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Hitler - Profiteur einer krassen Fehleinschätzung

29. Jan 2008 18:11
Berlin-Ausgabe vom 29./30. Januar 1933 der NS-Parteizeitung
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Mit seinem Terrorregime stürzte der österreichische Zollbeamten-Sohn Adolf Hitler Millionen Menschen ins Verderben. Die Netzeitung beschreibt die Rasanz seiner Machtübernahme und die Motive seiner Förderer.

Bilderschau:
Anfang 1933 schöpfte Deutschland Hoffnung: Das Krisenjahr 1932 war vorüber, die Wirtschaft nahm Fahrt auf, die braunen Schläger und Schreihälse hatten bei der Wahl im November 1932 eine Niederlage erlitten. Reichspräsident Paul von Hindenburg sah in Hitler, dem Emporkömmling aus dem Wiener Männerheim, einen Erzgegner, dessen Machthunger er um keinen Preis stillen wollte. Selbst die konservative «Frankfurter Zeitung» betrachtete den Angriff von rechts nach der Wahl als «abgeschlagen». Von den Nazis würde keine Gefahr mehr ausgehen – schätzten viele Beobachter im In- und Ausland.

Ein folgenschwerer Irrtum. Nicht nur die Journalisten lagen falsch. Auch alle Politiker, die Hitler, dem gescheiterten Putschisten von 1923, das Comeback nicht zutrauten, hatten sich verschätzt: Vier Wochen später ernannte ihn von Hindenburg zum Reichskanzler. Kurz darauf rief sich Hitler selbst zum «Führer des Großdeutschen Reiches» aus.

Thema: Machtübernahme der Nationalsozialisten
Die Wende kam überraschend – und hat dennoch «viele und widersprüchlichste Gründe», wie der Historiker Hans Ottomeyer sagt, Direktor am Deutschen Historischen Museum in Berlin. Bei ihrer Gründung zu Beginn der 1920er Jahre interessierte sich kaum jemand für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) mit ihrem Programm aus Antibolschewismus und Antisemitismus und ihrer paramilitärischen Schlägertruppe, der SA. Bei der Wahl 1928 kam die rechte Splittergruppierung gerade einmal auf 2,6 Prozent der Stimmen und drohte in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Dann aber stellte die Weltwirtschaftskrise 1929 das fragile demokratische System der Weimarer Republik auf die Probe – und verhalf den Nationalsozialisten zu einem starken Zulauf an Wählern und Parteigängern.

Die braun gekleideten Scharfmacher gingen in allen Schichten der Bevölkerung auf Stimmenfang. Besonderen Zuspruch erhielten sie aber von Arbeitern, Angestellten und in weiten Teilen des Mittelstands, der den sozialen Abstieg fürchtete. «Selbst wer Arbeit hatte, war oft im Niedriglohnsegment beschäftigt», sagt Ottomeyer. «Es reichte kaum, um eine Familie durchzubringen. Die allgemeine Angst vor sozialem und wirtschaftlichem Abstieg wurde von links und rechts geschürt.» Erbitterte Straßenschlachten zwischen den verfeindeten Lagern zählten in vielen Städten Deutschlands zum Alltag.

Gespaltene Opposition

Die Nazis profitierten von der politischen und sozialen Instabilität: Die junge Demokratie war schwach, konservative Machteliten arbeiteten zielstrebig auf ihr Ende zu. Zwanzig Mal wechselte zwischen 1919 und 1933 die Regierung im Reichstag. Die Opposition war gespalten, insbesondere der linke Flügel konnte sich auf keine gemeinsame Strategie gegen Hitler einigen. Ottomeyer nennt ein Beispiel: «Kurz vor der Machtübernahme gab es am 29. Januar 1933 eine Demonstration der Sozialdemokraten im Berliner Tiergarten. Da standen die Kommunisten an der Seite und beschimpften die Demonstranten mit ihren Parolen.» Das zeige, so der Historiker, dass es in der Opposition, selbst am Vorabend der sich abzeichnenden Katastrophe, überhaupt keine Gemeinsamkeiten gab: «Jeder versuchte mit Gewalt seine Position durchzusetzen.»

Historiker Ottomeyer
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Hinzu kam die «eigensüchtige Politik der verschiedenen Kabinette», so Ottomeyer. Die konservative Elite verfiel dem Glauben, die durch den Ende 1932 einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung geschwächten Nazis für sich instrumentalisieren zu können. In einer Hinterzimmer-Intrige installierten sie Hitler schließlich als Regierungschef: Hinter dem Rücken seines Nachfolgers Kurt von Schleicher schmiedete der zuvor als Kanzler gescheiterte Franz von Papen ein Bündnis mit Hitler und band darin die reaktionäre Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und die nationalistische Organisation Stahlhelm ein. Er wollte die parlamentarische Demokratie aushebeln und ein quasi-monarchistisches Regime mit Reichspräsident von Hindenburg an der Spitze errichten.

von Papen, Hitler
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Zunächst sah es aus, als könnte der Plan gelingen: Zwei Tage nach Schleichers Rücktritt am 28. Januar vereidigt von Hindenburg am Vormittag des 30. Januar die neue Regierung unter Hitler und von Papen. Die Nazis stellen drei von neun Ministern des Kabinetts: Hitler als Kanzler, Wilhelm Frick und Hermann Göring. Von Papen tönt, man habe sich mit Hitler verbündet, um eine stabile, rechtsgerichtete Regierung zu bilden. Der NS-Politiker aber werde bald «so in die Ecke gedrückt, dass er quietscht». Am Abend ziehen in Berlin 20.000 SA-Leute und Stahlhelm-Mitglieder in einem Fackelzug durch das Brandenburger Tor – die Vorboten des kommenden Fanals. Tausende Menschen beobachten den Aufmarsch, für die meisten markiert das Spektakel freilich nicht mehr als einen weiteren Regierungswechsel.

