14. Sep 2007 14:48
Als eine «herausragende Persönlichkeit von hohem Renommee» beschreibt ihn EU-Kommissionspräsident Barroso. Der scheidende bayerische Ministerpräsident Stoiber wird nach Brüssel weggelobt.
Edmund Stoiber kann nicht von der Politik lassen: Am Freitag bestätigte der 65-Jährige, dass er nach seinem Rückzug als CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident zur Europäischen Kommission nach Brüssel wechseln will. Dort übernimmt er die Leitung einer Expertengruppe zum Thema Bürokratieabbau. Stoiber sei «ein engagierter Europäer und eine herausragende Persönlichkeit von hohem Renommee, mit mehr als 30 Jahren Erfahrung auf politischer und administrativer Ebene», teilte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Freitag in einer Presseerklärung mit. Vor rund drei Jahren hatte Stoiber noch den Posten des EU-Kommissionspräsidenten abgelehnt. Damals deutete aber auch noch nichts auf die Revolte in der CSU hin, die ihm Ende September seine Spitzenämter kosten wird.
Viele Jahre lang war es für Stoiber steil nach oben gegangen. In die Wiege war ihm dieser Erfolg nicht unbedingt gelegt worden. Stoibers Mutter stammte aus Dormagen, sein Vater war gebürtiger Oberpfälzer, der von seiner Firma Ende der 30er Jahre nach Oberaudorf im Landkreis Rosenheim versetzt wurde. Dort kam Stoiber als jüngstes von drei Kindern am 28. September 1941 zur Welt. Die materielle Not der Familie nach dem Zweiten Weltkrieg hat Stoiber nach eigenen Worten «mitgeprägt». Der Vater kam erst 1948 aus der Gefangenschaft zurück und war anschließend oft arbeitslos, bis er in München eine neue Anstellung fand. Richtig in Schwung kam die politische Karriere des studierten Juristen Stoiber, der mit seiner Frau Karin drei Kinder hat, im November 1978: Der damalige CSU-Chef Franz Josef Strauß bot ihm das Amt des Generalsekretärs an, das Stoiber bis März 1983 bekleidete.
In dieser Zeit erwarb er sich wegen seiner Attacken auf den politischen Gegner das Image vom «blonden Fallbeil». Nächste Karrierestation war die Leitung der Staatskanzlei. Nach dem Tod von Strauß im Oktober 1988 wurde Stoiber Innenminister. Im Mai 1993 setzte er sich in einem heftigen Machtkampf um die Nachfolge von Ministerpräsident Max Streibl gegen Theo Waigel durch. Anfang 1999 löste Stoiber Waigel dann als CSU-Chef ab. Im Januar 2002 überließ ihm CDU-Chefin Angela Merkel nach anfänglichem Widerstand die Kanzlerkandidatur der Union.
Für kurze Zeit wähnte sich Stoiber am 22. September 2002 sogar als neuer Bundeskanzler und damit am Ziel seiner politischen Träume. Er frohlockte bereits: «Wir haben die Wahl gewonnen!» Aber die ersten Hochrechnungen erwiesen sich als trügerisch - und SPD-Kanzler Gerhard Schröder konnte seine rot-grüne Koalition doch noch fortsetzen. Einen weiteren Dämpfer erlitt Stoibers Karriere durch sein missglücktes Berlin-Abenteuer. Der CSU-Chef hatte nach langem Zögern zunächst sein Interesse an einem Wechsel in die Bundeshauptstadt signalisiert.
Im Oktober 2005 verständigten sich die Spitzen von Union und SPD offiziell darauf, dass Stoiber Bundesminister für Wirtschaft und Technologie werden soll. Doch es folgte ein Tauziehen um den genauen Zuschnitt des Ressorts, bei dem Merkel sich nicht gerade intensiv für Stoiber eingesetzt haben soll. So nutzte der CSU-Vorsitzende die Rücktrittsankündigung des damaligen SPD-Chefs Franz Müntefering, um seinen Verbleib in Bayern zu verkünden. Stoiber erklärte seinen Schritt mit dem Satz: «Ich bin in dieser veränderten Situation zu der Überzeugung gekommen, dass ich als Parteivorsitzender die Interessen der CSU besser in München vertreten kann.»
Das sahen allerdings bei weitem nicht alle Parteifreunde so. Vielmehr ließen nun zahlreiche CSU-Politiker ihrem Unmut über den Zick-Zack-Kurs und den gesamten Führungsstil Stoibers freien Lauf. Dank zahlreicher Entschuldigungen des CSU-Chefs («Ich leide wie ein Hund») schien zwischenzeitlich der größte Zorn verraucht. Stoibers Fehler im Zusammenhang mit der Bespitzelungsaffäre um die Fürther Landrätin Gabriele Pauli (CSU) ließen jedoch die Debatte um ein Ende seiner Karriere umso heftiger wieder entflammen.
Am 18. Januar dieses Jahres kündigte Stoiber schließlich seinen Rückzug an, nachdem sich Innenminister Günther Beckstein und Wirtschaftsminister Erwin Huber bei der Klausur der CSU-Landtagsfraktion in Wildbad Kreuth über eine gemeinsame Nachfolge-Regelung verständigt hatten. In einem «Stern»-Interview räumte Stoiber kürzlich ein, dass ihn sein Amtsverzicht geschmerzt hat: «Kreuth hat mir wehgetan.» Er habe «natürlich nicht von mir aus» seine Ämter zur Verfügung gestellt. Nun bekomme er aber «ein großes Stück persönliche Freiheit zurück» - vor allem Zeit für die Familie und für Freunde. Einen Teil davon wird nun jedoch seine Arbeit in Brüssel beanspruchen. (Jörg Säuberlich, ddp)