Blind Date mit einem Rabbi
24. Dez 2007 07:11
 |  In der jüdischen Religion gibt es ganz eigene Bräuche und Traditionen | Foto: dpa |
|
Der Publizist Broder sagt: «Jude kann man nicht werden.» Das sehen Dutzende in Deutschland jährlich anders - und konvertieren zum Judentum. Wie und warum?
Stefan Wirner hat mit einigen von ihnen gesprochen.
Helmut Agnesson ist 47 Jahre alt und freier Autor. Nebenher arbeitet er in einem Call Center. Am Freitagabend aber macht er etwas völlig anderes als seine Kollegen. Während sie es sich vor dem Fernseher gemütlich machen oder in einer Kneipe Freunde treffen, geht er in die Synagoge. Denn vor einem Jahr ist er zum jüdischen Glauben übergetreten. «Endlich», wie er sagt. Der Prozess des Übertritts – der Giur, wie der jüdische Begriff dafür lautet – hatte lange gedauert. Zunächst war Agnesson nicht mit seinem Gemeindevorsitzenden klar gekommen. «Ich konnte ihn erst nach einer Zeit überzeugen, dann hat er zugestimmt», erzählt er. Nach dem Übertritt habe er eine «große Erleichterung» verspürt.Rund 50 bis 70 Menschen konvertieren in Deutschland jährlich zum Judentum, teilt die Zentrale Wohlfahrtstelle der Juden in Deutschland mit. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr sollen rund 5000 Deutsche zum Islam übergetreten sein. Der Übertritt zum Judentum ist also nicht gerade eine Modewelle. Und der jüdische Publizist Henryk M. Broder etwa meint: «Jude kann man nur sein, man kann es nicht werden.» Konvertiten sehen das naturgemäß anders. «Im Gegensatz zu Broder gehen wir Konvertiten in die Synagoge», sagt Agnesson selbstbewusst. «Sogar streng orthodoxe Gemeinden nehmen Konvertiten auf.»
Langwieriger Prozess
Der Giur ist ein langwieriger und schwieriger Prozess. Er besteht aus drei Teilen: dem «Beit Din», dem Gespräch mit dem Rabbiner, das einer mündlichen Prüfung gleichkommt; hier werden Kenntnisse in jüdischer Geschichte und Religion abgefragt, auch Hebräisch wird geprüft. Die Vorbereitung auf diese Prüfung kann sich über Monate oder Jahre hinziehen. Erst wenn sie bestanden ist, kommt es zum «Brit Milah», der Beschneidung, und schließlich zur «Mikveh», dem rituellen Tauchbad. Immer wieder wird über die Motivation der Konvertiten spekuliert. Wollen sie damit auf ihre Weise die deutsche Geschichte wieder gutmachen oder sich ins Kollektiv der Opfer flüchten? Die Konvertiten weisen solche Vermutungen weit von sich. «Für mich war es eine Glaubensfrage», erzählt Agnesson. «Ich konnte im evangelischen Gottesdienst manche Sachen einfach nicht mehr mitsprechen. Stellen zum Beispiel, an denen aus einem Menschen ein Gott gemacht wird.» Er hatte im Rahmen seines Theologiestudiums bereits Judaistik belegt und nahm dann immer öfter an christlich-jüdischen Bibelwochen teil. Irgendwann reifte der Entschluss zu konvertieren.
Religiöse Gründe
Die religiösen Gründe hebt auch der 42-jährige Matthias Krüger aus Berlin hervor. Dass die Hinwendung zum Judentum etwas mit der deutschen Vergangenheit zu habe, glaubt er nicht. «Mit so einer Motivation kommt man nicht weit. Meine Entscheidung war ganz eindeutig religiöser und spiritueller Natur.» Er kommt aus einer sehr christlichen Familie, wurde alt-lutherisch getauft, sein Vater war Kirchenmusiker. Später konvertierte seine Familie zum Katholizismus. «Für die Christen war der Messias bereits da», sagt Krüger. «Aber wenn er schon da gewesen wäre, dann würde die Welt doch anders aussehen.»
 |  Jüdisches Leben hat in Deutschland wieder Platz | Foto: dpa |
|
Seine Familie war bestürzt, als er übertrat. «Meine Leugnung, dass Jesus der Messias gewesen sei, schockierte meine Mutter», erzählt er. «Allerdings begrüßte sie es, dass ich wieder religiös wurde. Viele meiner Freunde sagten mir, sie hätten gewusst, wenn ich mich wieder einer Religion zuwenden würde, dann dem Judentum, es passe zu meiner Haltung und zu meinem Charakter.» Als er sich schließlich dazu durchrang, einen Rabbiner zu kontaktieren, habe er durchaus ein mulmiges Gefühl gehabt. «Das war wie ein Blind Date mit einem Rabbi.»
