22.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Koch-Herausforderin Ypsilanti
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH
Die Tochter eines Opel-Arbeiters hat die hessische SPD aus dem Tief geholt - als Parteilinke steht sie beharrlich für die Grundwerte der SPD.
Noch vor einem halben Jahr hat kaum jemand Andrea Ypsilanti eine Chance bei der Hessenwahl 2008 eingeräumt. Die Zeiten haben sich geändert: Die Spitzenkandidatin hat die am Boden liegende hessische SPD aufgerichtet und mit einem fulminanten Wahlkampf wieder auf Augenhöhe mit der CDU gebracht.
Auch wenn ihre Partei die Landtagswahl nicht gewinnen sollte, steht die 50-Jährige bereits jetzt als Siegerin fest. Es ist einer der für Ypsilanti typischen Momente, als sie vor rund 600 Anhängern in einer Gießener Sporthalle über ihre Herkunft spricht. «Ich bin als Sohn eines Opel-Arbeiters in Rüsselsheim geboren», sagt sie stolz. Eine Schrecksekunde später fällt ihr der Versprecher auf. Sie lacht herzlich und fügt dann hinzu: «Das kommt davon, dass man so lange in einer Männerwirtschaft unterwegs ist.»
Die einstige Männerwirtschaft der hessischen SPD wird heute von einer Frau dominiert. Früher haben Gegner, Parteifreunde und Beobachter über ihre mäßigen Redekünste gelächelt. Heute wird sie für ihre einfachen, klaren Aussagen geliebt. «Kein Kind wird zurück gelassen» lautet ihr Versprechen für die Bildungspolitik. «Die Zeit ist reif für soziale Gerechtigkeit», ist eine andere Botschaft. Ihr Gegner, Ministerpräsident Roland Koch, mache Wahlkampf mit Angst, betont Ypsilanti: «Wir machen Wahlkampf mit Hoffnung.»
Ganz langsam nach obenWenige Tage vor den Wahlen liegt die 50-Jährige bei den Sympathiewerten deutlich vor ihrem seit neun Jahren regierenden Gegner. Beharrlichkeit ist die hervorstechendste Eigenschaft der ehemaligen Sekretärin und Stewardess, die heute mit Lebensgefährtem und Sohn in Frankfurt lebt.
Beharrlich war Ypsilanti, als es um die Grundwerte der SPD ging. Deshalb hat sie Schröders Agendapolitik in maßgeblichen Teilen bekämpft. Jetzt, da die SPD die soziale Gerechtigkeit wiederentdeckt, hat die 50-Jährige Rückenwind.
Beharrlich war Ypsilanti auch, als es um ihren innerparteilichen Aufstieg ging. Nur ganz langsam rückte sie in der hessischen SPD nach oben. 1991 wird sie hessische Juso-Vorsitzende. 1993 wechselt sie als Referatsleiterin in die hessische Staatskanzlei. Nach einer längeren Familienpause zieht sie 1999, mit knapp 42 Jahren, als Abgeordnete in den Wiesbadener Landtag ein. 2001 wird sie stellvertretende Landesvorsitzende. (Fortsetzung unter der Grafik)
Als nach der Niederlage bei der Landtagswahl 2003 niemand die Führung der Hessen-SPD übernehmen will, greift Ypsilanti nach dem Steuer und bringt die Landespartei auf klaren Linkskurs. Ihre Kritik an Hartz-Gesetzen, Bahnprivatisierung und Unternehmenssteuerreform wird wahrgenommen, weil sie sich dabei mit den Mächtigen in der SPD anlegt.
Erst im Wahlkampf Profil gewonnenLandespolitisch dagegen kann Ypsilanti lange kein Profil gewinnen. Dass ihre Partei sie dennoch als Spitzenkandidatin aufstellt, ist wieder ihrem Beharrungsvermögen zu verdanken. Obwohl Ypsilanti eine Mitgliederbefragung im Herbst 2006 gegen den Chef der Landtagsfraktion, Jürgen Walter, verliert, stellt sie sich ungerührt einer Kampfabstimmung auf einem Landesparteitag und trägt einen hauchdünnen Sieg davon. «Ich bin vielleicht zierlich, aber ich bin verdammt zäh», sagt die Spitzenkandidatin über sich selbst.
Erst im Wahlkampf hat Ypsilanti deutlich an Profil gewonnen. Sie verspricht den Hessen deutlich höhere Bildungsausgaben. Sie will eine neue Form von Gesamtschulen einführen und die hessische Stromversorgung weitgehend auf regenerative Energien umstellen. Dass dadurch Steuern, Abgaben und Verschuldung steigen könnten, nimmt Ypsilanti in Kauf. Sparen bei Bildung und Klimawandel werde langfristig noch teurer, sagt sie. SPD-Chef Kurt Beck verfolgt den Aufstieg von Andrea Ypsilanti inzwischen mit Bewunderung. «Das war gut so, dass deine Eltern eine Tochter aufgezogen haben», sagt Beck in Anspielung auf ihren Versprecher in Gießen: «Das war gut und schön und wichtig für Hessen.» (Guido Rijkhoek, AP)