Jugendkriminalität sinkt, Gewalt nimmt zu08. Jan 2008 17:37, ergänzt 09. Jan 2008 14:42  |  Der Anstieg der Jugendkriminalität soll ein statistischer Effekt sein | Foto: dpa |
|
Experten widersprechen der landläufigen Meinung, dass die Jugendgewalt gestiegen sei. Ins Feld führen sie vor allem das veränderte Anzeigeverhalten, das für die Tendenz der Statistik verantwortlich ist.
Prügel, Schläge, Überfälle: An bedrückenden Beispielen erschreckender Jugendgewalt in Deutschland mangelt es nicht. Die Zahl der tatverdächtigen Gewaltkriminellen unter 21 hat sich in den vergangenen 14 Jahren mehr als verdoppelt. Insgesamt fällt nach Angaben des Bundeskriminalamts fast jeder zweite Gewaltkriminelle in diese Altersgruppe. Doch die Zahlen sind umstritten: «Es gibt Studien, die zeigen, dass die Jugendkriminalität [also Gewalt- und sonstige Kriminalität, d. Red.] sogar zurückgegangen ist», sagt der Hildesheimer Kriminologe Werner Greve.
Stimmt auch, wenn man das gesamte Spektrum der Kriminalität betrachtet. Wie die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes ausweist, ist die Zahl tatverdächtiger Jugendlicher insgesamt noch bis 1998 angestiegen: auf rund 150.000 Kinder, 300.000 zwischen 14- und 18-Jährige und 240.000 Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren. Danach sinken die Zahlen: Bei den Kindern bis Ende 2006 um ein Drittel auf 100.000, bei den Jugendlichen um 20.000 auf 280.000. Bei den Heranwachsenden gab es kaum Veränderungen.
Daten & Fakten: Zu Gewalttaten zählen die Polizeien in Deutschland Gewaltkriminalität, Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, Raubdelikte, Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche und schwere Körperverletzung, erpresserischer Menschenraub und Geiselnahme. |
|
Wer nur die Gewalttaten analysiert, erkennt dagegen eine steigende Tendenz. 2006 zählte die Polizei fast 90.000 Tatverdächtige unter 21. Vor 15 Jahren, 1993, waren es nur rund 44.000. Doch der Schein trügt, meint Kriminologe Greve: «Die Polizei schreibt nur das auf, was sie auch weiß - die PKS ist deshalb bestenfalls eine Anzeigestatistik.» In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Registrierung von Straftaten deutlich verbessert. «Damit hat sich die Jugendkriminalität von einem großen Dunkelfeld ins Hellfeld bewegt, selbst wenn sie insgesamt gleich geblieben ist.» Ein Effekt, der zweifelsfrei besteht, aber statistisch nicht zu berücksichtigen ist, wie man beim Bundeskriminalamt einwendet.
Auch der Kriminalwissenschaftler Thomas Feltes von der Universität Bochum sieht die Zahlen kritisch: Jugendliche Gewalttäter würden heute viel eher von ihren Opfern angezeigt, als es früher der Fall gewesen sei, betont er. Bei Verbrechen wie Mord, Totschlag und Vergewaltigung zeige die Polizeistatistik ohnehin einen Rückgang. Auch Gewalttaten im öffentlichen Raum wie Raub und Körperverletzung hätten nach Berücksichtigung aller Faktoren nur moderat zugenommen. Greve zufolge ist der statistische Anstieg der Jugendkriminalität auch eine Folge von Gesetzesänderungen: Gewalt an Schulen etwa werde heute viel strikter gemeldet. «Die polizeiliche Kriminalstatistik ist eher eine offizielle Wahrnehmungsstatistik. Wie die Realität aussieht, ist eine ganz andere Frage», sagt der Experte. Durch die aktuelle Diskussion über jugendliche Gewalttäter werde die Bevölkerung weiter sensibilisiert und die tatsächliche Entwicklung des Problems stark überschätzt.
Frage des Milieus Auch die Entwicklung der Kriminalität unter ausländischen Jugendlichen ist weniger eindeutig als oft behauptet. Zwischen 1997 und Ende 2006 sank deren Zahl um 38.000 auf 91.000 - um mehr als ein Viertel. In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der von Nichtdeutschen aller Altersgruppen begangenen Straftaten insgesamt um ein Viertel zurück gegangen, ebenso sank die Zahl der Fälle von Gewaltkriminalität. Bezieht man auch Verstöße gegen das Asyl- und Aufenthaltsrecht mit ein, beträgt der Rückgang aller Straftaten sogar ein Drittel. Der Anteil verdächtiger Gewalttäter aller Altersgruppen ohne deutschen Pass an den Tatverdächtigen insgesamt beträgt 56 Prozent (2006). Bei Türken ist er überdurchschnittlich höher als ihr Bevölkerungsanteil. Studien zufolge seien ausländische Jugendliche weder krimineller noch gewalttätiger als deutsche, wenn statistische Verzerrungen und Dunkelziffern mit einbezogen würden, sagt Kriminologe Feltes. Beispiel junge Türken: Nach Berechnungen des Kriminologischen Instituts Niedersachsen ist der Anteil gewalttätiger Realschüler türkischer Herkunft kaum höher als unter deutschen Schülern. Hinzu kommt laut Greve, dass die Statistik ganz anders interpretiert werden kann, sobald weitere Faktoren beachtet werden: Wird neben der Herkunft auch der soziale Status der Verdächtigen ausgewertet, zeige sich, dass der Migrationshintergrund gar nicht der springende Punkt sei. Alle Menschen aus sozial schwachem Umfeld würden eher kriminell - egal ob Deutsche oder Ausländer. «Nicht die Hautfarbe oder Ethnie entscheidet, sondern die Chancen, die jemand in der Gesellschaft hat», sagt auch Feltes. «Aus statistischer Sicht ist die aktuelle Debatte deshalb absolut überflüssig.» Greve fordert, sich bei der Gewaltprävention nicht auf Ausländer, sondern auf alle sozial schwachen Familien zu konzentrieren. «Am besten auf junge Frauen aus prekären Verhältnissen», sagt er. «Sie erziehen die Problemkinder. Wir müssen eine halbe Generation früher ansetzen.» (nz/AP)
|