Ein gewisses Grundgefühl
Viele Konvertiten betonen, dass sie schon immer ein gewisses Grundgefühl gehabt hätten, eine Ahnung, der falschen Religion anzugehören. Wenn sie den Wunsch verspüren überzutreten, fangen sie oft auch an, nach etwaiger jüdischer Verwandschaft in der Familie zu suchen. Die 51-jährige Malerin Hannelore Cipa aus Münster etwa stellte fest, dass ihre Familie zum Teil einen jüdischen Ursprung hat. «Die Eltern des Vaters meiner Mutter waren jüdisch, das geht aus Akten des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen hervor. Der Vater meiner Mutter wurde im 'Dritten Reich' in einer Euthanasieanstalt umgebracht.» Das aber ist es, was die Konvertiten im Normalfall von den herkömmlichen Juden unterscheidet: Sie haben nicht große Teile ihrer Familie in den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus verloren, was bei vielen anderen Juden der Fall ist.Aber auch Cipa betont, dass der geschichtliche Hintergrund keine Rolle bei ihrer Hinwendung zum Judentum gespielt habe. «Ich habe mich schon immer für Philosophie und Religion interessiert. Das Judentum hat mich innerlich berührt. Ich habe mich eigentlich immer zugehörig gefühlt», erzählt sie. Schließlich habe sie angefangen, im Internet zu forschen, und dabei sei sie auf die Seite talmud.de gestoßen, wo sie eine Giur-Gruppe gefunden habe. Noch hat sie mit dem Giur nicht begonnen. «Man darf nicht zu viel zu schnell wollen», meint sie. Sie geht aber regelmäßig zum Sabbat in die Synagoge und versucht, jüdisch zu leben.
Netter Empfang
In den Gemeinden werden die Neuankömmlinge meist gut aufgenommen. «Bis auf einen einzigen Fall wurde ich immer freundlich begrüßt», sagt Cipa. Bei Krüger war es ähnlich. «Ich weiß aus den Mailinglisten der Konvertiten, dass es Leute gibt, die Probleme haben», räumt er ein. «Aber bei mir war das nie der Fall. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen, zum Essen eingeladen, es lief alles sehr gemeinschaftlich ab. Es ist wichtig, Teil einer Gemeinde zu werden.»
 |  Die Grenze zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten | Foto: dpa |
|
Für seine Entscheidung, zum Judentum überzutreten, spielte auch ein zweijähriger Aufenthalt in Israel in den Jahren von 1987 bis 1989 eine Rolle. Er sei beeindruckt gewesen von der «Einheit aus Religion, Geschichte, Kultur und Staat». Als er in Israel war, kam es gerade zur ersten Intifada, dem Aufstand der Palästinenser. Er habe damals in einem Kibbuz gewohnt und Einschläge palästinensischer Raketen miterlebt. «Ich habe sehr viel mit israelischen Soldaten gesprochen, das hat mich auch verändert.» Ein Rabbiner habe einmal zu ihm gesagt: «Man kann nicht immer tun, was gerecht ist. Man muss tun, was richtig ist.» Krüger sagt: «Ich würde Israel auch mit der Waffe verteidigen, wenn es nötig wäre.»Diese Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit kennzeichnet viele Konvertiten. «Ich lebe jüdisch vom Aufstehen bis zum Schlafengehen», erzählt Krüger. Dabei sei es in Berlin gar nicht so leicht, orthodox zu leben und zum Beispiel die Speisevorschriften einzuhalten. «Es gibt nur einen Schächter. Man kauft gefrorenes Fleisch oder moslemisch-rituell geschächtetes Halal-Fleisch. Läden, Bäckereien, Schlachtereien, das ist alles ist in Berlin dünn gesät, anders als zum Beispiel in Städten wie New York. Aber immerhin gibt es inzwischen sogar koscheren Wein bei Kaufhof.»
Schwer mit dem Beruf zu vereinbaren
Auch mit dem Beruf ist der neue Glaube nicht immer leicht zu vereinbaren. Krüger ist Mediendesigner. «Natürlich arbeite ich auch nach Sonnenuntergang, das geht gar nicht anders. Eigentlich ein schwerer Verstoß gegen die Vorschriften.» Seine Freundin hat er während des Giur-Prozesses kennengelernt. Auch sie ist Konvertitin. «Das Jüdisch-Sein gibt mir eine Sicherheit, die ich sonst nicht finde», sagt Krüger. Dass sein neuer Glaube auch auf Hass trifft, musste er allerdings schon am eigenen Leibe erfahren. Als er einmal in der U-Bahn in ein Buch mit hebräischen Schriftzeichen vertieft war, wurde er während der Rush Hour von einem Mann angegriffen und mit einem Messer bedroht. Wegen des Vorfalls läuft derzeit ein Verfahren vor Gericht.
«Man wird nicht nur Mitglied einer Religion, sondern eines Volkes. Und das bringt auch Verpflichtungen und Verantwortung mit sich», meint Krüger. Agnesson, Cipa und er wollen diese Verantwortung übernehmen. Sie gehören dem Volk, das sie sich ausgesucht haben, gerne an.