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Ein Trick der Fahnder verhinderte Schlimmstes

05. Sep 2007 15:58
Besorgter Eindruck: Monika Harms
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Nach Monaten der Observierung mussten die Ermittler spontan zugreifen - Auslöser war eine zufällige Verkehrskontrolle. Zuvor war das Bundeskriminalamt trickreich zu Werke gegangen, berichtet Tilman Steffen.

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Inmitten ihrer Observierung eines Ferienhauses in Oberschledorn im Sauerland wurde den Ermittlern die Sache zu unsicher. Sie tauschten die in dem Domizil gelagerten 750 Kilogramm 35-prozentigen Wasserstoffperoxids im Juli heimlich gegen Behälter mit stark verdünnter Chemikalie aus. Um jeden Preis wollte man verhindern, dass die drei Männer, die sich regelmäßig in dem Haus nahe der hessischen Grenze betätigten, ihren Plan verwirklichen: hochexplosiven Sprengstoff herzustellen, um mit Autobomben von US-Amerikanern besuchte Diskotheken, Clubs oder gar Flughäfen in die Luft zu jagen. Die Observierer gingen korrekt vor: Dem Trio den wirkungslosen Stoff unterzuschieben, hatte ein Richter zuvor genehmigt.

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Nach dem Tausch war das Risiko kalkulierbar, die am Dienstagnachmittag festgenommenen Terrorverdächtigen – zwei zum Islam übergetretene Deutsche und ein Türke – weiter zu beschatten. Mit der konzentrierten Chemikalie hätten die drei Islamisten weit größere Verwüstungen angerichtet, als es die Bomben auf Bahnzüge in Madrid oder in Londoner Bahnhöfen taten – die erreichbare Sprengkraft hätte 550 Kilogramm der hochexplosiven Substanz TNT entsprochen, erläuterte Generalbundesanwältin Monika Harms am Mittwoch in Karlsruhe.

Terror hervorgebracht

In den 24 Stunden davor hatten die Ereignisse eine rege Dynamik entwickelt. Am Dienstag schickten sich die Männer an, erste Bomben zu fabrizieren. Zugleich entbrannte in dem Feriendomizil eine Diskussion, ob man nicht einen anderen Ort wechseln solle. Der Grund: Die drei waren Stunden zuvor in eine Polizeikontrolle geraten, weil sie «während einer Erkundungsfahrt», wie BKA-Chef Ziercke schilderte, mit aufgeblendeten Scheinwerfern unterwegs waren.

Die Ermittler hörten infolge dessen aufgeregte Diskussionen mit, «die Gruppe war sehr verunsichert». Am frühen Nachmittag, als die Verdächtigen das Haus verließen, um woanders weiter zu bauen, entschlossen sich die Beamten zum Zugriff.

Mit der Festnahme der drei zwischen 21 und 28 Jahre alten Männer aus Baden-Württemberg, Hessen und dem Saarland habe die Polizei «massive Anschläge verhindert», wie Generalbundesanwältin Harms sagte. Wahrscheinlich ist, dass eines der Ziele in Baden-Württemberg lag, wo einer der Verdächtigen herstammte, sagte Ziercke. «Es liegt nahe, dass sie einen Ort aufsuchen, den er genau kannte». Das US-Außenministerium ließ am Mittwochnachmittag wissen, auch der Flughafen Frankfurt und die US-Luftwaffenbasis Ramstein hätten zu den Zielen gehört. Für Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist nun ein weiteres Mal klar, dass Deutschland nicht nur Rückzugsort von Terroristen ist, sondern auch selbst Terror hervorbringt. Ziercke sagte, immer wieder reisten Deutsche in Terror-Ausbildungslager nach Pakistan. Auch die Festgenommenen sollen sich in einem solchen Ausbildungslager kennengelernt haben.

Erfolgreich geheim gehalten

Die Ermittler rechnen sie der Islamischen Dschihad-Union zu, einem Ableger einer usbekischen Terrortruppe mit Verbindungen zu Al Qaeda, die sich zunehmend in Deutschland etabliert. Mehrfach sollen sie nach Pakistan gereist sein, um sich professionell ausbilden zu lassen. «Selbstzerstörerischer Hass auf die moderne Gesellschaft» treibe diese Menschen, sagte Schäuble. Tief gefurcht ist seine Stirn, als er in Berlin warnt: «Wir sind konkret bedroht.» Die Festnahme sieht der Minister als weiteren Beleg für den «home grown terrorism», den hausgemachten Terror.

