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Vom Fluch des gesprochen Wortes

15. Nov 2007 17:53, ergänzt 22:04
Zeigt sich gern streitbar: der Augsburger Bischof Walter Mixa
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Was Bischof Mixa und Bundestagsvize Thierse gemeinsam haben: Probleme mit Interviews. Nur selten zeigte sich die Diskrepanz zwischen gesprochener und gedruckter Realität so deutlich.

Gleich zweimal haben Zeitungsinterviews am Donnerstag für Irritationen gesorgt. Erst fühlte sich Bundestagsvize Wolfgang Thierse (SPD) mit einem Vergleich zwischen Altkanzler Helmut Kohl und dem scheidenden Vizekanzler Müntefering von der «Leipziger Volkszeitung» missverstanden. Am Nachmittag dann relativierte der Augsburger Bischof Walter Mixa Worte, mit denen ihn die «Fuldaer Zeitung» zitiert hatte.

Mehr in der Netzeitung:
Der Abschuss von in terroristischer Absicht entführten Passagierflugzeugen sei durchaus zu rechtfertigen, wenn am Boden noch größeres Leid zu verhindern sei, so der Chef des Bistums Augsburg. Wenngleich er nachschob, kein Soldat dürfe bestraft werden, wenn er einen solchen Befehl nicht befolge, löste Mixa in Redaktionen Kopfschütteln und in anderen Büros Abwehrreflexe aus. Er sei «offenbar ein Fall für den Religionsunterricht und die Seelsorge», beschied Linksfraktionsvize Petra Pau dem Bistumsführer.

Hintergrund:
Mixa in der "Fuldaer Zeitung": «Es klingt vielleicht empörend, aber um ein noch viel größeres Unglück - wie das Abstürzen auf ein von tausenden Menschen besuchtes Stadion - zu verhindern, kann man diesen mit vielfachem Tod und Leid verbundenen Schritt tun.»

Thierse zu Müntefering, der seine krebskranke Frau als Rücktrittsgrund angab: «Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal.»

Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck zeigte sich zunächst verwundert, dass sich Mixa gegen ein Urteil des Bundesverfassungsgericht stellt, demnach Leben gegen Leben nicht abgewogen werden darf. «Der Bischof macht es sich meines Erachtens in seiner Bewertung der Situation etwas zu einfach», so die vorsichtige Reaktion des Grünen.

Schließlich stach Mixa selbst die Blase auf: Er ließ klarstellen, dass er einen Abschuss von Passagierflugzeugen, die Terroristen entführt haben, nicht grundsätzlich befürworte. Einer Abwägung Leben gegen Leben stehe er sehr zurückhaltend gegenüber, hieß es in einer eiligst verbreiteten Erklärung. «Um hierzu eine angemessene Position zu entwickeln, muss sich die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit Moraltheologen, Juristen, Politikern und Vertretern der Bundeswehr hinter verschlossenen Türen zu ernsten Überlegungen zusammensetzen.» Als hätten sie sich abgesprochen, sekundierte der Grüne Beck aus Berlin, er fände es gut, wenn es anlässlich dieser Äußerungen noch einmal eine Debatte zwischen Kirche, Verfassungsrechtlern und Politik gäbe.

Naivität? Weltferne?

Das zeigt gleich mehrere Dinge auf: Die Grünen müssen Mixa schonen, seit ihn Parteichefin Claudia Roth einen «Oberfundi» hieß und Co-Vorsitzender Bütikofer später die Erregungswogen glätten musste. Der Kardinal äußere sich öfters «in exquisiter Art und Weise», hatte Bütikofer vor Tagen ironisch angemerkt, so jemand riskiere eben scharfe Kritik. Tatsächlich, und das ist das zweite, sind von Mixa zu fast jedem Reizthema Äußerungen überliefert: Homosexuelle, Kleinkind betreuende Mütter, jetzt der Abschuss von Passagiermaschinen. Und jedes Mal ist Entrüstung und Kopfschütteln die Folge. Was zu Fragen führt: Ist Mixas Schwurbeln Kalkül? Das spräche für sein PR-Talent. Ist es Naivität? Weltferne? Dafür spricht Mixas Ignoranz gegenüber dem Bundesverfassungsgericht, das den Abschuss unbeteiligter Passagiere als Verstoß gegen die Menschenwürde einstufte.

Der dritte Punkt betrifft Mixa wie Thierse und diejenigen, die ihnen Öffentlichkeit verschaffen. Thierse entkräftete seine heftig kritisierte Parallele zwischen dem Tod von Kohls Frau und Münteferings krebskranker Gattin, indem er verbreiten ließ, die von der «Leipziger Volkszeitung» verbreiteten Zitate seien nicht autorisiert gewesen, also nicht in der vom Interviewer abgeschriebenen Form zur Veröffentlichung freigegeben. Was Thierse bis zum Abend wenig nützte: In einer Vorabmeldung für die Freitags-Ausgabe der «Bild» zitierte die Zeitung Kanzlerin Merkel von der CDU, die Worte des Bundestagsvizepräsidenten Worte «grenzen für mich an Niedertracht». Zuvor hatte die «Leipziger Volkszeitung» auch noch Thierse widersprochen, indem sie mitteilte, sie habe das umstrittene Zitat «nachweislich keinesfalls falsch und ungekürzt wiedergegeben».

Verfechter des unverfälschten Wortes

Der Redakteur der «Fuldaer Zeitung», die Mixa hatte zu Wort kommen lassen, räumte dagegen auf Nachfrage der Netzeitung ein, das Interview aus dem Notizblock in die Zeitung gehoben zu haben, also ohne Autorisierung. Zugunsten des Missinterpretierten kann man nun mutmaßen, der Journalist habe nicht gut zugehört, zu oberflächlich mitgeschrieben oder gar im nachhinein Zitate in ihrer Wirkung angespitzt. Muss man aber nicht. Denn viel zu oft entschärfen Interviewpartner konfliktträchtige Passagen vor der Freigabe, aus Angst vor allzu heftigen Reaktionen. Mitunter so stark, dass Zeitungen den Abdruck verweigern, mangels Substanz.

Diese Diskrepanz zwischen tatsächlicher und veröffentlichter Realität zeigt sich immer dann, wenn Wort-Wirklichkeit ohne kosmetische Korrektur in Zeitungen und Nachrichtenportale gelangt. Was, vorausgesetzt, der Journalist arbeitete korrekt, Charakter und Haltung der Interviewten wirklichkeitsnah wiedergibt. 2003 versuchten acht führende Zeitungen zwischen München und Hamburg deshalb, dem ungeschriebenen Zwang zur Autorisierung zu entkommen. Doch die Front der Verfechter des unverfälschten Wortes zerbrach bald.

 
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