RAF-Mitschnitte wurden zufällig entdeckt
31.07.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Insgesamt sollen nach Angaben von «Spiegel TV» nur noch etwa zwölf Stunden von Mitschnitten aus dem Prozess existieren, der Deutschland über Monate in Atem gehalten hatte. Da die Bänder nach dem Abtippen für die Akten immer wieder überspielt wurden, sind die meisten Aussagen gelöscht. «Es handelt sich ja nicht um Beweismittel, sondern lediglich um Hilfsmittel zum Erstellen der Verfahrensprotokolle», erklärt Direktor Stephan Molitor vom Staatsarchiv Ludwigsburg. Und auch das Oberlandesgericht (OLG) zeigte sich vom Fund Ende 2005 überrascht: «Unser Haus war eigentlich davon ausgegangen, dass keine Bänder mehr existierten», meint OLG-Sprecherin Josefine Köblitz. Das eigentlich vorgesehene Löschen war nach dem Abschreiben wohl einfach vergessen worden. Nach langwierigen Verhandlungen seien die Bänder dann auf Wunsch des OLG in Kopie über das Staatsarchiv an die Dokumentarfilmer aus Hamburg herausgegeben worden.
Für «Spiegel»-Chefredakteur Stefan Aust lassen die Mitschnitte deutliche Rückschlüsse auf die psychische Verfassung der RAF- Terroristen zu. «Ein Tondokument übermittelt da eine ganz andere Authentizität», sagt Aust. Er wertet vor allem die noch vorhandenen Originaltöne Ulrike Meinhofs als Sensation: «Man merkt in ihrer Stimme die Verzweiflung und die Verwirrung», sagt Aust, der vor mehr als 20 Jahren bei der Recherche für seinen Bestseller «Der Baader Meinhof Komplex» bereits die Transkripte studiert hatte. Nach Ansicht Austs wird klar, wie sehr sich Meinhof bereits von der RAF distanziert hat, wenn sie unter anderem sagt: «Wie kann ein isolierter Gefangener den Justizbehörden zu erkennen geben, angenommen, dass er es wollte, dass er sein Verhalten geändert hat?». Meinhof hatte sich im Mai 1976 in ihrer Zelle erhängt.
Auch Ensslins Distanzierung vom RAF-Anschlag auf das Hamburger Springer-Hochhaus 1972 ist noch auf den Prozessmitschnitten erhalten. Sie verdeutlicht das zerrüttete RAF-System, das ansonsten stets für seine Verbrechen gemeinsam Verantwortung übernahm.