Viele Zeitgenossen gaben dem Kabinett Hitler «keine lange Zukunft», sagt der Historiker Hans Mommsen. Die wenigsten hielten es für möglich, dass die Nationalsozialisten in Windeseile die angestrebte Herrschaft errichten konnten. Doch bereits am 1. Februar löst Hindenburg auf Wunsch Hitlers vorerst den Reichstag auf. Per Notverordnung werden drei Tage später Versammlungs- und Pressefreiheit erheblich eingeschränkt. Die Nazis wollen ihre Gegner mundtot und, so weit es geht, handlungsunfähig machen.

Reichstagsbrand wird Anlass für Massenverhaftungen

An der Oberfläche herrscht zunächst trügerische Ruhe. Doch knapp vier Wochen später, am 27. Februar 1933, brennt der Reichstag. Die Nazis nehmen das zum Anlass für Massenverhaftungen. Einen Tag später setzen weitere Notverordnungen die politischen Grundrechte außer Kraft. Die KPD wird verboten. Der Niederländer Marinus van der Lubbe wird als Brandstifter hingerichtet. Am 5. März ist Reichstagswahl, die NSDAP kommt auf 43,9 Prozent, verfehlt aber die absolute Mehrheit. Rund zwei Wochen später errichten die Nazis in Oranienburg und Dachau die ersten Konzentrationslager. Wieder zwei Wochen später lassen sie in Dachau die ersten Häftlinge ermorden. Bis Ende des Jahres werden rund 100.000 Menschen verhaftet und 600 getötet. Das Terrorregime zeigt erste Anzeichen seiner Methodik.

Die NSDAP-Fraktion im Reichstag
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Mit dem so genannten Ermächtigungsgesetz, das der Reichstag am 23. März verabschiedet, kann Hitlers Regierung nun Gesetze ohne das Parlament erlassen. Sie setzt Reichsstatthalter ein. Die deutschen Länder verlieren am 7. April ihre Eigenständigkeit – die Gleichschaltung beginnt. Am selben Tag erhalten jüdische und regimekritische Beamte ein weitgehendes Berufsverbot. Die frei werdenden Posten nehmen NS-Parteigänger und Opportunisten ein.

Doch nicht nur aus der Verwaltung entfernen die Nationalsozialisten potenzielle Widersacher. Der einzig verbliebene politische Gegner, die SPD, wird am 22. Juni verboten. Viele Genossen setzen sich ins Ausland ab, einige gehen in den Untergrund. Die meisten flüchten sich in Schweigen, erstarren in der inneren Opposition und sehen tatenlos zu, als Hitler am 14. Juli das «Gesetz gegen die Neubildung der Parteien» erlässt: Für die kommenden zwölf Jahre ist Deutschland ein Einparteienstaat. Der Diktator hat sich seinen eigenen Sockel gegossen.

Widerstand wird im Keim erstickt

Politischer Widerstand bleibt weitgehend aus oder wird im Keim erstickt. Ohnehin überwiegen die Stimmen derer, die Hitler die Lösung aller Probleme zutrauen. Der Schwung der neuen Machthaber und die sich bessernde Konjunktur betören die Menschen. Auch die Kirchen schwenken rasch auf den Kurs des neuen «Führers» ein: Schon am 3. Februar 1933, vier Tage nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, nehmen im Altarraum der Berliner Marienkirche 200 Fahnenträger Aufstellung. Die evangelische Gemeinde feiert im Zentrum der Hauptstadt ihm zu Ehren einen «deutschen Dankgottesdienst».

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Pfarrer Joachim Hossenfelder predigt über das «wunderbare Eingreifen Gottes» in die deutsche Geschichte. «In der Not formte sich Gott einen Mann und gab ihm die größte Sendung unserer Geschichte: das deutsche Volk aus der Verzweiflung zu reißen.» Rund sechs Wochen später, am 21. März, wirbt Hitler anlässlich der Eröffnung des neuen Reichstags in der Potsdamer Garnisonkirche mit einem Versprechen um die Gunst der Christen: Er werde die Eigenständigkeit der Kirchen nicht antasten. Die Kirchenoberen schätzen Hitlers «nationale Revolution». Sie schweigen, als die Nazis am 1. April 1933 die ersten jüdischen Geschäfte und Einrichtungen boykottieren. Sie Schweigen, als Hitlers Sicherheitsapparat die ersten jüdischen Bürger verhaften lässt.

Ein Schweigen, ein Verschweigen auch, das rasch das gesamte Land prägt. Ein Schweigen, das sich auch nach dem Ende des Nazi-Regimes über Jahrzehnte hinweg fortsetzte: als kollektives Verstummen einer ganzen Generation, die nicht nur die Verbrechen des Regimes hinnahm, sondern sie – zumeist fraglos und opportunistisch – mit verübte. (mit Agenturmaterial)


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