06.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Unterricht in Deutschland
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Kultusminister suchen nach einem Ausweg aus der Belastung, der das Acht-Jahres-Abi für Schüler mit sich bringt. Unter anderem die Hausaufgabenzeit soll künftig als Unterricht zählen.
Pflichtunterricht am Nachmittag, danach noch Hausaufgaben Gymnasiasten haben kaum noch ein Leben außerhalb der Schule. Kommen noch Nachhilfe, Instrumentalunterricht oder das Handballtraining hinzu, bleibt für Fernsehen oder die Internet-Community nur noch das Wochenende. Besonders dann, wenn die Schüler zu den Jahrgängen gehören, die künftig das Abi in acht Jahren geschafft haben müssen, ist die Zeit knapp.
Die Schultage sind künftig länger, Unterricht dehnt sich bis in die Nachmittagsstunden aus. Die Ganztagsschule wird zur Regel. Auf bis zu 36 Wochenstunden verlängert sich der Unterricht etwa in Bayern an, bis zu 35 sind es in Hessen oder Baden-Württemberg. Dieser Strukturwandel hat in weiten Teilen Deutschlands überlastete Lehrer, überforderte Schüler und verzweifelte bis zornige Eltern hinterlassen. Die Schulranzen werden immer schwerer, manch ausgelaugter Gymnasiast flieht zum Arzt, um seine Stresssymptome zu kurieren. Aufgebrachte Eltern beklagen sich bei den Elternvertretern und Lehrern, weil ihre Schützlinge bis abends zehn Uhr über den Büchern sitzen.
«Entrümpelung» oder «Ausdünnung» der Lehrpläne, Reduzierung der Stundenzahl, Verlegung der Hausaufgaben in die Schule, Wiedereinführung des Samstagsunterrichts oder mehr Ganztagsschulen die Zahl der Vorschläge, der Misere abzuhelfen, ist groß. Von Einigkeit beim Vorgehen der verantwortlichen Landespolitiker kann dabei keine Rede sein. Die nun erzielte Einigung der zuständigen Minister mutet sehr unverbindlich an: Gymnasien mit achtjähriger Schulzeit können ihre Stundenpläne möglicherweise flexibler als bisher gestalten. Die vereinbarte Wochenstundenzahl wollen die Kultusminister aber voraussichtlich nicht antasten. Es soll auch weiterhin den Schulen überlassen bleiben, ob sie Ganztagsschulen werden wollen. Nach Äußerungen verschiedener Minister könnte die Kultusministerkonferenz beschließen, dass etwa Wahlfächer, Übungsstunden oder Zeit für Hausaufgaben auf die für ein Abitur notwendige Pflichtstundezahl angerechnet werden können.
Im Osten reibungslosDer Hintergrund: Insgesamt sollen die Bildungswege in Deutschland kürzer werden: An den Hochschulen gibt es jetzt Bachelor- und Master-Studiengänge, die schneller zum Examen führen und damit jüngere Akademiker hervorbringen sollen. Und damit das Studium auch schon früher beginnt, wurde fast flächendeckend das Abitur nach zwölf Jahren eingeführt. Der Osten gab das Beispiel: Sachsen und Thüringen hielten an dem aus der DDR bekannten Modell fest, das in zwölf Jahren zum Abi führt. Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gingen zwischenzeitlich auf 13 Jahre. Auch der Westen verkürzte bereits. Nur Rheinland-Pfalz ziert sich noch und plant den verkürzten Bildungsweg nur an einigen Ganztagsgymnasien. Die Folge: «Die Lehrer müssen jetzt gnadenlos den kompletten Lehrbuchstoff durchpeitschen, zum Wiederholen und Vertiefen bleibt keine Zeit mehr», sagt Kerstin Geis, Vorsitzende des Hessischen Landeselternbeirats. Den Schülern fehlt wichtige Zeit fürs Üben, Wiederholen und Festigen des Stoffs.
Dabei geht es auch anders: Nahezu reibungslos hatten die Ost-Länder nach der Wende den Wechsel ins westdeutsche Schulsystem absolviert. Unaufgeregt vollzog man damals den Wechsel der Lehrpläne, die in Sachsen und Thüringen sogar in zwölf Jahre gepfercht werden mussten. Im sächsischen Kultusministerium erklärt man sich die Unaufgeregtheit im Osten mit einem Gewohnheitseffekt. «Das hat viel damit zu tun, dass man es hier nie anders gekannt hat», sagt ein Ministeriumssprecher. Nachmittagsunterricht werde nicht so sehr als Problem angesehen, weil in der DDR traditionell bereits die Grundschulen über einen Hort verfügt hätten, den die Kinder nachmittags besucht hätten.
Sachsen versucht den Nachmittagsunterricht aber mit einer Umstellung auf Ganztagsschulen aufzufangen. 900 der rund 1500 Schulen im Freistaat verfügen laut Ministerium inzwischen über solche Angebote. Sie berücksichtigen mit einem Wechsel von Anspannungs- und Entspannungsphasen auch den natürlichen Biorhythmus. Genau das sieht die Bildungsgewerkschaft GEW als Voraussetzung für eine erfolgreiche Einführung einer kürzeren Gymnasialzeit an. «Wenn alles in den Vormittag gequetscht wird, ist das zu viel, unsere ganze bisherige Schulorganisation passt nicht mit dem Biorhythmus zusammen», sagt Schulexpertin Marianne Demmer. «Deswegen würde das G8 viel besser mit einem Ganztagsschulsystem funktionieren.» (nz)