netzeitung.deStoiber, der preußische Bayer

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Am Samstag geht er: Edmund Stoiber (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Am Samstag geht er: Edmund Stoiber
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Als sich die Chance nach ganz oben bot, zauderte er und blieb dann dem Freistaat treu. Auch am Ende verpasste der CSU-Chef einen würdigen Absprung, sein eigener Tatendrang brachte ihn zu Fall.

Edmund Stoiber hätte die höchsten Weihen der Politik bekommen können. Doch entweder reichte es nicht ganz, oder er zauderte. Jetzt verliert Bayerns Ministerpräsident seine Macht im Freistaat früher als er wollte - und geht nach Brüssel. Dort hätte er schon seit 2004 EU-Kommissionspräsident sein können, nun wird er lediglich Chef eines neuen Expertengremiums zum Bürokratieabbau.

Monatelang schwieg sich Stoiber über die dramatische Januar-Nacht von Wildbad Kreuth aus, als die mächtige CSU-Landtagsfraktion ihn nach einer in der Geschichte der Partei beispiellosen Führungskrise fallen ließ. Erst Ende August vertraute er dem Magazin «Stern» an, wie sehr ihm der erzwungene Rücktritt wehgetan habe: «Ich bin ja auch nur ein Mensch.» Nach 14 Jahren an der Spitze Bayerns räumt Stoiber, der am 28. September 66 Jahre alt wird, Ende September seine Spitzenposten.

Bis zum letzten Amtstag zeigt Stoiber «mit preußischer Dienstauffassung» Einsatz. Mit seinem Tatendrang jagte er seiner Partei zeitweise Angst ein, er könne sich seine Rücktrittsankündigung noch einmal überlegen. Sein Vermächtnis ist ein milliardenschweres Zukunftsprogramm für Bayern bis zum Jahr 2020. Den Abschied versüßten ihm mächtige Freunde im Ausland. Russlands Präsident Wladimir Putin und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy empfingen Stoiber kurz vor seinem Abtritt im Kreml und im Elysée-Palast.

Leiden wie ein Hund
Der Autoritätsverfall Stoibers in der CSU begann im Herbst 2005 nach der Bundestagswahl. In den Koalitionsverhandlungen der Union mit der SPD schlug Stoiber erst ein Super-Ministerium für sich heraus, dann machte er einen Rückzieher und blieb doch lieber in Bayern. Seine persönlichen Umfragewerte erholten sich seitdem nicht mehr, auch wenn er an der Parteibasis Buße tat («Ich leide wie ein Hund»).

Den Unmut in der großen Koalition - auch den der Schwesterpartei CDU - zog Stoiber sich mit seinem Zickzack-Kurs bei den Verhandlungen zur ohnehin unpopulären Gesundheitsreform zu. «Edmund, der Dickschädel, das ist für mich eine Ehrenauszeichnung», sagte er beim CSU-Parteitag im Oktober 2006.

Laptop und Lederhose
Um Haaresbreite wäre der Oberbayer 2002 Bundeskanzler geworden. Denkbar knapp unterlag Stoiber als Unions-Kandidat dem amtierenden SPD-Kanzler Gerhard Schröder - eine der größten Enttäuschungen in Stoibers politischem Leben. Zu seinem persönlichen Triumph wurde dann die bayerische Landtagswahl 2003. Stoiber erreichte erstmals für die CSU eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Landtag. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hätte er danach Bundespräsident oder EU- Kommissionspräsident werden können. Er wollte weder das eine noch das andere. «Meine Liebe gehört Bayern», beteuerte Stoiber stets.

Ausgestattet mit großer Machtfülle - seit 1999 war Stoiber auch CSU-Vorsitzender -, verordnete er dem Freistaat harte Verwaltungsreformen und einen umstrittenen Sparkurs. Am Ende konnte Stoiber in seine Erfolgsbilanz schreiben, dass Bayern 2006 als erstes Bundesland einen ausgeglichenen Haushalt vorlegte und im Ländervergleich immer Spitzenplätze in Wirtschaft und Bildung belegt. «Laptop und Lederhose» ist das Sinnbild der Ära Stoiber. Doch die emotionalen Erwartungen seiner Anhänger erfüllte er nicht.

Stoibers Versprecher
Der am 28. September 1941 in Oberaudorf am Inn geborene Stoiber wuchs in einfachen Verhältnissen auf und legte ein Prädikatsexamen in Jura ab. «Blondes Fallbeil» wurde der frühere CSU-Generalsekretär, Staatskanzleichef und Ziehsohn von Franz-Josef Strauß genannt. Den Posten des Ministerpräsidenten übernahm der damalige Innenminister Stoiber im Mai 1993 von Max Streibl, der über die «Amigo-Affäre» - von Industriellen bezahlte Privaturlaube - gestolpert war.

Im Internet kursieren Stoibers legendäre Versprecher vom «Blumen hinrichten» oder der «gludernden Lot». «Vielleicht macht mich das für den ein oder anderen ja sogar sympathischer», sinnierte er im «Stern». Als Alternative zur Politik könne er sich das Amt des Präsidenten beim FC Bayern vorstellen, sagte der bekennende Fußballfan einmal. Künftig will Stoiber aber doch lieber den Dschungel unnützer Verordnungen in Europa lichten. (Dorothea Hülsmeier, dpa)