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Ernährung: 

Dicke Deutsche werden nicht dünner

30. Jan 2008 18:37
Deutschland ist unverändert dick
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Das Problem ist bekannt, auch die Lösung. Doch den Deutschen fehlt es am Bewusstsein dafür, dass sie sich falsch ernähren. Die Angst vor schädlichen Zusätzen in Lebensmitteln ist zu groß, berichtet Tilman Steffen

Heikle Frage: Hat Deutschlands Ernährungsminister nun Übergewicht oder nicht? Horst Seehofer braucht Zeit für die Antwort. Der leutselige Bayer ist vorsichtig, jedes Wort kann das falsche sein. Vor Jahren hatte sich Seehofer in einem unbedachten Moment einmal für eine Sondersteuer für Dicke ausgesprochen. Mit verheerender Resonanz. «Ich habe das nie wieder getan», erzählt der Minister, als er am Mittwoch eine Studie über das Essverhalten der Deutschen vorstellt.

Die Studie ist die erste gesamtdeutsche, nachdem es vor 20 Jahren eine erste «Verzehrsstudie» für die damalige Bundesrepublik gab. Für die zweite hat das Max-Rubner-Institut in den letzten beiden Jahren 20.000 Menschen gefragt, was sie essen, was sie übers Essen wissen, wie sie einkaufen, ob sie Kochen und wenn ja, ob kunstvoll in Herd und Bratröhre oder nur in Friteuse und Mikrowelle. Die Sammlung der Antworten liefert nun eine wissenschaftliche Datenbasis für geläufige Probleme, neue Erkenntnisse und bereits entwickelte Lösungen.

Seehofer am Mittwoch in Berlin
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Der Trend: Immer mehr Deutsche sind zu dick, derzeit jeder zweite. Jeder fünfte ist gar adipös, also fettsüchtig. Besonders die Leibesfülle junger Deutscher nimmt bedrohlich zu. Zuviel Fett in der Bauchgegend ist das höchste Gesundheitsrisiko. Die Folgen des Überflusses zu beseitigen, kostet die Krankenkassen jährlich eine dreistellige Milliardensumme. Nur zu einer Gruppe berichteten die Wissenschaftler Erfreuliches: Der Anteil der übergewichtigen Frauen über 30 Jahre sank um acht Prozent.

Die Hauptursache liegt im Bewusstsein der Esser: Eine unausgewogene Ernährung, zuviel Essen oder zu wenig Bewegung erscheint den meisten weniger riskant als etwa verdorbene Lebensmittel oder Pestizide in Obst und Gemüse. Das trägt auf.

Eine beunruhigende Entwicklung, die sich durch noch so intensive Aufklärung nicht stoppen ließe. Denn die Grundregeln gesunder Ernährung kennt jeder aus der Schule: Viel «komplexe Kohlenhydrate», also Brot, Nudeln und Reis, ausreichend Flüssigkeit und das alles in eher kleinen Portionen fünfmal am Tag, wiederholt Institutschef Gerhard Rechkemmer. Agrarminister Seehofer fasst es kürzer: «Alles, was auf dem Acker wächst, ist gesund.»

Dem Bewusstseinsmangel abhelfen sollen nun auch konkrete Hinweise auf den Nährwert der verschiedenen Lebensmittel. EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou stellte am Mittwoch seinen Plan vor: Nach dem müssen Lebensmittel künftig grundsätzlich Hinweise über den Fett-, Zucker- und Salzgehalt tragen. Ausgenommen sind Obst, Gemüse und frisches Fleisch. Die in Großbritannien übliche Praxis, die Produkte in den Ampelfarben zu kennzeichnen (Rot für einen hohen, Gelb für einen mittleren und Grün für einen niedrigen Nährstoffgehalt) konnte sich nicht durchsetzen.

Seehofer findet das unzureichend, will den «mündigen Verbraucher», selbst nachlesen lassen, ihm auf der Verpackung Informationen bieten, «die man nicht mit der Lupe suchen muss». Dass er keinen Ärger mit den Herstellern von Schokoriegeln oder anderen Zucker-Schockern möchte, weil die keine roten Punkte auf ihren Produkten haben wollen, sagt er nicht. Dass selbst der bekanntermaßen gesunde Honig wegen seines hohen Energiegehaltes Rot auf das Etikett bekommen würde, sagt er schon. Auch, dass ein Test der Ampel-Kennzeichnung beim Lebensmittelhändler Tesco ohne Wirkung auf das Kaufverhalten blieb. Eine Steuer für Zucker oder Fett? «Nein», wehrt Seehofer ab. «Wir setzen auf Information und Aufklärung.» Der Fehltritt mit der Dicken-Steuer hat ihn klug gemacht.

Die Frage nach einem möglichen Übergewicht hat der Minister auf seine Art beantwortet. «Ich bin sehr großen Schwankungen unterworfen», laviert Seehofer. Am Aschermittwoch sei er wieder näher am Idealgewicht dran, nach einer Woche in Berlin etwas weniger. Wahrscheinlich meinte er die Grüne Woche – jene Berliner Lebensmittel-Messe, wo Seehofer an jedem Stand probieren muss. Wobei sich die Pfunde bei Seehofer gut verteilen: Der Minister misst 1,92 Meter.


 
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