Knappe CDU-Mehrheit für Stammzellforschung
04. Dez 2007 10:42
Am Montagabend wurde es noch einmal richtig kompliziert: Nach mehrstündiger Diskussion und einer schriftlichen Abstimmung war ein Bann gebrochen.
Die CDU will den Umgang mit embryonalen Stammzellen lockern. Der Parteitag hat sich am späten Montagabend in Hannover in einer schriftlichen Abstimmung mit knapper Mehrheit dafür ausgesprochen, die Verschiebung des Stichtags für den Import solcher Zellen zu ermöglichen. Damit wäre die Forschung an neueren Stammzelllinien auch in der Bundesrepublik möglich. Bisher dürfen deutsche Forscher nur solche Stammzelllinien importieren und verwenden, die vor dem Stichtag am 1. Januar 2002 entstanden sind.
323 Delegierte stimmten in Hannover für die Verschiebung des Stichtags, 301 dagegen, zehn enthielten sich der Stimme. Im Bundestag soll nächstes Jahr über eine Verschiebung näher an die Gegenwart heran entschieden werden. Die Unionsfraktion wollte vor einer Debatte im Parlament das Votum des CDU-Parteitags abwarten. Bundesforschungsministerin Annette Schavan hatte noch einmal eindringlich für eine Verschiebung des Stichtags geworben. Sie sei ethisch «verantwortbar». Auch wenn der Stichtag verschoben werde, werde die Substanz des Stammzellgesetzes erhalten. Von Deutschland werde auch weiterhin kein Anreiz ausgehen, Embryonen für die Forschung zu produzieren. Die deutschen Forscher hatten in den letzten Jahren wiederholt beklagt, sie würden international abgehängt.
Embryonale Stammzellforschung überflüssig machen
Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel trat ans Mikrofon, um ihren Sinnswandel zu verkünden. Sie habe sich «nach langer Überlegung» der Argumentation der Forschungsministerin angeschlossen. Schavan betonte, 97 Prozent der Förderung gehe in Deutschland in die Forschung an adulten (erwachsenen) Stammzellen, für deren Gewinnung also keine Embryonen sterben müssen. Ziel müsse sein, die embryonale Stammzellforschung überflüssig zu machen. Sie sei aber als Vergleichsforschung noch erforderlich. Ohne die Forschung an embryonalen Zellen wären die jüngsten Erfolge bei der Reprogrammierung adulter Zellen nicht möglich gewesen.
Wertkonservative Ablehnung
Amerikanischen und japanischen Forschern war es vor kurzem gelungen, Haut- und Bindegewebszellen so umzubauen, dass sie die Fähigkeit embryonaler Zellen besitzen, sich zu allen Zellformen weiterzuentwickeln. Davon erhofft man sich die Heilung und Nachzucht für erkrankte Gewebe, etwa bei Krebs. Die Vorsitzende der Frauen Union, Maria Böhmer, blieb bei ihrer Haltung und lehnte eine Verschiebung des Stichtags weiter ab. Der 2002 vom Bundestag gefasste Beschluss, an dessen Erarbeitung Böhmer maßgeblich beteiligt war, sei als einmaliger Beschluss zu verstehen. Die stellvertretende rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner warnte, es würden weitere Verschiebungen folgen wie eine «ethische Wanderdüne». Die Orientierung am christlichen Menschenbild und am Lebensschutz müsse auch in der konkreten Politik der CDU erkennbar sein. (nz/epd)