28.01.2010
Herausgeber: netzeitung.de
Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger
Foto: bpb
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
politikorange*: 68 dürfte wohl im Moment das meist diskutierte geschichtliche Thema der Bundesrepublik sein. Zahlreiche Publikationen haben sich bereits mit der Zeit der Studentenrevolte auseinandergesetzt. Welche neuen Einblicke bringen die von Ihnen initiierte Ausstellung und die jetzige Publikationsreihe? Thomas Krüger: Wir möchten Anregungen geben, dass die Thematik 1968 als gesellschaftspolitischer Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik, aber auch in der Geschichte der DDR wahrgenommen wird. Denn 68 hat nicht nur in Westeuropa stattgefunden, sondern auch in der DDR durch die Aufstände in Warschau und Prag entsprechende Zeitenwenden hervorgerufen und Veränderungen ausgelöst.
Mit unserer Ausstellung im Berliner Amerika Haus und mit unseren Publikationen möchten wir zur Diskussion über die jüngere Zeitgeschichte anregen, die vor allem bei vielen jungen Menschen völlig aus dem Blickfeld geraten ist. Deren Eltern und Großeltern haben sie durchaus noch im Gedächtnis, diskutieren sie aber ideologisch sehr festgelegt. Die Diskussion zu öffnen und den Leuten die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Urteil zu bilden: Das sind unsere Ziele.
politikorange: Hatten Sie manchmal den Eindruck, dass im Westen die Speerspitze der Bewegung zum Teil eine totalitäre Richtung einschlug?
Krüger: Die aktuelle Forschung weist darauf hin, dass dies ein sehr komplexes Feld ist. Die sogenannte Avantgarde oder Speerspitze stellte nur einen Teil der Leute dar, die jedoch nie die breite Mehrheit repräsentiert haben. Johano Strasser sagt beispielsweise, dass die Mehrheit der Leute, vor allem aus der 68er-Studentenbewegung, in die SPD eingetreten ist, und das kann man nicht als totalitär bezeichnen. Die ideologische Zuspitzung war natürlich da, und diese muss man auch entsprechend kritisch unter die Lupe nehmen, aber der gravierende Einschnitt hat kulturell stattgefunden: Das Distanzieren von der Elterngeneration durch die Einflüsse der Rockmusik, der Friedensbewegung, der Anti-Vietnambewegung.
All das fand weltweit statt, und sehr viele junge Leute identifizierten sich damit. Im Anschluss daran pluralisierten und demokratisierten sie so die Gesellschaft. Beispiele dafür sind die Kinderladenbewegung, ein breiteres Verständnis von Erziehung, die Diskussion an den Universitäten. Die Bundesrepublik wurde zu einem Staat, der viel mehr Individualität ermöglichte. Das ist wahrscheinlich der markanteste Punkt, der 68 betrifft und der heute von weiten Teilen derer, die damals die Bewegung kritisierten, unbestritten ist. Mit dem Informationsangebot der Bundeszentrale wollen Sie vor allem jüngere Menschen einladen, sich mit dem Thema 68 zu beschäftigen.
politikorange: Warum, glauben Sie, ist die damalige Zeit besonders für die heutige Jugend von Interesse?
Krüger:Die 68er-Bewegung war selbst eine Jugendbewegung, und man kann an Jugendbewegungen sowohl die ambivalenten Komponenten politischer Urteilsbildung ablesen als auch das Feuer, sich politisch zu engagieren. Wir wollen mit dieser Ausstellung und mit den Veranstaltungen junge Leute ansprechen, um das mit ihnen auch zu erörtern: Nicht nur mit dem Rückblick auf die 68er-Zeit, sondern auch mit Blick auf die Virulenz politischen Engagements heute. Gründe gibt es genug. Die Schere zwischen arm und reich geht auseinander, die Globalisierungsdebatte wird sehr kontrovers geführt; es liegen also viele politische Themen auf der Straße, und man hat aus verschiedenen Gründen mit einer Jugend zu tun, der man jedenfalls nicht in der Breite als politisierte Jugend begegnet.
Man identifiziert sich heute in stärkerem Maße mit anderen Interessen als der Politik vor allem auch mit dem Entertainment , hat die eigene individuelle Karriere im Blick, und die politischen Komponenten spielen nur zum Teil eine Rolle. Unsere Ausstellung ist eine Art Staubsauger, um die Leute in den zeitgeschichtlichen Raum zu holen und dann zu diskutieren. Es gibt eine Reihe von Diskussionsveranstaltungen, die zu unserer Überraschung mindestens zur Hälfte von jungen Leuten besucht sind. Das heißt, das Interesse ist im Ansatz da.
politikorange: Was kann unsere Generation konkret aus der 68er-Zeit sowohl im Positiven als auch im Negativen lernen, wenn sie versucht, sich politisch zu engagieren und gegen Missstände zu rebellieren?
Krüger:Um mit dem Positiven anzufangen: die Haltung, die Kreativität des Protests, die Einbettung von Protestformen in die jugendkulturellen Kontexte sind Dinge, die 68 erfunden und ausprobiert wurden, von denen man sicherlich lernen kann und die uns bis heute beeinflussen. Ich selbst kann als ehemaliger Bürgerrechtler der DDR sagen, dass viele der Protestslogans und -formen, die wir damals 1989 realisiert haben, sehr viel mit 68 zu tun hatten und damit in Verbindung gebracht werden können. 89 ist ohne 68 schwer denkbar, und sowohl Prag als auch die Sit-ins und Teach-ins aus dem westlichen Europa haben dies beeinflusst.
politikorange: Und das Negative?
Krüger:Der Fehler, den man vermeiden muss, ist, zu schnell von der Rebellion in die Manie, in ideologische Verkürzungen, in ungerechtfertigte, ungerechte und auch totalitäre Positionen überzuspringen. Und das ist auch ein Lerngegenstand, den man an 68 abarbeiten sollte. Viele der Protagonisten der damaligen Zeit wurden in ihrem Überschwang zu Maoisten oder gründeten kommunistische Zellen, bar jeder Kenntnisnahme, dass unter Maos Regime Millionen Menschen umgebracht hatte und der Kommunismus eine totalitäre Gesellschaftsordnung war. Man hat die nachvollziehbare Einforderung von mehr Pluralität und Demokratie mit kommunistischen Alternativen angereichert. Bei aller Ambivalenz muss man sich damit kritisch auseinandersetzen und zu einem eigenen Urteil kommen.
Um ein Beispiel zu geben: Sie sehen in unserer Ausstellung ein Video von einer großen Veranstaltung an der Freien Universität, auf der ein Kritiker der Bewegung versucht zu sprechen, nach den ersten Sätzen aber sofort vom Podium gerissen wird und hinter den Kulissen verschwindet. Die Meinungsfreiheit der 68er hatte eben auch ihre Grenzen.
Thomas Krüger (Jahrgang 1959) ist seit Juni 2000 Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Deren Hauptaufgabe ist es, durch Veranstaltungen, Ausstellungen, Veröffentlichungen und Lehrmaterial zur aktiven Auseinandersetzung mit Politik anzuregen.
*Die Netzeitung veröffentlicht dieses Interview als Partner des Medien-Projekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de