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Deutschlands vergessene Raucher

30. Dez 2007 09:13
Pfeifenraucher - eine vergessene Spezies
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Fluppe aus oder heraus aufs Trottoir, heißt es für viele Kneipen-Qualmer ab dem Neujahrsmorgen. Wie die vergessene Minderheit der Pfeifenraucher der verlorenen Freizügigkeit für die Lunge nachtrauert, hat Tilman Steffen beobachtet.

Im kalifornischen Belmont ist das Rauchen in den eigenen Wänden nur noch Besitzern von frei stehenden Einfamilienhäusern erlaubt. Schon in Mietshäusern gilt ein Tabak-Bann. So weit ist Deutschland noch nicht. Doch geht es in der Silvesternacht auf Mitternacht zu, müssen schon mal die meisten Wirte die Ascher von den Tischen räumen. Dann heißt es, heraustreten aufs Trottoir. Oder umgekehrt: Fluppe aus, bevor die Schwelle zur Kneipe überschritten ist. In England etwa ist das zu beobachten, wo nicht nur im Londoner Finanzdistrict die Kneipen leer, die Stehtische auf dem Straßenpflaster davor aber eng umlagert sind.

Deutsche Raucher fühlen sich in diesen Wochen wie Aussätzige. Ihre Rückzugs-Reservate werden immer kleiner, ihre Treffen immer konspirativer, die Themen immer einseitiger: Im Keller der Berliner Friedrichstadtkirche braucht Patrick Engels am Rednerpult nur wenige Sätze, dann fällt es, das böse Wort: Rauchverbot. Knapp 100 Anzugträger und zehn Frauen hören zu, Anhänger des «Tabak-Forum», zu dessen Vorstand Engels gehört.

Sie sammelten sich hier, um einen der ihren für sein offenes Bekenntnis zum Tabakgenuss zu ehren. Der Raum ist eine Kreuzung aus Gotteshaus und Konferenzsaal. Statt Weihrauch steigen Wölkchen unkatholischen Pfeifenrauchs zwischen den Köpfen auf und zernebeln unter der gewölbten Decke. Dort wo in einer Kirche der Altar stünde, hängt zwischen Säulen eine Plastikwand mit dem Zeichen der Herstellervereinigung: Eine geschwungene Pfeife, eingezwängt in ein Quadrat.

In der Berliner Friedrichstadtkirche
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Das Logo gibt es schon lange. Doch in ungebrochener Aktualität zeigt es, was Rauchern künftig blüht: Gesetze separieren sie, zwängen sie ein, drängen sie ab in die Ecken. Der bekennende Raucher Franz Müntefering gab sich schon vor einem Jahr der Nichtraucher-Lobby geschlagen und kündigte die Bildung einer Leidensgemeinschaft mit Parteikollegen Peter Struck an: Auf einem Empfang der SPD-Bundestagsfraktion scherzte der damalige Arbeitsminister, er werde sich vom Verband der Schausteller ein Zelt im Innenhof des Ministeriums aufstellen lassen. «Dahin werde ich mich dann mit Peter Struck zurückziehen.»

Pfeifenraucher sind vergessen

Müntefering raucht nun zuhause. Doch das Leben Millionen anderer wird es prägen: Das Rauchverbot, das dämonische, das ungerechte, das unabwendbare. In Bussen, Bahnen, bei der Bundesregierung und auf dem Arbeitsamt herrscht es bereits. In Gaststätten, Kneipen, Bars der meisten Bundesländer ab Neujahr, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Schützen soll es die, die nicht rauchen, vor den Zigarettenqualmern, die sich und ihre Umwelt über die Lungenflügel zugrunde richten. Vor der Hektik der Süchtigen, die an jedem Bahnhof aus dem Zug springen, um eine durchzuziehen. Die sich vom Arbeitsplatz zur Raucherecke wegstehlen, weil die Hände sonst zu stark zittern. Die Lufthansa Langstrecke nur mit Nikotinpflaster überleben.

Kneipenbesucher
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Pfeifenraucher wie Wolfgang Dietz haben die Gesetzschreiber vergessen. «Es trifft wieder mal die Falschen», mosert er beim Stehempfang. Die Genießer, die Gelassenen. Die nicht mal schnell zwischen zwei Bier vor die Kneipentür treten können. Eine Pfeife braucht Ruhe, das Rauchen Zeit. Sie sind zu wenige, die Minister und Abgeordneten haben die Minderheit der Pfeifenraucher glatt übersehen, als sie die Stängelsauger mit Paragrafenkraft auf die Bürgersteige trieben, um Kellner, Serviererinnen, Cocktailmixer vor dem Passivrauchen zu bewahren.

