The Schäuble Terror Picture Show29. Okt 2007 08:22  |  | Foto: nz/tst |
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In einem gut gesicherten Altbau in Berlin durchkämmen drei Dutzend Fahnder im Staatsauftrag das Internet nach Terror-Hinweisen. Doch als der Innenminister zu Besuch kam, war nur noch einer da, beobachtete Tilman Steffen.
Am Morgen war Wolfgang Schäuble gut gelaunt aufgestanden, doch schon am späten Vormittag drücken die bösen Mächte des Cyberspace die Stimmung des Badeners. Der oberste Chef des Bundesverfassungsschutzes, Heinz Fromm, hatte den Bundesinnenminister in seine Berliner Dependance geladen, um ihm die neueste Waffe im Kampf gegen den Terror vorzuführen: Das «Gemeinsame Internet-Zentrum» der deutschen Sicherheitsbehörden.
Das GIZ gibt es seit Januar. Im Osten der Hauptstadt, wo die Spree breit und träge dahin fließt, lassen Bundeskriminalamt und Geheimdienste knapp drei Dutzend Mitarbeiter dafür bezahlen, dass sie den ganzen Tag im Internet surfen, dort, wo Gut und Böse nur einen Mausklick weit auseinander liegen. Die Männer und Frauen verstehen arabisch, sie müssen türkische Webseiten lesen und Botschaften in Pashtu und Urdu entschlüsseln können. Um möglichst früh zu wissen, wo sich die nächste Terrorzelle bildet.Fromm hat Schäuble in die zweite Etage eines Altbaues am Treptower Park gebeten. Wer dort nicht dazugehört, wird genau beäugt und zurückkomplimentiert, wenn er abseits des Flures weiter als bis zur Herrentoilette vordringen will. Die Schilder neben den ziegelrot gerahmte Türen sind mit «Militärischer Abschirmdienst» oder «Generalbundesanwalt» beschriftet. Im Raum 209 «Verfassungsschutz» wird Fromm die Laune seines Vorgesetzten trüben.
 |  Die Presse-Dummies am Werk
| Foto: nz/tst |
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Auf sechs mal sechs Metern grau gemustertem Teppichboden stehen dort drei Schreibtische, an den beigefarbenen Arbeitsplatten blättern zwei Männer und eine Frau in arabischen Zeitungen. Vor ihnen sechs Telefonapparate, ebenso viele Computermonitore samt Tastaturen, ein elektrischer Wasserkocher, ein Kaktus. Bürokram, ein Kopfhörer liegen herum. Die Arbeit des GIZ ist sehr geheim, zu geheim, als dass man die wirklichen Internet-Schnüffler da sitzen lassen darf. So sind die drei Zeitungsleser Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums, wie ein Anzugträger vor der Tür gesteht. Dummies also, Teil einer Inszenierung. Die Karten an den Wänden sind dagegen echt – an der Stirnseite der Nahe Osten, zwischen den Fenstern die sieben Kontinente. Die Kameraleute filmen das Interieur, die in Zeitungen blätternden Dummies, die Monitore mit den islamischen Webseiten und Videos und dann noch einmal alles zusammen. Die Fotografen fotografieren. Wenn die echten Fahnder sich aus Sicherheitsgründen nicht zeigen wollten, müssen dann jetzt die Dummies mit Anschlägen auf sich oder ihre Familien rechnen?
 |  Hier ist man sonst dem Terror auf der Spur | Foto: nz/tst |
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Am Ende des Flures drängen sich plaudernd Verfassungsschutzchef Fromm und der Vize des Bundeskriminalamts samt ihrer Entourage. Dann rollt der Minister herbei, vorbei an mannshohen Stahltresoren, vorbei an den ziegelrot gerahmten Türen und entschwindet in einem Nebenraum. Fotografen und Kameraleute pressen den letzten Kaffee aus den Kannen am Buffet. Die schreibenden Reporter sind längst in einen Neubau des Verfassungsschutzes gewechselt, wo Fromm und der Minister gegen Mittag zu den Journalisten sprechen wollen. Über das Böse im Web, über das «Internet als Problem», von Deutschland im «Fadenkreuz des Terrors». Schäuble wird die «Kooperation von Technikern und Islamwissenschaftlern» im GIZ loben.
Gegen Mittag nimmt ein echter Islamwissenschaftler in Raum 209 Platz, dort, wo zuvor die Dummies in den arabischen Zeitungen blätterten. Vor einem Regal mit Arabisch-Wörterbüchern und zwei Dutzend, in Gold beschrifteten Koran-Bänden. Schäuble lässt sich am Computerbildschirm zeigen, was ihm Fromm zuvor im Separee schilderte. Die Kameraleute dürfen endlich wieder filmen, die Fotografen fotografieren.
 |  'Fröhlichkeit wird geringer': Terrorbekämpfer Schäuble
| Foto: nz/tst |
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Von allen Seiten bedrängt den Minister jetzt der Islam, von hinten dessen religiöse Spielart, deren Geist die goldglänzenden Koran-Ausgaben verströmen. Vom Bildschirm her der extremistische, das Böse, das der Dschihad-Experte für Schäuble jetzt aus dem Internet fischt. Der Fachmann spricht in gedämpftem Ton von Selbstmordattentaten, Geiseln, von Drohvideos, der Minister lauscht und schaut, nickt gelegentlich, nimmt die Brille ab. Als alle ihre Bilder haben, drängt ein Anzugträger zum Aufbruch.
Für Schäuble ist der Vormittag gelaufen, vor allem mental. «Die morgendliche Fröhlichkeit, die mich im Allgemeinen kennzeichnet, wird im Verlauf einer solchen Präsentation geringer», bilanziert er im Pressesaal. Die Schreiber schreiben das dankbar mit. Denn von Fadenkreuzen, der Gefährdungslage, der terroristischen Gefahr aus dem Internet war einfach schon zu oft die Rede. Nach einer halben Stunde mag Schäuble nicht mehr über Cyber-Terror reden, hat es sehr eilig. Er will mit seinem tschechischen Amtskollegen regeln, dass an der Grenze bald die Personenkontrollen wegfallen. Einfach mal was Schönes tun.
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