Wasserreise-Boom: 

netzeitung.deDeutschland soll Kreuzfahrt-Tourismus fördern

 Herausgeber: netzeitung.de

Von Paris nach Prag in 12 Tagen. Oder Budapest-Amsterdam in 15. Das ist nicht sonderlich schnell, aber schön. Denn der größte Teil der Reise führt über das Wasser. Und es ist eine Chance.

Längst überzieht Europa ein Netz von Kreuzfahrtrouten, längst führen die Routen der schwimmenden Hotels nicht mehr nur über das Meer. Der Kreuzfahrttourismus ist eine Wachstumsbranche: Zwar ging der Umsatz in Deutschland 2006 vorübergehend um knapp zwei Prozent zurück, im Zehnjahresvergleich betrug der Zuwachs jedoch 200 Prozent. Auf dem Meer tut sich ähnliches, wie der Deutsche Reiseverband ermittelte: Der Umsatz verdoppelte sich seit 1999, allein im vorletzten Jahr nahmen die Reeder elf Prozent mehr ein. Ähnlich rasant steigt die Zahl der Passagiere: 2007 erstmals auf mehr als eine Million. Weil viele Fährschiffe immer komfortabler ausgestattet sind, entwickelt sich ein Kreuzfahrtsegment, in dem die Reisenden die überwiegende Zeit ihres Urlaubs an Bord zubringen.

Nicht überall wird diese Erfolgsgeschichte sichtbar: Die Deutsche Zentrale für Tourismus weist gerade fünf Anbieter von Flusskreuzfahrten aus. Die Vielzahl der anderen dort genannten Schiff-Betreiber fahren Ausflügler über deutsche Flüsse und Seen – die Gäste amüsieren sich bei Kaffee und Kuchen, abends isst man wieder daheim.

2006 buchten etwa 8,5 Millionen Passagiere in Deutschland eine Fährschifffahrt innerhalb Europas, wie der Branchenverband zählte. Deutsche Fährhäfen fertigten 2005 zwölf Millionen Passagiere ab. Die Tendenz ist steigend. Die Aussichten blendend. Die Veranstalter erschließen neue Kundengruppen und Routen. Die Fluss- und Küstenhäfen Deutschlands haben viel zu tun.

Liste von Versäumnissen
Unter den politisch Verantwortlichen kommt nun Sorge auf, Deutschland profitiere nicht ausreichend von dem Kreuzfahrtboom. Der Bundestag will die Regierung dazu bringen, die Bedingungen für die Wasserreisen so günstig wie möglich zu gestalten. Sie sammeln die Argumente: Die Schiffe schaffen Arbeit in den Häfen, sie verbrauchen im Gegensatz zu Pkw- und Flugreisen wenig Treibstoff. Anbieter, Werften, Zulieferer, Häfen, Hotel- und Gaststättengewerbe sollen so viel wie möglich von dem Run auf die Molen abgreifen.

Abgeordnete aus SPD und Unionsfraktion brachten zu Papier, was der Bund in die Wege leiten soll: Der Antrag ist eine Liste von Versäumnissen: Zu wenig ist der Kreuzfahrttourismus in der Öffentlichkeit präsent. Die Deutsche Zentrale für Tourismus, eine Einrichtung des Bundes, soll intensiver im Ausland für Wassertouren nach Deutschland werben. Der Nord- und Ostseeraum braucht eine werbende Dachmarke: «Baltic Sea» liefern die Abgeordneten sie als Vorschlag mit. Es fehlt ein einheitliches Informationssystem der verschiedenen Staaten über Hoch- und Niedrigwasser, Sperrungen oder Sanierungsarbeiten.

Häfen, Flüsse und Kanäle sollen kreuzfahrtgerecht ausgebaut werden. Auch international, schließlich soll die Fahrt nicht an der Bundesgrenze zu Ende sein, weil die Wassertiefe nicht ausreicht. Grenzkontrollen oder die Sicherheitssysteme in den Häfen dürfen den Fluss der Passagiere nicht behindern, ein einheitliches Steuersystem für Verkäufe an Bord muss her. Schließlich soll die bundeseigene Bahn die Häfen besser anfahren. Bei entstehenden Kosten könne der Bund innerhalb seiner Budgetpläne entsprechend umschichten. Die bereits mit 25 Millionen Euro bezuschusste Deutsche Zentrale für Tourismus soll 500.000 Euro mehr erhalten – für das Auslandsmarketing.

Jeder macht seien Kram
Nun nützten die Aktivitäten des Bundes wenig, wenn die Ebene nicht mitzieht. Im kleinteilig strukturierten Wirrwarr der Interessen- und Werbegemeinschaften, Fremdenverkehrsverbände, Marketinggesellschaften Online-Vermarktungsportale ist es schwer, einem gemeinsamen Ziel näher zu kommen. Ein unüberschaubarer Wildwuchs von Werbeprodukten und –prospekten überschwemmt Branchenmessen und verstaubt in Fremdenverkehrsämtern. Förder-Ebenen und Verantwortlichkeiten sind zersplittert. «Jeder macht seinen eigenen Kram», beklagt der Unions-Tourismuspolitiker Jürgen Klimke, einer der Autoren, der die Verantwortlichen der norddeutschen Bundesländer zu einem Tourismusgipfel zusammenrief.

Dort nimmt man die Länder-Verantwortung bereits ansatzweise wahr: In Hamburg existiert ein gemeinsames Marketingbüro. Die Wirtschaftssenatoren und –minister rangen sich in einer Willensbekundung dazu durch, gemeinsam zu werben. Sie wollen Skandinavien einbeziehen, in Österreich, der Schweiz und in China Gäste gewinnen. Ihr Ziel: Den in Vergleich zu Bayern touristisch abgehängten Norden bekannter und bedeutender zu machen.

Für das Web ediert von Tilman Steffen