netzeitung.deMerkel von Lea-Sophies Tod «sehr tief getroffen»

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Trauer um die kleine Lea-Sophie aus Schwerin (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Trauer um die kleine Lea-Sophie aus Schwerin
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach Lea-Sophies Tod wird wieder diskutiert, wie man Kinder besser schützen kann. Schwerin plant unterdessen einen Gottesdienst für das Mädchen - und wird von einem neuen Misshandlungsfall erschüttert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich tief erschüttert über den Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie aus Schwerin gezeigt. Zugleich rief sie zu mehr Wachsamkeit auf. Das Schicksal des kleinen Mädchens habe sie «sehr tief getroffen und angerührt», sagte der Vize-Regierungssprecher Thomas Steg am Freitag.

Was der kleinen Lea-Sophie widerfahren sei, zeige, wie aufmerksam Behörden sein müssten und wie wichtig es sei, dass beispielsweise Nachbarn auf Vernachlässigung von Kindern hinwiesen, sagte er.

Auch das Bundesfamilienministerium warb für Wachsamkeit. Die zunehmende Zahl von Anzeigen zeige die erhöhte Aufmerksamkeit, erklärte ein Sprecher. Er wies darauf hin, dass auf Länderebene schon gesetzliche Schritte unternommen worden seien, beispielsweise zur Vorsorgeuntersuchung einzuladen und bei Nichterscheinen auch nachzuhaken.

Zwar sprach sich Familienministerin von der Leyen im Audio-Dienst der Nachrichtenagentur dpa gegen eine Pflichtuntersuchung aus; diese sei «verfassungsmäßig sehr fragwürdig», sagte sie. Das Ministerium rief aber dazu auf, Risikofamilien möglichst früh zu beobachten und langfristig zu begleiten.


Gedenkgottesdienst für Lea-Sophie
Lea-Sophie war nach der Alarmierung des Notarztes am Dienstagabend in der Wohnung gefunden worden. Der Vater soll ihn gerufen haben. Das Mädchen war anschließend im Krankenhaus gestorben. Lea-Sophie verhungerte und verdurstete wegen Vernachlässigung. Das Mädchen wog bei der Einlieferung ins Krankenhaus nur noch 7,4 Kilogramm und war mit Wunden übersät. Die Eltern sitzen in Untersuchungshaft. Der zwei Monate alte Bruder von Lea-Sophie wurde in einer Pflegefamilie untergebracht. Am Samstag soll in der Schweriner Versöhnungskirche der kleinen Lea-Sophie mit einem Gottesdienst gedacht werden.

Das Jugendamt hatte bereits seit 2006 Hinweise auf Schwierigkeiten in der Familie bekommen. Zwar hatte es Kontakt mit den Eltern; das Mädchen hatten die Mitarbeiter dabei aber nicht zu Gesicht bekommen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sind am Freitag weitere Anzeigen gegen das Jugendamt eingegangen. Die Schweriner Stadtverwaltung räumte bereits Schwachstellen im System der Sozial- und Jugendhilfe ein.

Der Fall zeige, «dass die Mechanismen offensichtlich nicht ausgereicht haben», sagte Oberbürgermeister Norbert Claussen. Allerdings nahm er das Jugendamt in Schutz. «Es hätte in jeder anderen Stadt passieren können, und der, dem es passiert ist, hat in diesem Fall Pech gehabt.» Das habe nichts mit fehlenden Finanzmitteln oder mangelhaften Verfahren zu tun - das Jugendamt könne nicht jede Familie kontrollieren.

Neue Debatte über Frühwarnsysteme
Der Tod der Fünfjährigen entfachte die Debatte über Frühwarnsysteme gegen Kindesmisshandlung und Verwahrlosung neu. Die Vorsitzende des Bundestags-Familienausschusses, Kerstin Griese, sprach sich in der «Berliner Zeitung» für Pflicht-Vorsorgeuntersuchungen aus.

Die Union äußerte sich zu den Forderungen nach einem staatlichen Eingreifen zurückhaltend. Vize-Fraktionschefin Ilse Falk sagte, es könne nicht darum gehen, einen riesigen Kontrollapparat zu installieren. Vielmehr müsse konkret auf Anzeichen von Misshandlungen geachtet werden. Der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer, betonte, die Fraktion habe mit dem Koalitionspartner den Antrag «Gesundes Aufwachsen von Kindern ermöglichen» auf den Weg gebracht. Darin werde die Einführung eines Bonussystems für die Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U10 gefordert.

Steifvater misshandelte Mädchen über zwei Jahre
Am Freitag wurde ein weiterer Misshandlungsfall aus Schwerin bekannt: Ein zehnjähriges Mädchen wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft über zwei Jahre hinweg vom Stiefvater wiederholt nachts an den Haaren aus dem Bett gezerrt und mit einem Stock oder einer Eisenstange geschlagen. Das Amtsgericht Schwerin erließ demnach Haftbefehl gegen den 30-jährigen Vater. Er hatte seine Übergriffe als Erziehungsmaßnahmen dargestellt. Gegen die 29 Jahre alte Mutter wird wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt.

Auch in Berlin gab es wieder einen Fall von Kindervernachlässigung: Die Polizei holte drei Kinder aus einer verwahrlosten Wohnung und übergab sie der Obhut des Jugendamtes. In der Vier-Zimmer-Wohnung hätten sich weder kindgerechte Nahrung noch Pflegemittel für die Kinder befunden. (AP/dpa)