29.02.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Türkische Gemeinde gegen Begriff «Integration»
Parteien sollen sich in einem Ehrenkodex verpflichten, auf Stimmungsmache gegen Minderheiten zu verzichten, fordert der Vorsitzende Kolat. Außerdem wünscht er sich ein neues Vokabular.
Die Türkische Gemeinde in Deutschland hat eine Neuausrichtung der Integrationspolitik verlangt. Dazu sei bei Einstellungen im öffentlichen Dienst eine Migrantenquote von zehn Prozent, Türkisch-Unterricht an Schulen und ein neues Schulfach «Interkulturelles Leben» nötig, heißt es in einem am Freitag vorgestellten Fünf-Punkte-Papier.
Der Gemeindevorsitzende Kenan Kolat regte an, nicht mehr von Integration zu sprechen. Vielmehr gehe es um gleiche Rechte und Partizipation. Dazu gehöre für ihn auch, dass eingebürgerte Türken ihre türkische Staatsangehörigkeit behalten dürften.
17 Brände in den vergangenen 24 Tagen in türkischen Wohnhäusern, darunter mindestens ein Brandanschlag in Marburg, hätten in der türkischstämmigen Bevölkerung erhebliche Unruhe ausgelöst, sagte Kolat. Deshalb würden von der Politik deutlichere Vertrauenssignale als bisher für ein friedliches Miteinander erwartet.
Den Parteien will die Gemeinde in Kürze den Entwurf für einen gemeinsam mit den Gewerkschaften erarbeiteten politischen Ehrenkodex vorlegen. Darin sollen sich die Parteien verpflichten, auf jede Stimmungsmache gegen Minderheiten zu verzichten. Verstöße müssten öffentlich gemacht werden, forderte Kolat. Er hatte vor der Hessen-Wahl Ministerpräsident Roland Koch wegen dessen Wahlkampfäußerungen zur Jugendkriminalität scharf angegriffen und zu seiner Abwahl aufgerufen.
Bildungsniveau erhöhenDer Gemeindevorsitzende sagte, die Brände der vergangenen Wochen seien in den wenigsten Fällen auf fremdenfeindliche Anschläge zurückzuführen. Dennoch hätten die Türken in Deutschland Angst und benötigten Solidarität. «Die Leute suchen Nestwärme», sagte Kolat. Als Bringschuld der türkischstämmigen Bevölkerung bezeichnete er die Aufgabe, ihr Bildungsniveau zu erhöhen. «Aber wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen.» (dpa)