Assimilation versus Integration: 

netzeitung.deErdogans Mitverantwortung für Deutschland

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Assimilation versus Integration 

Lupe Erdogans Mitverantwortung für Deutschland

Integration braucht Brücken. Doch Propaganda türkischer Medien oder ein außer Kontrolle geratener Ministerpräsident reißen neue Gräben, schreibt die Integrationsbeauftragte des Bundes, Staatsministerin Maria Böhmer , in einem Gastbeitrag für die ...

Trauernde mit Blumen und Kerzen prägten die Tage nach dem Feuertod einer türkischen Familie in Ludwigshafen. Aber auch Hassparolen und von türkischen Zeitungen aufgestachelte Landsleute.

Die Bilder der vergangenen zwei Wochen werden mir lange im Gedächtnis bleiben: Das Baby, das ein verzweifelten Vater aus dem dritten Stock des brennenden Hauses in Ludwigshafen in die Arme eines Feuerwehrmannes fallen ließ. Das Meer von Blumen, Kerzen und Andenken am Ort der Katastrophe, Zeichen der Anteilnahme der Ludwigshafener Bevölkerung. Mein türkischer Kollege, Minister Yazicioglu, der Hand in Hand mit mir in einer Schweigeminute der Opfer gedachte. Die Zustimmung in den Gesichtern der tausenden von Menschen in Ludwigshafen, als der türkische Ministerpräsident Erdogan bewegende Worte des Dankes und der Anerkennung für die Helfer sprach. Der junge türkische Familienvater, der vor den Särgen seiner Frau und seiner Kinder die Kraft fand, von der Freundschaft zwischen Deutschen und Türken zu sprechen.

Es gab leider auch andere Bilder: Türkische Zeitungen, die schon am Tag nach dem Brand in dicken Lettern ein zweites Solingen heraufbeschworen. Aufgebrachte Türken, die daraufhin beim Besuch von Erdogan in Ludwigshafen Transparente mit der Aufschrift «Nazis» schwenkten. Der Ludwigshafener Feuerwehrchef, ein gestandener Mann, der unter dem Druck der Anfeindungen gegen die Retter weinend zusammenbrach. Und dann am Sonntagnachmittag 16.000 Türken in der Köln Arena, die «ihrem» Ministerpräsidenten zujubelten, als er sie davor warnte, sich in Deutschland zu «assimilieren».

Türken von Erdogan besser vertreten
Was ist die Botschaft dieser Bilder? Für mich zeigen sie zweierlei. Dort, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft in guter Nachbarschaft zusammen leben, stehen sie auch in der Not zusammen. Das ist eine gute Botschaft. So werden Brücken gebaut. Andererseits wurde aber auch deutlich, dass Teile der türkischen Bevölkerung offenbar erhebliche Vorbehalte gegenüber Deutschland und den Deutschen haben – obwohl viele von ihnen schon seit Jahrzehnten hier leben. Wenn junge Deutschtürken sagen, dass sie sich von Erdogan eher vertreten fühlen als von Bundeskanzlerin Angela Merkel, ist das keine gute Botschaft.

Was können, was müssen wir tun, damit diese Menschen Ja zu Deutschland sagen? Zuallererst müssen wir dafür sorgen, dass jede und jeder die Chancen nutzen kann, die unser Land bietet. Das bedeutet gleichberechtigte Teilhabe. Wir brauchen bessere Bildung, mehr Ausbildungs- und Arbeitsplätze, vor allem für die nachwachsende Generation. Jedes Kind, das in Deutschland eingeschult wird, muss unsere Sprache sprechen. Eltern müssen wissen, wie wichtig eine gute Bildung für die Zukunft ihrer Kinder ist, uns sie müssen sie auf ihrem Bildungsweg unterstützen. Wir helfen ihnen dabei. Mit dem Nationalen Integrationsplan haben wir eine große Initiative auf den Weg gebracht, die viel bewirken wird. Wir haben zum ersten Mal alle Kräfte zusammengeführt, die an der Integration mitarbeiten, vor allem auch die Zugewanderten selbst. Sie sind nicht länger Objekt von Integrationspolitik, sie sind Handelnde. Das ist ein Meilenstein.

Integration ist keine Assimalition
Die Migrantenorganisationen tragen eine große Verantwortung für die Integration. Sie sind als Brückenbauer unverzichtbar. Ihre Aufgabe ist es vor allem auch, die emotionale Bindung der Menschen an Deutschland zu stärken. Auch die Medien tragen eine große Verantwortung. Kritische Begleitung von Politik ist ihre Aufgabe. Sie sollen informieren, aufklären, unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen lassen – nicht jedoch mit Schlagzeilen wie in den ersten Tagen nach dem Brand von Ludwigshafen Ängste, Misstrauen und Vorbehalte schüren. Das darf nicht wieder geschehen.

Nicht zuletzt trägt auch die türkische Regierung Verantwortung dafür, dass die 2,7 Millionen Menschen, die aus der Türkei zu uns gekommen sind, wirklich hier ankommen. Es ist kontraproduktiv, von Assimilation zu sprechen, wenn es um Integration geht. Niemand verlangt von den Zugewanderten, ihre Kultur aufzugeben, ihre Wurzeln zu kappen. Diese Menschen mit ihrer vielfältigen Kultur, ihrer Herzlichkeit und ihrer Lebensfreude sind uns willkommen, sie sind eine Bereicherung für uns alle. Aber klar ist auch: Wer dauerhaft hier lebt, muss unsere Sprache beherrschen. Wir brauchen keine Schulen, in denen türkische Kinder unter sich bleiben. Schulen sind nicht nur Lernorte, sie sind Orte der Begegnung, des Miteinanders und der Integration. Hier knüpfen Kinder unterschiedlichster Herkunft Freundschaften, die manchmal ein Leben lang halten. Auch damit werden Brücken gebaut.

Damit Integration gelingt, brauchen wir all diese Brücken. Wir brauchen gegenseitiges Vertrauen. Nur so können wir die große Anstrengung, die Integration von uns allen fordert, meistern. Es ist unser gemeinsames Land. Und es ist unser gemeinsames Ziel, dass dieses Land auch in Zukunft unsere lebens- und liebenswerte Heimat ist.

Die CDU-Politikerin Maria Böhmer ist Staatsministerin für Integration im Bundeskanzleramt. Sie ist seit November 2006 Präsidiumsmitglied ihrer Partei, seit 2001 sitzt sie der Frauenunion vor, dem Frauenverband der CDU.