Wolfgang Dietz' Firma fertigt «alles, was Rauchen schöner macht»: Pfeifen, Filter, Zigarettenspitzen. Seit 75 Jahre besteht das Unternehmen in Bergisch-Gladbach. Und Dietz will, dass es noch weit älter wird. In seiner Pfeife aus sardischem Holz glimmt ein leicht aromatisierter Virginia-Tabak («mit Vanille-Touch»), Tabakwölkchen verfliegen unter dem Kirchengewölbe. «Für gute Stimmung sorgen» nennt Dietz das.

«Wir gehen ins Zelt»

Für Detlef Hoffmann ist das Rauchverbot ein glatter Geselligkeits-Killer: «Man zerreißt die ganze Gemeinschaft.» Doch der Außendienstler bei «Pöschl-Tabak» fügt sich in sein Schicksal und präsentiert Alternativen zum Rauchgenuss: Aus einem fingerdicken Metallröhrchen mit Klappdeckel serviert er seiner Umgebung Kostproben von Schnupftabak auf die Handrücken. Doch schon rein von der Handhabung her ist der an Drogenkonsum erinnernde Genuss des braunen Pülverchens dem Pfeiferauchen weit unterlegen. Ebenso wie eine Dose Red Bull einem Wellness-Wochenende.

Raucher
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Wie Dietz und Hoffmann fühlen sich alle Anhänger des «Tabak-Forum» ungerecht von Politik und Gesundheitslobby behandelt. Einmal im Jahr rufen die acht Mitgliedsfirmen daher auf, etwas Besonderes zu tun: Sie versammeln sich zur Wahl eines bekennenden Tabakfreundes zum «Pfeifenraucher des Jahres». Herbert Wehner wurde der erste – 1969. Helmut Kohl gehört dazu, Norbert Blüm, der Ex-Verfassungsrichter Ernst Benda, Michael Ende oder eben der SPD-Politiker Peter Struck. «Zu ihrer Genussfähigkeit stehen» müssen sie, um in den Kreis der Erlauchten zu gelangen.

Brok (l.) mit Verbandsvorstandsmitglied Engels
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Die diesjährige Wahl des Europa-Abgeordneten Elmar Brok im Kirchen-Keller war nun die letzte unter erleichterten Bedingungen. «Wenn wir hier nicht mehr rauchen dürfen, dann gehen wir ins Zelt», kündigte Alexander Manderfeld trotzig an. Doch er kann beruhigt sein: Auf geschlossenen Veranstaltungen gilt das Rauchverbot ja nicht. Manderfeld ist der Funktionär des Tabak-Forum. Er schlägt Pfeifenraucher für die Ehrung vor, organisiert die Zeremonie, engagiert Laudatoren, die die Sinnlichkeit des Pfeiferauchens loben und den Geehrten preisen.

'Rauchen kann Impotenz verursachen' - Tabaksorten
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Eine Pfeifenlänge nachdenken

Dafür holt der Journalist Volker Jakobs weit aus: Zu Zeiten des SPD-Urgestein Herbert Wehner wäre ein Rauchverbot in Bundeseinrichtungen undenkbar gewesen, konstatiert er in einer Art Grabrede für die Freizügigkeit der Lunge. Jakobs erinnert an Helmut Schmidt, der bis heute ungeniert in die Objektive von Fernsehkameras nebelt. Er bemüht Marx, Mozart und gar Lessing. Sein Resümee: Rauchen wäre auch künftig kein Problem, hätten sich die Entscheider von heute für nur eine Pfeifenlänge zum Schmauchen niedergelassen, um in Ruhe nachzudenken und abzuwägen. Denn beim Rauchen schweifen die Gedanken freier.

Vielleicht hätten sie aber auch an diejenigen Orte gedacht, an denen man Zigarettenqualm nur schlecht ausweichen kann: Denn an der Bushaltestelle oder auf vielfrequentieten Gehwegen müssen sich Nichtraucher auch künftig ungefragt einnebeln lassen. Sie müssen bei der Wahl ihrer Position am Wartehäuschen die Windrichtung einbeziehen. Beim Verlassen des U-Bahn-Schachts müssen sie erdulden, dass inmitten des Feierabendgewühls sich der Vordermann gerade eine ansteckt. Sie müssen daheim die Fenster schließen, wenn der drunter wohnende Nachbar auf dem Balkon eine durchzieht.

Als Brok – Schalke-Fan, Labrador-Züchter und bereits als 17-Jähriger Tabakfreund - zum Pfeifenraucher vorgeschlagen war, fanden das viele Gesundheitsapostel «gar nicht so lustig», wie er erzählt. Andererseits gehören zu seiner Heimatregion nicht wenige Zigarettenhersteller. Diesem Interessenkonflikt entzieht sich der Politiker mit einem entschiedenen Sowohl-als-auch: «Wir sollten Rücksicht nehmen als Raucher.»
 
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