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Abitur ohne Schule

29. Aug 2007 10:06
Lenya Bock will fürs Leben lernen
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Acht Schüler aus Freiburg haben dem traditionellen Schulsystem den Rücken gekehrt. Jetzt bereiten sie sich selbst aufs Abitur vor. Wie? Caroline Benzel ließ sich das von einer Schülerin erklären.

Keine Sommerferien gab es dieses Jahr für die Freiburger Schüler Lenya Bock, Lena Schindler und Alwin Franke, die bereits mitten in der Abitur-Vorbereitung stecken. Anstatt jedoch den ganzen Tag zu lernen, haben sie Präsentationen erstellt, mit Banken gesprochen, Einstellungsgespräche mit Lehrern geführt und einen Klassenraum gesucht.

Die drei haben sich gemeinsam mit fünf anderen Jugendlichen entschlossen, ohne Schule fürs Abitur zu lernen. Ende Juni sind sie von der Schule abgegangen und haben den Verein Methodos gegründet. Rund 50.000 Euro wird es kosten, auf eigene Faust Abitur zu machen. Lehrer und die Miete für Klassenräume müssen von den Schülern selbst bezahlt werden.

Netzeitung.de: Sie haben sich von der Schule abgemeldet und wollen trotzdem Abitur machen. Wie soll das funktionieren?

Lenya Bock: Wir werden uns in Form einer schulfremden Prüfung vorbereiten. Dann müssen wir keinen Nachweis erbringen, dass wir zur Schule gegangen sind. Somit können wir die Vorbereitung so gestalten, wie wir es wollen.

Netzeitung.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ohne Schule Abitur zu machen?

Bock: Als wir in der zehnten Klasse waren, gab es eine Schülertagung. Dabei ging es um Lehrmethoden und um die Fragen «Was ist die perfekte Schule?» und «Wie soll die Schule der Zukunft aussehen?» Als Ergebnis dieser Tagungswoche gab es viele gute Gedanken, aber nichts davon wurde Realität, weil das an unserer Schule nicht geht. Die Schule ist viel zu langsam - ein Koloss, der sich einfach nicht bewegt.

Netzeitung.de: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Bock: Wir waren auf einer Waldorfschule und dort ist es nicht so, dass der Direktor etwas beschließt, das dann umgesetzt wird. Bei einer Waldorfschule gibt es Treffen und Beschlüsse. Bis sich wirklich etwas ändert, vergeht viel Zeit. Obwohl ich nicht glaube, dass es an anderen Schulen leichter wäre. Wir waren der Ansicht: Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir das selbst tun.

Netzeitung.de: Nicht jeder Schüler beschäftigt sich mit unterschiedlichen Schulformen. Glauben Sie, dass Sie als ehemalige Waldorfschüler sich anders mit dem Thema Schule auseinandersetzen?

Bock: Auf jeden Fall. An einer Waldorfschule nimmt man Unterricht ganz anders wahr. Schule ist nicht nur ein notwendiges Übel, das man machen muss und mit möglichst guten Noten hinter sich bringt. Schule ist ein Lebensraum.

Netzeitung.de: Was möchten Sie persönlich in diesem Jahr erreichen?

Bock: Ich möchte in der Lage sein, selbstständig und aktiv zu lernen - unabhängig von einem Lehrer, der mir etwas erzählt, das ich nur abspeichere. Und natürlich möchte ich ein gutes Abi machen.

Netzeitung.de: Wie hat sich Ihr Leben seit der Entscheidung verändert?

Bock: Pausenlos klingelt das Telefon. Wir haben wahnsinnig viel zu tun, und ich merke, wie viel ich eigentlich schaffen kann. Das ist ein tolles Gefühl. Auch die Gruppe ist stark zusammen gewachsen. Es ist eine ganz neue Erfahrung, wirtschaftlich zu denken und zu organisieren.

Netzeitung.de: Was müssen die Lehrer mitbringen, die bei Ihnen unterrichten dürfen?

Bock: Wir suchen Lehrer, die eine gute Menschenkenntnis haben, die wissen, was in einem Schüler gerade vorgeht, die den Schüler ernst nehmen. Zwar ist das in unserem Fall nicht ganz so wichtig, weil wir uns auf das Abitur vorbereiten. Wir sind schon alle selbstständig und älter – aber wenn das Projekt Zukunft hat und eine ganze Oberstufe entsteht, dann sollten das solche Lehrer sein.

Netzeitung.de: Und wie wird der Unterricht ablaufen?

Bock: Wir setzen uns für jeden Tag ein thematisches Ziel – und haben dann den ganzen Vormittag Zeit, dieses Ziel zu erarbeiten, so dass am Ende alle das Thema verstanden haben. Dafür teilen wir uns in verschiedene Lerngruppen auf.

Netzeitung.de: Wann kommt der Lehrer ins Spiel?

Bock: Am Nachmittag treffen sich die Kleingruppen und besprechen, was sie am Vormittag erarbeitet haben. Der Lehrer beurteilt dann, ob die Themen richtig erarbeitet wurden – schließlich gibt es bei jedem Thema einen Interpretationsspielraum. Außerdem steht uns der Lehrer zur Verfügung, wenn wir Fragen haben – in der Regel zwischen zwei und vier Stunden in der Woche.

Netzeitung.de: Wie haben Ihre Eltern die Entscheidung aufgenommen?

Bock: Mein Vater war begeistert. Der findet alles gut, das ein bisschen subversiv ist. Er wollte sich sofort in dem Projekt engagieren und den Verein für uns gründen. Wir mussten ihn bremsen, damit er nicht alles für uns macht. Meine Mutter war erst einmal skeptisch. Erst als das Medienecho kam und sie gemerkt hat, wie sehr wir uns einsetzen, war sie überzeugt.

Netzeitung.de: Wie finanzieren Sie Ihren Schulunterricht?

Bock: Insgesamt wird das Projekt bis zum Abitur 50.000 Euro kosten. Davon stehen uns bislang 15.000 Euro zur Verfügung, den die Eltern tragen. Das entspricht etwa den 150 Euro Schulgeld, das sie vorher monatlich an die Waldorfschule bezahlt haben. Den Rest wollen wir über Spenden finanzieren. Wir stellen derzeit verschiedene Anträge an Stiftungen, aber bis diese Anträge bearbeitet sind, kann es dauern. Falls wir nicht rechtzeitig genug Geld zusammen bekommen, nehmen wir einen Kredit auf.

 
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