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Vom Steigbügelhalter zum Diktator

29. Jan 2008 18:05
Ex-Reichskanzler Franz von Papen (li.) gilt als Drahtzieher der Intrige, die Hitler an die Macht beförderte
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Einer Hinterzimmer-Intrige hatte Hitler es zu verdanken, dass er Reichskanzler wurde. Machthungrige Politiker wollten ihn als Steigbügelhalter nutzen – und verkannten auf fatale Weise die von ihm und der NSDAP ausgehende Gefahr.

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Der «böhmische Gefreite» Hitler war beinahe am Ende. Eine «ewige Pechsträhne» sei das Jahr 1932 für die NSDAP gewesen, schrieb ein enttäuschter Joseph Goebbels in sein Tagebuch. Sein Idol hatte die Präsidentschaftswahl gegen Amtsinhaber Hindenburg verloren. Und selbst nach dem überwältigenden Sieg der NSDAP bei der Reichstagswahl im Juli ließ der greise Präsident den selbsternannten «Führer» nicht an die Regierung. Hitler war der Weg an die Macht versperrt.

Thema: Hitlers Machtübernahme
Zudem begann die Zustimmung in der Bevölkerung zu bröckeln: «Im Herbst gingen die Wahlergebnisse zurück, die NSDAP war innerlich gespalten und beinahe pleite», sagt der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter. Doch innerhalb kürzester Zeit wendete sich das Blatt: Wenige Wochen später, am 30. Januar 1933, wurde Hitler als Reichskanzler vereidigt. Noch am selben Abend marschierten Fackelträger der SA durch das Brandenburger Tor. Was seinen Anhängern als politisches Wunder erschien, war in Wahrheit das Ergebnis beispielloser politischer Intrigen und folgenschwerer Fehler seiner Bündnispartner.

«Hitler ist nicht durch Wahlen an die Macht gekommen», betont Falter. «Im Januar 1933 war er weit von der absoluten Mehrheit entfernt und hatte kaum Verbündete.» Hitler profitierte vielmehr von der Rivalität zwischen dem amtierenden Reichskanzler Kurt von Schleicher und dessen machtbesessenem Vorgänger Franz von Papen: Der war verdrängt worden und wollte nun um jeden Preis zurück an die Macht – notfalls als Vizekanzler in einem Kabinett Hitler.

Konspirative Treffen und ein machthungriger Ostpreuße

22. Januar 1933: In der Berliner Villa des späteren NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop kommt es zu einem Geheimtreffen zwischen von Papen, seinem vermeintlichen Steigbügelhalter Adolf Hitler und dem einflussreichen Oskar von Hindenburg. Der 49-Jährige ist der «in der Verfassung nicht vorgesehene Sohn des Reichspräsidenten», wie der Volksmund spottet. Tatsächlich gehört der Ostpreuße zu einer Clique von Beratern, die immer größeren Einfluss auf den altersschwachen Reichspräsidenten ausübt. Hitler spielt taktisch. Er gibt sich genügsam und erklärt, nichts weiter als die Kanzlerschaft sowie zwei Ministerien für die NSDAP zu beanspruchen, darunter allerdings das Innenministerium. Alle übrigen Posten blieben den Konservativen. Das Kabinett aus parteilosen Konservativen, deutschnationaler DNVP und Nationalsozialisten müsse allerdings durch sofortige Neuwahlen bestätigt werden.

Stichwort: "Drittes Reich"
Der Begriff stammt nicht von Hitler, sondern wurde bereits im Mittelalter geprägt.
In «Mein Kampf» hat Hitler den Begriff «Drittes Reich» mit keinem Wort erwähnt. Doch war er es, der 1933 offiziell von einem «Dritten Reich» sprach, das tausend Jahre dauern werde.
Der Begriff stammt ursprünglich aus der christlichen Theologie. Im Mittelalter schrieben Joachim von Fiores und andere Theologen von dem «Dritten Reich» oder dem «Reich des Heiligen Geistes», das auf das «Reich des Vaters» und das «des Sohnes» folgen werde.
Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff in dem Buch «Das Dritte Reich» des rechtskonservativen Autors Arthur Moeller van den Bruck relevant. Er entwickelte die Vorstellung eines neuen Staats, der die Weimarer Republik ersetzen und einerseits an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation anknüpfen sollte, andererseits an das Bismarck-Reich.
Während der NS-Herrschaft wurde der Begriff dem System immer unliebsamer. Schließlich wies Goebbels 1939 die Presse an, stattdessen die Bezeichnung «Großdeutsches Reich» zu verwenden. Heute wird «Drittes Reich» allgemein als Synonym für den NS-Staat benutzt.
Der Präsidentensohn willigt ein. Der «Osthilfe»-Skandal liefert den Hindenburgs ganz persönliche Gründe dafür, dem Plan zuzustimmen: Auf Initiative der Zentrumsfraktion spürt der Reichstag gerade der Vergabe von Staatsgeldern für ostelbische Großgrundbesitzer hinterher – für den Ostpreußen Hindenburg eine hochgradig peinliche Sache. Mit einer Regierungsbeteiligung hofft er das Zentrum besänftigen zu können.

Durch gezielte Desinformation setzt von Papen den greisen Präsidenten zusätzlich unter Druck: Der fallen gelassene Ex-Kanzler Schleicher wolle am Morgen des 30. Januar putschen und ihn, den Präsidenten, verhaften lassen, die Reichswehr sei schon aktiviert. In dieser Lage willigt Hindenburg schließlich ein: Am folgenden Tag bekommt Hitler die Macht. Von einer «Ergreifung» – wie es in der NS-Propaganda später prahlerisch heißt – könne keine Rede sein, betont Falter. Vielmehr sei es eine Machtübergabe oder -übertragung durch den Präsidenten gewesen: «Die Macht lag ganz eindeutig nicht auf der Straße.»

Hindenburg habe keine Diktatur und erst recht keinen Holocaust gewollt: «Was er wollte, war ein starkes Präsidialregime, eventuell mit dem Endziel Monarchie», so Falter. Letztlich sei der Weimarer Republik aber Hindenburgs schlechter Gesundheitszustand zum Verhängnis geworden: «Der Präsident verachtete Hitler zutiefst. Wenn Hindenburg fünf Jahre jünger und weniger krank gewesen wäre, wäre Europa der schreckliche Zivilisationsbruch wahrscheinlich erspart geblieben.»

Von Papens folgenschwerer Irrtum

Doch zunächst werden Vorbehalte gegen Hitler mit markigen Worten zerstreut: Der deutschnationale Medienmogul Alfred Hugenberg verkündet, mit ihm als Wirtschaftsminister und Papen als Vizekanzler werde Hitler quasi «eingerahmt». Papen selbst versteigt sich zu dem Ausspruch: «In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht» – der folgenschwerste Irrtum der deutschen Geschichte.

Die Feinde Hitlers, aber auch dessen getäuschte Bündnispartner sehen der Zerstörung der Demokratie tatenlos zu. Mit unverhohlenem Terror geht das NS-Regime gegen Kommunisten und Sozialdemokraten vor. Nach dem Reichstagsbrand vom Februar 1933 werden Meinungs- und Versammlungsfreiheit außer Kraft gesetzt, mit dem Ermächtigungsgesetz entmachtet sich der Reichstag selbst. Nach knapp 14 Jahren ist die erste deutsche Demokratie am Ende. (Matthias Armborst, AP/nz)

 
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