angefeindet fühlte. Die 32-Jährige hat eine indische Mutter, ihre Haut und die der Kinder ist dunkler als die der meisten Rudolstädter. «Geh doch zurück in den Urwald» oder «Kannst du überhaupt deutsch» - solche Verbalangriffe habe seine Frau auf den Straßen der Kleinstadt ertragen müssen, hatte Neuschäfer der Netzeitung geschildert.

Beschimpft und angespuckt zu werden, ertrugen Frau und Kinder mehrere Jahre, doch im Herbst 2007 gaben sie auf. Sie verließen das beschauliche Tal, in dem sich die Saale entlang der 25.000-Einwohner-Stadt gen Osten schlängelt. In Erkelenz sind sie glücklich. Nun steht Rudolstadt in der Öffentlichkeit als ausländerfeindlich da. Dabei ist die Stadt mit ihren 400 Ausländern so stolz auf ihr Folklorefestival, das jährlich Tausende anzieht.

Auch der Familienvater - Theologe und Schulbeauftragter für Südthüringen in der thüringischen evangelischen Landeskirche - wäre längst auf Dauer geflohen, wenn er in Erkelenz einen Job fände. Weil das bisher nicht gelang, muss er nach einem kurzen Familienurlaub wieder zurück nach Rudolstadt. Dort ist nun einiges zu klären. Am Dienstag soll es ein Treffen mit Kirchenvertretern geben. Träfe Neuschäfer seine ehemalige Nachbarin, müsste er mit unangenehmen Fragen rechnen. «Die Stimmung kocht», beschreibt Sabine Unbehaun die Lage in der Stadt, nachdem Zeitungen über den Fall berichteten.

Vater Neuschäfer hatte Prügel-Attacken auf seinen zehnjährigen Sohn an dessen Schule als Grund für den Wegzug ins Feld geführt. «Prügel unter Zehnjährigen, das kommt doch mal vor», relativiert die Nachbarin. Übel nimmt man ihm auch, dass er Rudolstadts Bürgermeister bezichtigte, die Probleme zu ignorieren. Weil er zudem in Zeitungsbeiträgen und anderen öffentlichen Äußerungen die von ihm ausgemachte Ausländerfeindlichkeit im Osten mit der DDR-Vergangenheit begründete, machte sich der Pfarrer in den Augen der Rudolstädter zudem zum Nestbeschmutzer. «Da hätte ich vieles richtigstellen wollen», sagt Unbehaun. Sie versucht es nun mit ihrem Brief (s. Kasten).

Das ist keine leicht zu klärende Situation. Was bei ihrer Empörung mitschwingt, ist auch Ärger und Enttäuschung darüber, dass sie - zwei Häuser weiter - von den Problemen der Neuschäfers nichts erfuhr. Die niedergelassene Ärztin hätte das Gespräch suchen, Hilfe anbieten wollen. Doch Mutter Neuschäfer vermied alsbald alle Blickkontakte, senkte beim Ausgehen den Blick aufs Gehwegpflaster, schließlich traute sie sich überhaupt nicht mehr aus dem Haus. «Sie war nicht unbedingt die Frau, die mit offenem Gesicht durch die Stadt gegangen ist», schildert die Nachbarin, enttäuscht über das «Zumachen» der Frau. Dann «die Bombe platzen» zu lassen, einer Stadt, einer ganzen Region Rassismus zu unterstellen – das geht ihr zu weit. «Immer dieselbe Kerbe», schimpft Unbehaun, traurig und wütend zugleich über den Imageschaden, den ihre Stadt erleidet. Ihr Sohn, Mitarbeiter des Bundeskriminalamts, wundert sich im fernen Wiesbaden über die bundesweit erscheinenden Negativschlagzeilen über Thüringen.

Kirche warnt vor Vorverurteilung

Doch Neuschäfer war nicht selbst in eigener Sache an die Öffentlichkeit gegangen, Zeitungsberichte hatten die Empörung entfacht. Bislang kochte der Konflikt vor allem innerhalb der Kirche. Wegen eines kritischen Kommentars in einer Kirchenzeitung zur Ausländerfeindlichkeit im sächsischen Mügeln hatte ihn sein Vorgesetzter einbestellt. Die Kirchenleitung bot ihm eine Stelle an der Grenze zu Bayern an – Neuschäfer lehnte jedoch ab, weil ihm ein solches Ausweichen aus Rudolstadt nicht glaubwürdig schien.

Am Sonntag warnte schließlich Neuschäfers oberster Chef, der evangelische Landesbischof Christoph Kähler, angesichts der «schweren Beschuldigungen» vor Vorverurteilung. Eine pauschale Verdächtigung von Stadt und Kirche helfe «weder der Wahrheitsfindung noch dem Bemühen, Fremdenfeindlichkeit zu verhindern und zu unterbinden», hieß es in einem in den Kirchen der Stadt verlesenen Papier. Kählers Bildungsdezernent Christhard Wagner war vergangene Woche in Bezug auf Neuschäfer noch deutlicher geworden: «Der Ansicht, der Westen sei pauschal ostfeindlich und der Osten sei pauschal ausländerfeindlich, wird widersprochen.»

Auch der Berliner, der sich in Bayern niederlasse, müsse mit Skepsis rechnen, führen Rudolstädter zu ihrer Verteidigung an. Wird ein Kind mal nicht zum Kindergeburtstag eingeladen, habe das nicht gleich mit Fremdenfeindlichkeit zu tun. Allerdings wird der Berliner in Bayern nicht angespuckt, wie Miriam Neuschäfer in Rudolstadt. Die Geschichte der Neuschäfers klingt nach einem unglücklichen Mix aus persönlichen Be- und Empfindlichkeiten, Vorurteilen, verpassten Chancen. Von Anfang an, sagte Reiner Andreas Neuschäfer, sei ein «Kulturunterschied» spürbar gewesen. Nun ist daraus ein unüberbrückbarer Graben entstanden.

 
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