Muslime, die durchs Raster fallen
07. Sep 2007 13:48
 |  Anti-Israel-Demo in Berlin
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Dass vermehrt Deutsche zum Islam übertreten, stellt Sicherheitsbehörden vor Probleme. Die einheimischen Neu-Muslime sind für Terrorgruppen interessant: Sie fallen kaum auf, berichtet
Tilman Steffen.
Dass zwei der drei im Sauerland festgenommenen Terrorverdächtigen zum Islam übergetretene Deutsche waren, sorgt für Fragen und Unruhe. Nicht nur Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnte vor gewaltbereiten Islamisten deutscher Herkunft, auch vergleichsweise unabhängige Experten sind beunruhigt. «Was mich umtreibt, ist die Herkunft», sorgt sich der Terrorismusexperte Guido Steinberg im Hinblick auf das Trio.
Zwei der mittlerweile Inhaftierten sind Deutsche, der 22-jährige Daniel S. und der 28-jährige Fritz G.. Früh nahmen sie den muslimischen Glauben an und entwickelten eine fanatische Gewaltbereitschaft, wie Ermittler schilderten. Auch der 28-jährige Adem Y. sorgt für die Frage, ob aus der Vielzahl der in Deutschland seit Generationen lebenden Türken heraus einzelne nun zum Sicherheitsrisiko werden. Denn das Trio im sauerländischen Oberschledorn hatte nach Erkenntnissen der Justiz diese Woche begonnen, aus einer Dreiviertel Tonne Wasserstoffperoxid Sprengstoff zu fabrizieren. In Autobomben gepackt, hätte er bei Anschlägen auf von US-Amerikanern besuchte Zentren eine weit stärkere Wirkung entfaltet als die Bomben von London oder Madrid.
 |  Muslime in Köln
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In vielen Bundesländern sind die Verfassungsschützer gewaltbereiten Islamisten auf der Spur. Im Saarland beobachten sie derzeit vier deutsche zum Islam Übergetretene. Der Verfassungsschutzchef des Bundeslandes, aus dem der Festgenommene Daniel S. stammt, hält es für «beunruhigend, dass vermehrt solche Konvertiten auftauchen». Sie gerieten dort in den letzten fünf Jahren ins Blickfeld. «Eine Erfahrung, die wir bisher nicht gemacht haben», sagt Verfassungsschutz-Direktor Helmut Albert auf Netzeitung.de.
Viermal soviel Übertritte
Er schildert die Schwierigkeiten, gewaltbereiter Konvertiten habhaft zu werden. «Sie fallen durch die bisher entwickelten Raster durch.» Baden-Württembergs Verfassungsschutzchef Johannes Schmalzl warnt vor allem vor Panik. «Es ist im Islamismus sekundär, ob es sich um Deutsche oder Ausländer handelt.» Das Täterspektrum sei vielschichtig, Deutsche können da ebenso eine Rolle spielen wie Deutsche mit Migrationshintergrund.
Hintergrund: Die Terrorverdächtigen |
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Genaue Zahlen gibt es keine. Das Deutsche Islam-Archiv in Soest geht von insgesamt 18.000 Konvertiten in Deutschland seit 1945 aus, allein 4000 im letzten Jahr – viermal soviel wie 2005. Zahlen, an deren Dimension Wissenschaftler zweifeln. Die Bundesregierung geht von insgesamt 3,5 Millionen derzeit in Deutschland lebenden Muslimen aus. Etwa 80 Prozent der Konvertiten waren zuvor Christen, der Rest überwiegend nichtreligiöse Einwanderer aus Osteuropa. Fakt ist, das die meisten der Liebe wegen Muslime werden – bei der Heirat eines islamgläubigen Partners. Etwa 60 Prozent davon sind Frauen.Etwa ein Prozent der Muslime in Deutschland gilt als islamistisch. «Nur ein Bruchteil dieser Gruppe wiederum setzt auf Gewalt, um den von ihr angestrebten Gottesstaat zu errichten», sagt Verfassungsschützer Schmalzl.
