05.10.2007
Herausgeber: netzeitung.de
So brav sind sie nicht immer: Schüler einer Montessori-Schule
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Viele haben den Kampf gegen die Schul-Misere aufgegeben und kurieren ihr Burn-out-Syndrom. Tilman Steffen ist am Welt-Lehrertag den Schwächen des deutschen Bildungssystems auf der Spur.
Lehrer zu sein ist kein Vergnügen: Ihr Ruf ist mies, weit verbreitet ist die Ansicht, sie arbeiteten sowieso nur vormittags und in den Ferien hätten sie frei. Zudem stehen immer betagtere Pauker vor den Klassen: Im Durchschnitt haben sie 48 Jahre hinter sich, 2006 waren sie im Mittel 0,8 Jahre älter als sechs Jahre zuvor. Der Frauenanteil stieg zuletzt auf zwei Drittel, was nicht per se eine schlechte Nachricht ist. Tatsächlich optimistisch stimmt, dass es nun wieder mehr Lehrer gibt. Das Statistische Bundesamt weist eine, wenn auch bescheidene Zunahme um 0,9 Prozent seit 2001 aus.
In den Schulen merkt man davon kaum etwas. Weil die Stellenpläne hierzulande keinerlei Spielräume zulassen, fällt Unterricht einfach aus, wenn ein Lehrer einen Kollegen auf einer Schülerexkursion unterstützen muss oder auf Weiterbildung ist. Beides ist durch Lehrpläne und Schulgesetz vorgeschrieben und kann nicht ausgeplant werden. Vor allem Schüler der höheren Klassenstufen können dann besonders oft länger schlafen. «Die Lehrer haben nicht nur das Recht, sie haben die Pflicht zur Weiterbildung», sagt der Leiter eines Berliner Gymnasiums, der in seiner Privatschule tagtäglich den Kollegen-Mangel verwalten muss. Sein Hauptproblem: Nichtstaatliche Schulen erhalten aus der öffentlichen Kasse nur zwei Drittel des Budgets, das Schulen in Landes-Trägerschaft bekommen.
Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) brillierte am Freitag - dem Weltlehrertag - mit der Mitteilung, seine Schulen seien nunmehr zu 100,5 Prozent mit Lehrern versorgt. Damit stehe die Bundeshauptstadt besser da als andere Bundesländer. Den Beigeschmack von Zöllners Botschaft erkannte nicht nur die Lehrergewerkschaft GEW: Sechs Wochen nach Schuljahresbeginn kommt die Vollversorgung einfach wesentlich zu spät.
Lesen stärkt die WirtschaftGute Schulen kosten eben Geld: für Lehrer, für Materialien, für Heizung, Wasser und Strom. Die Betriebskosten zahlen meist die Gemeinden, die Lehrer die Länder. Um den permanenten Lehrermangel im deutschen Bildungssystem zu beheben, setzen die Pädagogen nun ganz oben an. Bildungsausgaben sollen den Status von Investitionen erhalten. Mehrere Verbände verlangten, das im Artikel 115 des Grundgesetzes zu verankern. «Wir brauchen eine Investition in Köpfe und nicht nur in Beton», so Ludwig Eckinger, Chef des Verbandes Bildung und Erziehung. So werde Deutschland vom abstoßenden Beispiel endlich wieder zum Vorbild.
Es könnte sich lohnen, ist doch Wissen erwiesenermaßen Grundlage des späteren Erfolgs der Ausgebildeten, der Wirtschaft und damit der Gesamtgesellschaft. Ein Land, bei dem zum Beispiel die Lesekompetenz ein Prozent über dem internationalen Durchschnitt liegt, übertrifft andere Länder bei der Arbeitsproduktivität um 2,5 Prozent, beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um 1,5 Prozent. In einer der gefürchteten PISA-Studien war Deutschland bei der Lesekompetenz der 15-Jährigen unter dem Durchschnitt gelandet.
