28.01.2010
Herausgeber: netzeitung.de
Rudi Dutschke ruft eine ganze Generation zum "Marsch durch die Institutionen" auf
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Gründungsakte und Traditionen verewigen sich in Mythen. Sie bekommen Deutungshoheit über die Geschichte der eigenen Gemeinschaft und bestimmen deren aktuelles Selbstverständnis. In Deutschland verbietet es sich aufgrund der nationalsozialistischen Verbrechen jedoch, eine ausschließlich positive nationale Tradition zu schreiben.
Die «kulturelle Revolution» der 68er arbeitete die NS-Vergangenheit ihrer Elterngeneration auf, brach mit deren Überlieferungenn und ihren Mythen. Durch den von Rudi Dutschke ausgerufenen «Marsch durch die Institutionen» gelangten viele der damaligen Protagonisten über die Jahre in höhere Positionen. Die ehemalige Studentenbewegung gewann Macht und Einfluss in Medien, Kultur und Politik.
Kuschelpädagogik oder RealitätsverlustDas Jahr 1968 bedeutet für linksliberale Kreise die Überwindung des postfaschistischen Miefs. Bis heute zehren Politiker dieser Generation vom Mythos, eine kulturell demokratische Gesellschaft in der BRD gegründet zu haben. Doch ist dieser Gründungsmythos seither stark umkämpft. Denn Konservative beschuldigen die 68er, heute wie damals, traditionelle Werte im Namen «feministischer Kuschelpädagogik» zu verwahrlosen. Aus Parolen wie «High sein, frei sein, Terror muss dabei sein» spräche blanker Realitätsverlust.
Der hart erarbeitete Wohlstand des Wirtschaftsbooms in den 50ern sei den Studenten zu Kopf gestiegen, heißt es heute oft. Deutschland sucht seine Mythen beide Seiten bringen ihre historischen Erfolge in Stellung. Was den einen 68, ist den anderen ihr Wirtschaftswunder. Verteufelung und Glorifizierung beherrschen die Diskussion. Verhandelt wird nicht weniger als die Grundlage eines zeitgemäßen nationalen Selbstverständnisses. Solange dies jedoch Kernthema der Debatte ist, wird es kaum differenzierte Darstellungen geben.
Die Netzeitung veröffentlicht diesen Artikel als Partner des Medienprojekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.