Wahlkampfauftakt in Hannover
03.12.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Vieles deutet daraufhin, dass das 21. Delegiertentreffen der Christdemokraten (Motto: «Die Mitte») überraschungsarm verläuft. Zu sicher sitzt die Kanzlerinnen-Partei im Sattel. Zu sehr bestimmt sie und ihr direktes Umfeld die Linien der Partei und der Regierungspolitik. «Kurs halten», gab nicht nur CDU-Vize Roland Koch als Devise aus. Nur beim Thema Familienpolitik, Mindestlohn und Arbeitslosengeld II deuteten sich am Wochenende Kontroversen an, die auch das Parteitags-Podium erreichen und somit ungeplante Eigendynamik entfalten könnten. Am Sonntagabend sah das schon wieder anders aus: Nachdem der CDU-Bundesvorstand in Hannover getagt hatte, rechnete Partei-Generalsekretär Ronald Pofalla eher mit Kontroversen bei der Debatte über die Stammzellforschung oder den EU-Beitritt der Türkei. Offen ist, ob der Parteitag gegen die Führung ein deutlicheres Nein zur Voll-Mitgliedschaft des Landes in der EU durchsetzt. Der Antrag des Vorstands wirbt nur für die privilegierte Partnerschaft mit Ankara, ein indirektes Nein also.
In dem Leitantrag, den die Parteiführung am Montagnachmittag zur Abstimmung stellen will, grenzt Pofalla seine Partei deutlich von der SPD ab. Beim Thema Zeitarbeit, Mitarbeiterbeteiligung oder Rente mit 67 listet er auf, «Was mit uns nicht geht» eine bisher nicht dagewesene Form der Auseinandersetzung mit der SPD, und das inmitten der Wahlperiode. So sehen nicht nur Beobachter den Parteitag als inoffiziellen Auftakt des Wahlkampfes für die anstehenden Urnengänge in Hessen, Niedersachsen und Hamburg. Auch Merkel erwartet in Hannover einen «ersten Aufgalopp».
Im Vergleich zum Vorjahr hatte es im Vorfeld des Parteitags keine harten Richtungsdebatten in der Partei gegeben. Trotz der Bemühungen der Parteispitze, in der Debatte über die politischen Ziele der CDU alle Parteiflügel einzubeziehen, könnte es in Hannover vor allem in der Familien- und Bildungspolitik heftige Debatten geben. So ist in der Partei der Kurs des bis 2013 geplanten Ausbaus der Kindergärten- und Krippenplätze nicht unumstritten. Zur Beruhigung der konservativen Strömungen soll auch ein Betreuungsgeld für daheim erziehende Mütter ins Grundsatzprogramm kommen. In der Bildungspolitik birgt die Zentralisierung der Schulpolitik Konfliktstoff. Der Landesverband Sachsen fordert ein bundesweites Zentralabitur.
Im Leitantrag des Parteitages hält sich die CDU einige Reformprojekte für die Zeit bis zur Bundestagswahl offen, wie etwa ein einheitliches Arbeitsgesetzbuch zu schaffen oder neue Formen der Beteiligung von Mitarbeitern an ihren Unternehmen. CDU-Vize Christian Wulff plädierte in der «Bild am Sonntag» dafür, am Reformkurs festzuhalten. «Wir müssen das Tempo der Modernisierung sogar noch erhöhen, weil der internationale Wettbewerb härter wird.» Der Vorteil solcher Parolen: Die SPD lässt damit prima als Blockierer hinstellen, sollte sie sich den CDU-Reformprojekten verweigern.
SPD-Generalsekretär Hubertus Heil gab dies vorbeugend schon einmal zurück und warf der Union vor, weiteren Reformen im Weg zu stehen. Die Einigung beim Post- Mindestlohn zeuge, dass die SPD mit viel Druck dafür sorge, dass die Große Koalition weiterarbeitet. «Offenbar braucht die CDU diesen Druck auch, um von der Reformbremse herunter zu kommen», sagte Heil der «Thüringer Allgemeinen».
Unions-Fraktionschef Volker Kauder verlangte in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ein Ende der politischen Debatte darüber. Er wies auf eine Vereinbarung in der Koalition hin, dernach alle Branchen, die dies wollen, bis zum 31. März 2008 die Aufnahme in das Entsendegesetz beantragen können. «Wir sollten bis dahin abwarten und jetzt keine weiteren Diskussionen führen.»
Für das Web ediert von Tilman Steffen