Am Mittwoch erließ ein Ermittlungsrichter in Karlsruhe Haftbefehle gegen die drei Festgenommenen, einen der drei betrachte man als Rädelsführer, sagte Bundesrichter Rainer Griesbaum. Er hofft nun, nach den Festnahmen, auf besseres Vorankommen, denn die Justiz kann nun offen agieren und Zeugen befragen. Über länger als ein halbes Jahr war es gelungen, die Ermittlungen geheim zu halten, laut Schäuble «erstaunlich, trotz der hohen Zahl an Beteiligten»: 40 Arbeitsgruppen versammelten sich monatelang täglich zur Lagebesprechung. 300 Beamte waren über Monate «Tag und Nacht» im Einsatz, eine Aktion bisher einmaligen Umfangs, wie Ziercke schilderte. Bei der Festnahme am Dienstag waren es noch einmal 300 mehr.

Erste Sprengstoff-Versuche

Erste Hinweise auf das Trio hatte das Gemeinsame Terror-Abwehrzentrum der deutschen Sicherheitsbehörden in Berlin am 5. Januar 2007. Wochen zuvor war dem Verfassungsschutz ein Mann aufgefallen, der die Yorkhof-Kaserne in Hanau intensiv von außen inspizierte. Die Verfassungsschützer gaben Bundesanwaltschaft und Polizei Tipps, die Ermittler observierten «mit polizeilichen Mitteln» fortan den Mann und seine Komplizen.

Konkret wurde es im Februar. Da erwarb einer der drei im Raum Hannover zwölf Fässer Wasserstoffperoxid, eine Chemikalie, die Friseure zum Blondieren verwenden, die Terroristen aber auch zum Bombenbau nutzen. Die Flüssigkeit lagerte die Gruppe zunächst in einer Garage in Freudenstadt, aus dem Herkunftsland eines der Verdächtigen. Zugleich begann sie in dem im Sauerland angemieteten Ferienhaus erste Versuche, Sprengstoff zu fabrizieren.

In den letzten Tagen hatten sich die drei die für Bomben erforderlichen Bauteile besorgt: Zünder, Leiterplatten, Kabel. Die Anleitungen zum Bau, bedauerte Ziercke, finde man leider «auf den einschlägigen Seiten im Internet». Am Sonntag wurden die Verdächtigen konkret: Ein erstes Fass Wasserstoffperoxid aus der Freudenstädter Garage kam in dem Ferienquartier an.

Zweikampf mit BKA-Beamten

Selbst Zeitungsberichte über ihre Terrorgruppe IDU hatten die drei nicht von ihrem menschenverachtenden Vorhaben abgebracht, für Ziercke ein Zeichen ihrer «fanatischen Hingabe an den Dschihad». Erst besagte Polizeikontrolle ließ die Truppe ihre Pläne wandeln. Unerwartet mussten die Observierer nun handeln, denn die Verkehrskontrolle war «wirklich ein Zufall» gewesen, so der BKA-Chef. Zierckes Mannschaften, verstärkt durch die Elite-Polizeitruppe GSG9, stürmten das Ferienhaus.

Zwei der Männer nahm man sofort fest, der dritte entwischte durch das Badfenster. Ein BKA-Mann stoppte dessen Flucht nach etwa 300 Metern und nach einem Zweikampf, bei dem auch ein Schuss fiel. Ob der Flüchtende dem Polizisten die Pistole aus dem Halfter riss und selbst feuerte oder ob der Beamte schoss, konnte am Mittwoch noch keiner genau erklären.

Die Justiz ermittelt insgesamt gegen acht Verdächtige. Parallel zu dem Zugriff in Oberschledorn durchsuchten Polizisten bundesweit an 41 Stellen Zentren von Terrorverdächtigen, Richter hatten dafür 25 Genehmigungen ausgestellt. Die Beamten beschlagnahmten vor allem Computer, Notizen und Bargeld. Einen konkreten Zusammenhang zwischen den Festnahmen und den Razzien wollte am Mittwoch niemand darlegen – aus ermittlungstaktischen Gründen.

 
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