Übertritt verheimlicht
Schwierig wird es dann, wenn Menschen aus einer Lebenskrise, etwa einer Scheidung heraus zum Islam finden. Die «ungebrochene Glaubensgewissheit» dieser Religion (Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann) macht es Sinnsuchenden leicht, Fuß zu fassen. Auch Schmalzl sieht Gefahren. «Auf dieser Sinnsuche ist der Islam eine verführerische Religion, wenn er islamistisch interpretiert wird.» Wer den Koran buchstabengetreu auslegt, überspringt beim Übertritt die eigentliche Religion und landet gleich beim Islamismus, der den Gottesstaat als Ziel hat, beschreibt der Verfassungsschützer. Jüngere sind dafür anfälliger als ältere Menschen mit festerer Persönlichkeit. Der Weg dahin vollzieht sich unauffällig. «Wir beobachten auch Muslime, die ihren Übertritt wegen der aktuellen Diskussion um den Islamismus verheimlichen», sagte Schmalzl. Erst als gereifte Islamisten sind solche Menschen dann erkennbar.
Spur nach Pakistan
Verheerend kann sich auch der Druck auswirken, unter den sich frisch bekehrte Muslime setzen können. «Die meisten Konvertiten wollen den geborenen Muslimen zeigen, dass sie ganz besonders religiös sind», sagt Gerhard Isa Moldenhauer, ein vor mehr als 25 Jahren übergetretener Muslim. Sie können zu den einem Prozent der Muslime hinzukommen, die zu islamistischer Gewalt neigen. Aber auch Druck von außen befördert Übertritte und damit auch die Radikalisierung, was sich gerade nach den Anschlägen des 11. September 2001 zeigt. «Je mehr der Islam in der Öffentlichkeit aufgegriffen wird, desto mehr interessieren sich die Leute dafür. Deshalb steigt die Zahl der Konvertiten», sagt Moldenhauer.
 |  Dschihad-Kämpfer | Foto: AP |
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Die Folgen solcher Entwicklungen können verheerende sein. Übereinstimmend heißt es von Sicherheitsbehörden, das Terror-Trio von Oberschledorn habe sich in Terror-Camps ausbilden lassen, die von der Islamischen Dschihad-Union betrieben werden. Seit Jahren weisen Spuren des internationalen Terrorismus von Europa nach Pakistan, wo sich im Grenzgebiet zu Afghanistan gewaltbereite Islamisten ideologisch auf Linie bringen und im Gebrauch von Waffen und Sprengstoff unterweisen lassen.
Justiz gegen Terrorcamper machtlos
Vor allem aus Großbritannien gibt es Verbindungen in die frühere Kolonie, wie sich im Fall der U-Bahn-Bomber von 2005 zeigte. Im pakistanischen Karachi fasste man 2002 aber auch Ramzi Binalshibh, der als ein Drahtzieher der Anschläge des 11. September gilt und in Hamburg gelebt hatte. Sechs Deutsche wurde allein in diesem Jahr in Pakistan festgenommen.
Immer wieder beobachten die deutschen Sicherheitsbehörden Rückkehrer aus solchen Lagern und können ihrer nicht habhaft werden. Mangels Rechtsgrundlage, wie Verfassungsschützer Schmalz beklagt (s. Interview). «Vorbereitende Handlungen» wie der Besuch eines Terrorlagers sind derzeit nicht strafbar, bisher reden sich die Verdächtigen mit dem Verweis auf touristisches Reisen heraus. Dennoch haben die Ermittler zu tun: 230 Verfahren wegen Islamismus- oder Terrorverdachts laufen derzeit in Deutschland. 109 davon führt das Bundeskriminalamt, weil sie schwerwiegende Fälle betreffen.Die einheimischen Neu-Muslime sind für die gewaltbereiten Islamisten eine lohnende Gruppe, wenn es um das Planen und Ausführen von Anschlägen geht. Ein blonder Europäer könne sich unauffälliger bewegen, er werde etwa an Flughäfen weniger kontrolliert, sagt Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher. «Für islamistische Gruppen sind Konvertiten deshalb besonders wertvoll», sagt Muslimin Moldenhauer. Doch deshalb Muslime pauschal zu verdächtigen, gehe zu weit, warnt sie, wie auch Schmalzl: «Damit schürt man Ängste in der Bevölkerung. Und dafür gibt es keinen Grund.»