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Meisners Kulturkritik «schlimme Entgleisung»

15. Sep 2007 13:20, ergänzt 16:08
Der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner
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Dass Kardinal Meisner «entartete» Kultur ablehnt, hat für breites Entsetzen gesorgt - denn seine Wortwahl erinnert an das NS-Regime. Das Kölner Erzbistum verteidigt ihn.

Der Kölner Erzbischof Joachim Meisner hat mit einer an den Wortschatz des Nationalsozialismus erinnernden Aussage zu «entarteter» Kultur für Empörung gesorgt. Meisner hatte am Freitag in einer Predigt gesagt, dass bei einer Trennung von Kunst und Gottesverehrung Kultur «entarte».

Der Schriftsteller Ralph Giordano sagte, Meisner habe sicher keinen positiven Bezug zum Nationalsozialismus herstellen wollen. «Aber geistig wabert aus dieser Zeit immer noch etwas herüber, und es wäre besser gewesen, wenn Kardinal Meisner dieses Wort nicht gebraucht hätte», kritisierte Giordano am Samstag im Westdeutschen Rundfunk.

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Der Künstler Gerhard Richter sagte der «Bild am Sonntag»: «Zwar kann uns der Hitler nicht alle Wörter verbieten. Aber das Wort 'Entartung' im Zusammenhang mit Kunst zu benutzen ist eine schlimme Entgleisung.»

Der nordrhein-westfälische Kultur-Staatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) wies die Bewertung Meisners ebenfalls scharf zurück. Bereits dessen Kritik am neuen, von Gerhard Richter entworfenen Fenster im Kölner Dom hätten «bewiesen, dass es wenig Sinn macht, mit ihm über Kunst zu diskutieren. Und das sage ich nicht nur als Kulturstaatssekretär, sondern auch als Katholik», sagte Grosse- Brockhoff dem «Kölner Stadt-Anzeiger».

«Gegen alle Formen des Totalitarismus»

Das Erzbistum Köln wies die Kritik zurück. «Die Äußerung des Kardinals wendet sich weder gegen bestimmte Kunstformen, Kunstwerke oder Künstler, noch will sie irgendjemanden diskreditieren oder gar diffamieren», hieß es in einer am Samstag verbreiteten Stellungnahme. Meisner habe in seiner Predigt die Menschenverachtung der Nationalsozialisten angesprochen. «Den von der Nazi-Ideologie missbrauchten Begriff der Entartung richtet er somit gegen diese und alle Formen des Totalitarismus.»

Im Domradio hatte Meisner selbst bereits seinen Sprachgebrauch gerechtfertigt: «Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen, wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden. Das war die schlichte Aussage dieser Passage», sagte er.

Doch auch der ehemalige Landeskulturminister Michael Vesper zeigte sich erschrocken darüber, dass der Begriff «entartet» noch verwendet werde. «Ich dachte, dass das in Deutschland Geschichte sei», sagte er dem Kölner «Express». Kunst sei frei und dürfe von niemandem vereinnahmt werden.

Meisner «schürt ein gefährliches Feuer»

«Wer wie Kardinal Meisner bereit ist, Kunst, die nicht in die eigene Denkschublade passt, auszusortieren, sie an den Pranger zu stellen, der schürt ein gefährliches Feuer.» Ähnlich äußerte sich der Kölner CDU-Kulturpolitiker Lothar Theodor Lemper: Der Begriff «entartet» sollte im Sprachgebrauch tabu sein. «Zudem erwächst Kultur nicht nur aus Gottesverehrung. Den Absolutismus, den Kardinal Meisner hier predigt, halte ich für falsch und unangebracht», sagte Lemper dem «Express».

Als «Entartete Kunst» galten in der Nazizeit alle Kunstwerke und kulturellen Strömungen, die mit dem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht im Einklang standen. Dies betraf unter anderem Werke von Expressionisten. 1937 wurde in München die Ausstellung «Entartete Kunst» eröffnet. Sie zeigte 650 beschlagnahmte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen. (dpa/AP/ddp)

 
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