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Deutschland bei Familienarmut Spitze

15. Nov 2007 15:52
In Hochhaus-Siedlungen wohnen oft Menschen, die nicht so viel verdienen
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Zur Einschulung ist sogar schon jedes dritte Kind therapiebedürftig. Alle zehn Jahre verdoppelt sich die Kinderarmut. Die Hauptschuld daran weist das Kinderhilfswerk dem Steuer- und Sozialsystem zu.

Die Konjunktur boomt, und die Arbeitslosigkeit geht zurück. Doch die Kinderarmut in Deutschland steigt weiter dramatisch an. Seit Einführung von des Arbeitslosengeldes II vor knapp drei Jahren habe sich die Zahl der auf Sozialhilfe angewiesenen Jungen und Mädchen auf mehr als 2,5 Millionen verdoppelt, wie der «Kinderreport Deutschland 2007» des Deutschen Kinderhilfswerks ausweist. Die Folge: Jedes dritte Kind sei schon bei seiner Einschulung therapiebedürftig. Laut Report gelten mittlerweile 14 Prozent aller Kinder offiziell als arm.

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Schätzungsweise 5,9 Millionen leben in Haushalten mit einem Jahreseinkommen der Eltern von bis zu 15.300 Euro - rund ein Drittel aller kindergeldberechtigten Kinder. War 1965 nur jedes 75. Kind unter sieben Jahre auf Sozialhilfe angewiesen, ist es heute mehr als jedes sechste.

Die materielle Armut von Kindern habe sich etwa alle zehn Jahre verdoppelt, rechnete der Mitautor der Studie und Sozialrichter aus Darmstadt, Jürgen Borchert, vor. Dabei sind Kinder aus Einwandererfamilien besonders betroffen. Der Präsident des Kinderhilfswerkes, Thomas Krüger, machte eine «kurzsichtige Politik» dafür verantwortlich und forderte einen «schnellen und radikalen Paradigmenwechsel in der Familien- und Kinderpolitik».

Hintergrund: Was das Kinderhilfswerk will
Die Bundesregierung müsse ein nationales Programm zur Bekämpfung von Kinderarmut erarbeiten und ein Maßnahmenpaket mit Zielvorgaben vorlegen. Darüber hinaus müsse der Gesetzgeber die im Steuersystem verankerte Benachteiligung von Familienhaushalten mit Kindern aufheben und das Kindergeld zu einer eigenständigen Kindergrundsicherung ausbauen. Krüger verlangte flächendeckend Betreuungsangebote für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr. Kinder mit Migrationshintergrund bräuchten bessere Förderung.
Der zum zweiten Mal veröffentlichte Report als Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze zeigt auch, dass Kinderarmut mehr bedeutet, als wenig Geld zu haben. «Armut ist erblich», sagte Borchert.

Arm sein heißt: Alles ist schlechter

Die Armut hat dem Bericht zufolge erhebliche Auswirkungen: Die sozial benachteiligten Kinder ernähren sich ungesünder, bewegen sich weniger, bleiben immer häufiger in isolierten Wohnvierteln unter sich, ohne gute Schulen, Ausbildungsmöglichkeiten und ausreichend soziale Unterstützung. Zudem seien gerade die vielfach fehlenden Bildungschancen ein Problem, das «Armutskarrieren» programmiere.

Zwei Schüler bekommen im neu eröffneten Kinderrestaurant in Hildesheim ihr Essen
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«So gehen wichtige Potenziale der Kinder und Jugendlichen verloren», sagte Krüger. Das werde mittelfristig gravierende Folgen auf die volkswirtschaftliche Leistung haben. Laut Report wies jedes dritte Kind bei seiner Einschulung 2004 therapiepflichtige Entwicklungsstörungen oder Verhaltensauffälligkeiten auf. Jedes vierte Schulkind habe die Schule «ohne Beherrschung des Mindestmaßes an Kulturtechnik» verlassen, die selbst Hilfsarbeiten voraussetzen - mit stark steigender Tendenz. Deutschland nehme wegen seiner Familien- und Bildungsverarmung im Kreis der Industrienationen eine negative Spitzenstellung ein.

Gravierende Folgen für die Volkswirtschaft

Nach Ansicht des Kinderhilfswerks wurzelt die Familienmisere vor allem im deutschen Steuer- und Sozialsystem. Familien werde ein Übermaß an öffentlichen Abgaben abverlangt. Laut Familienbericht von 2006 machten die öffentlichen Ausgaben für Familien im EU-Durchschnitt einen Anteil vom Bruttoinlandsprodukt von 2,1 Prozent aus. Dieser Wert liege für Deutschland bei unterdurchschnittlichen 1,9 Prozent.

Im Kinderreport sind zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zusammengestellt. Beleuchtet werden die Lebensräume sozial benachteiligter Kinder sowie die Aspekte Kinderarmut, Medien, Gesundheit und Ernährung. Ein weiterer Schwerpunkt bildet die Sicht auf Kinder mit Migrationshintergrund.

Der Report ist im Velber-Verlag erschienen (ISBN-Nummer 978-86613-417-1) und kostet 12,50 Euro. Weitere Informationen direkt zum Thema Kinderresport gibt es unter http://www.dkhw.de/

 
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