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Merkel in der Mädchenrolle

03. Dez 2007 18:16
Angela Merkel auf dem Podium
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Beim CDU-Parteitag blieben Kontroversen außen vor. Wenn die SPD nicht wäre, hätte das Delegiertentreffen auf sämtliche Abwechslung verzichten müssen, beobachtete Tilman Steffen

Stoff für kritische Debatten auf dem Parteitag gab es genug, zu viele Fragen hatte die CDU in den letzten Monaten mit ihrer Regierungspolitik aufgeworfen. Müsste sie nicht den Kündigungsschutz aufweichen, weil auf jüngste Initiative der SPD ältere Arbeitslose künftig länger Arbeitslosengeld erhalten? Sollte sie beim dem eigentlich verhassten Mindestlohn stärker gegenhalten? Nun, da sie mit der SPD gemeinsam für die Briefträger eine Lohnuntergrenze gezogen hatten und sich abzeichnet, dass es weitere Branchen treffen könnte?

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  • Karl-Jürgen Schmitz hält für unverzichtbar, den Kündigungsschutz zu liberalisieren. Als Rechtsanwalt erlebt er täglich, wie sich Klageverfahren hinziehen, ohne dass es einen Gewinner gibt. «Das sollte die Koalition zur Debatte stellen», verlangt er im Randgespräch. Doch Schmitz, Delegierter vom CDU-Kreisverband Aachen, wird in Hannover zunächst enttäuscht. Denn am Montag erfüllten sich die Prophezeiungen der Beobachter und Politikanalysten zunächst.

    Die Versuche, Dynamik in das Delegiertentreffen zu bringen, blieben zaghaft. Merkels Rede berührte die Themen ihrer Partei- und Regierungsarbeit, von Arbeitslosenversicherung über Bildung, Energie, Familie, Klimaschutz bis Terrorabwehr. Auch an christdemokratischen Positionen fehlte es nicht: Die Sterbehilfe (dagegen), Sozialismus (dagegen), EU-Beitritt der Türkei (auch dagegen), Bundeswehreinsatz im Inland und Online-Durchsuchung (dafür). Damit auf dem Weg zum Ziel nichts schief geht, heißt es, sich folgender Mittel zu bedienen: Kurs halten (bei den Reformen) und Augenmaß (insbesondere in der Sicherheitspolitik).

    Nach 74 Minuten gibt es Standing Ovations, Merkel winkt, wenn sie den Arm hebt, senkt sich ihr Kopf leicht. Eine Verlegenheitsgeste, die immer wieder ankommt. Sie ist fern der Mannes-Symbolik ihres Amtsvorgängers Schröder, der beide Hände über dem Kopf zur Kampfesgeste ineinander legte. Die Bildschirme in der Halle zeigen Merkel wie ein Mädchen, ergriffen von stiller Freude. Wer will dieses Bild beschädigen? So akzeptiert Merkels Gefolgschaft bereitwillig alle Unlogik im Handeln der Partei und verlässt sich auf den Führungszirkel.

    Die Kritiker konnten, oder wollten sich nicht durchsetzen. Der Aachener Delegierte Schmitz fürchtet Folgeschäden für die Inhaber von Niedriglohnjobs, wenn die Regierung Mindestlöhne für branchenweit gültig erklärt. Wer die Mindestlöhne auf viele Branchen ausweite, nehme Langzeitarbeitslosen die Chance auf Arbeit, «weil die Jobs wegbrechen», sagt Schmitz. Denn: «Wir leben nicht in Wolkenkuckucksheim.» Selbst am Rednerpult dringt Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger mit seiner Kritik nicht durch, der Post-Mindestlohn sei ein «Job-Killer», der Billigjobber auf die Straße setze, weil schwächere Unternehmen die von den Großen ausgehandelten Löhne nicht zahlen können. Überhaupt vermisst der CDU-Südwestler im Postbereich einen funktionierenden Wettbewerb überhaupt. Schützenhilfe leisteten Oettinger sein saarländischer Amtskollege Peter Müller oder die CDU-Mittelständler – ohne Wirkung. Der von der Parteispitze beschlossene Leitantrag ging ruckelfrei durch die Abstimmung. Viele hoffen darauf, dass die Koalition letztlich im Einzelfall entscheidet, was die Möglichkeit der Ablehnung einschließt.

    Hintergrund:
    Nun haben Bilanzen wie Merkels Rückschau an sich, dass sie bereits Gehörtes erneut thematisieren. Die Delegierten erlebten eine Parteichefin, die sich überwiegend selbst lobte. Durchaus nachvollziehbar, sind doch ihre Erfolge ihrer Partei vor allem die der Kanzlerin Merkel. Applaus gab es vor allem für Attacken gegen die SPD, der Merkel eine Abkehr von den einst selbst beschlossenen Arbeitsmarktreformen vorwarf. Doch als sie sagt, heute verstehe keiner, «dass die Kanzlerpartei von damals nichts mehr mit ihren damaligen Entscheidungen zu tun haben will», ist der Beifall nur zaghaft. Den Delegierten ist klar: Auch ihre eigene Partei machte mit, als die Koalition der Hartz-Reform vor wenigen Wochen den ersten Zahn zog. Damit diese Erkenntnis sich nicht verfestigt, setzt Merkel nach: «Große Teile der SPD wollen mit der Politik von damals nichts zu tun haben, aber auch nicht mit den Erfolgen von damals.» Auch bei der Sicherheitspolitik versucht sie, die Union als Schrittmacher zu profilieren. Trennung von Innerer und äußerer Sicherheit? «Von gestern.» Bundeswehreinsatz im Inland, Online-Durchsuchung? Unter «bestimmten Bedingungen» völlig in Ordnung.

    Heftig einstecken muss die SPD als eine Partei, die sich den Sozialismus jüngst ins Parteiprogramm schrieb. Auffallend lang verharrte Merkel bei diesem Thema, das sie wohl auch wegen ihrer Herkunft beschäftigt. «Sozialismus endet totalitär», geißelt sie den Koalitionspartner. Dass sie den ideologielastigen Sozialismus mit DDR-Prägung ablehnt, die SPD sozialistische Werte jedoch bei ihren eigenen Gründervätern entlehnt, geht im Polemisieren unter. Der Aachener Delegierte Schmitz bilanziert am Abend, der Montag in Hannover war «die Ansage zum Wahlkampf». Das kann sich bis 2009 so hinziehen.

     
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