Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Öffentlicher Dienst: 

Warnstreik legte Gesundheitssektor lahm

14. Feb 2008 16:26
Krankenschwestern streiken in städtischer Klinik in München
Bild vergrößern
Der Ausstand im Öffentlichen Dienst hat am Donnerstag vor allem den Gesundheitssektor getroffen. Viele Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen liefen im Minimalbetrieb. Vonseiten der Bevölkerung gab es Zuspruch.

Überquellende Mülltonnen, geschlossene Kindergärten und zahlreiche Krankenhäuser im Notbetrieb: Am ersten Warnstreiktag im Öffentlichen Dienst haben laut Verdie mehr als 15.000 Beschäftigte die Muskeln spielen lassen.

«Jetzt bekommen die Arbeitgeber unsere Wut zu spüren. Der Unmut ist riesig», sagte Verdi-Sprecher Bernd Oleynik. Mit aller Macht wollten die Beschäftigten jetzt ein besseres Angebot erzwingen. Hunderte kommunale Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen liefen am Donnerstag im Minimalbetrieb, operiert wurde vielerorts nur in dringenden Fällen. Untersuchungstermine wurden verschoben, Kranke bekamen ihr Essen mit Verspätung. «Alle machen mit, vom Küchen- bis zum Pflegepersonal», sagte der nordrhein-westfälische Verdi-Sprecher Günter Isemeyer. Allein im bevölkerungsreichsten Bundesland waren laut der Gewerkschaft 5000 Beschäftigte im Ausstand.

«Zuspruch aus der Bevölkerung»

Auch viele Servicestellen von Stadt- und Gemeindeverwaltungen blieben am Donnerstag teilweise vollständig geschlossen. Wo Kindergärten bestreikt wurden, mussten Eltern kurzfristig eine Kinderbetreuung organisieren oder sich frei nehmen. Im Saarland fielen bei der Müllabfuhr und im Busverkehr komplette Schichten aus. «Die Menschen verstehen das. Die Streikenden bekommen Zuspruch aus der Bevölkerung», versicherte Oleynik. Im saarländischen Völklingen hätten Fahrgäste spontan Fahrgemeinschaften gebildet und die streikenden Busfahrer angespornt.

Warnstreiks gab es auch in Bayern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern; am stärksten fielen sie im Saarland und in Hessen aus. Im Städtischen Klinikum in Frankfurt-Höchst waren alle Operationssäle und Ambulanzen geschlossen, wie Verdi-Sprecher Georg Schulze-Ziehaus sagte. «Allein hier waren 450 Mitarbeiter im Ausstand, das ist ein Super-Ergebnis.» Die Unzufriedenheit sei angesichts des Stellenabbaus in den Kliniken riesig: «Und mit der aktuellen Tarifrunde haben die Arbeitgeber das Fass zum Überlaufen gebracht.»

Verhärtete Positionen

Bislang stehen sich Verdi und die Arbeitgeber in den Tarifverhandlungen unversöhnlich gegenüber. Die Gewerkschaft fordert acht Prozent mehr Lohn für die rund 1,15 Millionen Angestellten bei Städten und Gemeinden sowie die rund 160.000 Angestellten des Bundes. Die Arbeitgeber bieten einen Aufschlag von fünf Prozent - was die Gewerkschaften allerdings nicht gelten lassen wollen: «Die ominösen fünf Prozent sind nämlich 2,5 Prozent in diesem und 0,4 im nächsten Jahr plus Arbeitszeitverlängerung. Das ist eine Minusrunde», sagte Konrad Freiberg, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei. Das Angebot könne man nur als unverschämt bezeichnen.

«Jetzt ist ein Punkt erreicht, wo wir nicht mehr können und einfach auf die Straße gehen müssen», sagte Uschi Röhrig, Verdi-Vertrauensfrau in Köln. Mehr als 500 Beschäftigte der Städtischen Kliniken verliehen ihrer Lohnforderung mit lauten Trillerpfeifen und einer Kundgebung Nachdruck. Die Patienten hätten Verständnis für die kurzfristigen Arbeitsniederlegungen: «Sie wissen, dass ihre Versorgung trotz der Warnstreiks sichergestellt ist», betonte die Verdi-Frau.

Vor dem Städtischen Krankenhaus in Kiel streikten 150 Beschäftigte. Unter ihnen Heidrun Bosse, die nach eigenen Worten Jahr für Jahr um ihre Vertragsverlängerung bangen muss. «Es ist eine Katastrophe, dass der Staat Milliarden locker macht, um Banken vor dem Kollaps zu retten, aber nichts unternimmt, um den Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern», sagte sie.

«Wann, wenn nicht jetzt?»

«Die Deckelung des Budgets muss weg, sonst müssen wir jede Lohnerhöhung mit dem Verlust von Arbeitsplätzen bezahlen», sagte die Krankengymnastin Steffi Schill. Unter den Patienten sei das Verständnis für den Streik sehr groß, einige wollten sogar mitdemonstrieren. Krankenschwester Heike Mohr zeigte sich überzeugt, dass notfalls «bis zum bitteren Ende» gestreikt wird: «Wann können wir Lohnerhöhungen erreichen, wenn nicht jetzt, wo die Konjunktur gut läuft?»

Bis zum 22. Februar will Verdi weitere Warnstreiks folgen lassen. Mehrere Zehntausend Mitarbeiter in Krankenhäusern, Kindertagesstätten, der allgemeinen Verwaltung und Sparkassen sowie Ver- und Entsorgungsbetrieben sollen bis dahin ihre Arbeit niederlegen. Im Nahverkehr und in den Kitas will die Gewerkschaft die Warnstreiks vorher ankündigen. (Matthias Armborst, AP)

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Afghanistan-Konferenz: 
«Kabul muss konsequenter werden»
Live Top 5
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.