Soweit die Theorie. Überlegungen, wie die Bildungswüste Deutschland nachhaltig zu begrünen ist, gibt es seit langem. Doch erfolgsarm kuriert die Politik an den Symptomen herum. Das Bundes-Förderprogramm für Ganztagsschulen geriet nachträglich in Verruf, weil der Bund sich im föderal strukturierten Deutschland aus den Schulen herauszuhalten hat. Zäh zeigen sich die Länder beim Versuch, schulische Leistungen länderübergreifend vergleichbar zu machen. Von einem bundesweiten Zentralabitur reden bisher nur Experten.
Gutscheine für SchulenEinen Vorschlag, der tatsächlich für Wettbewerb sorgen dürfte, machten Berliner Bildungsforscher. Er hört sich simpel an. Für jeden Schüler sollten die Schulen Finanzierungsgutscheine erhalten, durch die sie ihre Kosten decken. Das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie kalkulierte einen Bedarf zwischen 3600 Euro für normal begabte Grundschüler bis hin zu 6000 Euro bei Ober- und Hauptschülern. Der Wert für Realschüler und Gymnasiasten liegt dazwischen.
Für besonders Förderungsbedüftige rechneten die Wissenschaftler einen Aufschlag hinzu, damit Schulen auch solche Kinder aufnehmen und nicht nur Elite auf Elite trifft. Um Schulen in Gegenden mit weniger Kindern zu erhalten, soll deren Budget ergänzt werden, zur Kompensation des demografischen Nachteils. Das Modell, dem durchaus auch Privatschulen unterliegen sollen, fußt auf der Pflicht, Schüler auch aufzunehmen, wenn deren Eltern sie anmelden. Eine Auswahl nach sozialen Kriterien ist verboten, vor allem dann, wenn die Kapazität des Hauses erschöpft ist. In allen anderen Entscheidungen sollen die Schulen frei sein.
Lehrer als VerschiebemasseSchon heute sind Eltern zunehmend bereit, für eine gute Schulbildung ihren Nachwuchs auch in die weiter entfernte Schule zu chauffieren. Gerade in Berlin zeigte sich dies jüngst, als ein Gericht Eltern grundsätzlich das Recht zubilligte, eine Schule frei zu wählen. Das Land hatte bisher darauf beharrt, dass Kinder eine nächst der Wohnung gelegene Schule besuchen. Eltern waren trickreich dazu übergegangen, den Wohnort-Zwang mittels Scheinumzügen zu umgehen. «Da der Wettbewerb zwischen Schulen gerade in Städten stattfindet, wären Berlin oder Hamburg ideale Standorte, um Schulgutscheine einzuführen», wirbt Bildungsökonom Dieter Dohmen für die Idee seines Instituts. «Umzugsorgien» nach Berliner Muster wären von vornherein vermeidbar.
Ein Problem löst aber auch das Gutschein-Modell noch nicht: Der Wahlfreiheit für Eltern müsste die Wahlfreiheit für Lehrer folgen. Denn die Bildungsverwaltungen schieben ihre Pädagogen noch immer munter nach Gutdünken in die klaffenden Lücken. Eltern leiden unter dem Phänomen, dass beim Tag der offenen Tür die Bildungshäuser ihre Schokoladenseiten präsentieren, aber bis zum ersten Tag nach den Sommerferien unklar ist, wer denn den Schulanfänger tatsächlich unterrichten wird.
So wird die Schulwahl zur Lotterie und zu Schuljahresbeginn prallen in den Klassenzimmern dann Welten aufeinander: Lehrer treten vor Grundschulklassen, obwohl sie im Vorjahr noch Gymnasiasten unterrichteten. Und das voller Missmut, weil die Behörde den Versetzungswunsch ablehnte und die Lehrkraft als verfügbare Verschiebemasse betrachtete. Es dauert dann meist nur wenige Tage, bis empörte Eltern das Schulsekretariat stürmen, weil ihre Sprösslinge die Tafel-Handschrift des Lehrers nicht lesen und seinen nur für Erwachsene verständlichen Sätzen nicht folgen können. Wer vermag, meldet sein Kind dann an eine Privatschule um, der Rest der Eltern fügt sich, desillusioniert und genervt.